Home » EinBlick, Leitartikel

Erste Schritte in den Hörsaal

23 Januar 2017 No Comment

Die FSU Jena bietet mit ihrem Gasthörerprogramm Flüchtlingen einen Einblick ins Uni-Leben in Deutschland. Wir sprachen mit Organisatoren und Teilnehmern.

von Julia & Tina

Sprache, Bildung und Arbeit sind der Schlüssel zur Integration. Eine besondere Vorreiterrolle bei der Einbindung der Flüchtlinge in die Gesellschaft und vor allem einen schnellen Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wird den Hochschulen zuteil. Sie haben nicht nur früh ihr eigenes Potenzial zur Integration von Flüchtlingen erkannt, sondern ebenso das der Geflüchteten für die Gesellschaft.
Unter den Flüchtlingen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen, sind viele bereits qualifiziert und interessiert, ihre Ausbildung hier zu vertiefen. Die Notwendigkeit, die Asylsuchenden auch auf akademischen Wege zu fördern, hat die Politik erkannt und so werden deutschlandweit studienvorbereitende Maßnahmen der Universitäten aus Mitteln des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Landesministerien finanziert. Insbesondere hat der DAAD aus Mitteln des BMBF das Förderprogramm „INTEGRA – Integration von Flüchtlingen ins Fachstudium“ ins Leben gerufen. Ergänzend zur finanziellen Unterstützung für die Universitäten werden Studenteninitiativen im Bereich der Flüchtlingshilfe aus dem gesonderten Programm des DAAD „WELCOME – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge“ gefördert. Das WELCOME-Programm bewilligte dieses Semester auch Fördermittel für ein Projekt der EAH Jena. Dabei werden zwei studentische Hilfskräfte geschult, in Flüchtlingsunterkünften in ganz Thüringen über Studienmöglichkeiten für die Flüchtlinge an der EAH zu informieren und unter anderem bei der Bewerbung zu helfen.
Auch einige Studierende der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, beispielsweise die der Fachbereiche Medizin, DAF, IWK und Rechtswissenschaften (siehe Info-Box unter dem Artikel).

Hürden gering halten
Das INTEGRA-Programm finanziert auch an der Uni Jena ein Gasthörerprogramm für die akademische Integration der Flüchtlinge. Das Programm wird durch enge Zusammenarbeit vor allem zwischen dem Sprachenzentrum und dem Dezernat für Studentische Angelegenheiten sowie städtischen und lokalen Stellen, und dem Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft, durchgeführt. „Wir wollen studierfähige Flüchtlinge in das Studiensystem und die Fachsprache einführen, und ihnen somit die Möglichkeit geben, sich im Deutschen so weit zu qualifizieren, dass sie mittelfristig ein Studium beginnen können“, so Dr. Britta Salheiser, Mitarbeiterin des Internationalen Büros der Uni Jena.
In dem Angebot der FSU wird zwischen dem allgemeinen Gasthörerprogramm und dem Gasthörerprogramm Plus unterschieden. Beide haben keine Altersbeschränkung und die Anmeldung ist unabhängig von dem Herkunftsland, dem derzeitigen Wohnort oder dem Status des Asylantrags. Das allgemeine Programm entspricht dabei dem Gasthörerprogramm, das für alle Bürger zugänglich ist: Es gibt keine Anforderungen an erbrachte Schulabschlüsse oder an Sprachkenntnisse; weswegen auch Flüchtlinge mit geringen Deutschkenntnissen teilnehmen können. Den Teilnehmern liegt eine Liste von wählbaren Kursen vor, aus denen sie je nach Interessen oder persönlichen Zukunftsvorstellungen passende Veranstaltungen auswählen können. Den Flüchtlingen wird die Teilnahme jedoch erleichtert, indem die Anmeldegebühr übernommen und ihnen ein zwei- bis vierstündiger Deutschkurs bezahlt wird.
Das Programm Plus hat das Ziel, die Flüchtlinge auf ein reguläres Studium vorzubereiten. Daher werden hier ein dem deutschen Abitur gleichwertiger Abschluss und gute Deutschkenntnisse auf mindestens B2-Niveau erwartet. Zusätzlich sind acht bis zwölf Wochenstunden kostenloser Deutschunterricht vorgesehen und die Teilnehmer müssen zwölf Stunden an Fachvorlesungen, Seminaren oder Übungen belegen. Die Teilnehmer des Programm Plus bekommen eine Thoska und somit auch ein Semesterticket. Dieses Wintersemester hätten 13 Kandidaten die Voraussetzungen erfüllt, aber es konnten aufgrund begrenzter Plätze nur die sieben Besten aufgenommen werden.

Erste Erfolge
Das Gasthörerprogramm wurde in Jena sehr gut angenommen und das Interesse ist seither stetig gewachsen. „Die Tendenz ist derzeit steigend. Das war aber auch so zu erwarten, denn sie mussten erst einmal Deutsch lernen. Da der größte Teil des Unterrichts an der Universität auf Deutsch stattfindet, erwarten wir auch ein gewisses Deutschniveau.“, erklärt Dr. Salheiser. Während es im ersten Semester, dem Wintersemester 2015/2016, 30 Teilnehmer gab, waren es ein Jahr später bereits 74. Die Mehrheit der Teilnehmer ist männlich und überwiegend aus Syrien, wobei die Zahl der Frauen mittlerweile 20 beträgt. Der Erfolg des Programms zeigt sich auch daran, dass sich dieses Wintersemester bereits einige Flüchtlinge für ein reguläres Studium beworben haben und sich mindestens sechs an der FSU Jena immatrikulieren konnten.
Im Rahmen des Gasthörerprogramms bietet die FSU neben dem Besuch der Lehrveranstaltungen ein semesterbegleitendes Integrationsprogramm. Hauptbestandteile dessen sind beispielsweise die Vermittlung von studienbezogenen Fähigkeiten, Orientierung in der Region und das Kennenlernen der deutschen Kultur. Kinan Azzam, der als wissenschaftliche Hilfskraft bei dem Gasthörerprogramm arbeitet und u.a. das semesterbegleitende Integrationsprogramm mit organisiert sowie die Betreuung der Flüchtlinge koordiniert, ist stolz auf die Leistung der Universität: „Für das Gasthörerprogramm haben wir alle Interessierten aufnehmen können, das finde ich eine tolle Leistung von uns und der Uni.“ Azzam betont weiterhin, dass das Gasthörerprogramm für die Mehrzahl der Teilnehmer kein Neuanfang ist, sondern ein Weitermachen: Die meisten Interessierten haben bereits in ihrer Heimat studiert und teilweise auch schon einen Abschluss gemacht. Fluchtbedingt mussten sie ihr Studium unterbrechen oder ihr Abschluss wird auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht anerkannt. Durch das Programm haben sie nun die Möglichkeit, passende Lehrveranstaltungen zu besuchen und so einen Einblick zu bekommen, wie dieses Fach in Deutschland aussieht und ob es Ähnlichkeiten zu ihrem früheren Studium gibt. Wie motiviert und ehrgeizig manche von ihnen sind, sah Azzam bei einem Teilnehmer: „Er wollte unbedingt Lehrveranstaltungen auf Deutsch besuchen, obwohl er noch nicht so gut Deutsch konnte. Es war eine fremde Welt für ihn. Er hat fast nichts verstanden. Aber das hat ihn nicht demotiviert, sondern er wollte weiter Deutsch lernen, um die Lehrveranstaltungen im nächsten Semester besuchen zu können.“ Natürlich gäbe es auch Teilnehmer, die noch nicht wissen, was sie später studieren wollen. „Einige haben es mir so erzählt“, so Azzam, „dass ein Fach zwar einfach wäre, aber man findet später keine Arbeit.“

Mentoren unterstützen
Zur Unterstützung und Begleitung der Flüchtlinge werden ihnen, ähnlich wie den internationalen Studenten, ehrenamtliche studentische Mentoren an die Seite gestellt. Diese Mentoren sind meist Deutsche, die sich in der Betreuung von Flüchtlingen engagieren möchten. Ihre Aufgabe ist es, den Flüchtlingen beim Eintritt in das deutsche Hochschulsystem zu helfen, beispielsweise bei der Stundenplanerstellung und bei Behördengängen. Auch sollen sie gemeinsam mit ihren „Schützlingen“ am semesterbegleitenden Integrationsprogramm teilnehmen. Lama Al Khouja, die seit eineinhalb Jahren in Deutschland lebt und an der FSU ihren Master macht, ist Mentorin für mehrere Flüchtlinge. „Als Mentorin nehme ich an vielen Veranstaltungen teil. Meiner Meinung nach sind sie super: Man kann neue Leute und die deutsche Kultur kennen lernen, sich gegenseitig helfen und gemeinsam etwas unternehmen. Die Teilnahme an den Veranstaltungen ist eine tolle Chance für die Studieninteressierten, um sich in die Gesellschaft zu integrieren und coole Sachen in Jena und den anderen Städten in Thüringen zu erleben.“ Darüber hinaus bekommen die Flüchtlinge u.a. Informationen und Tipps zur Bewältigung des Studiums, Bewerbungstrainings, oder man trifft sich, um Deutsch zu lernen oder gemeinsam Sport zu treiben.
Aber nicht nur für die Teilnehmer und Mentoren bietet sich so eine gute Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu kommen, es ist auch ein geeigneter Rahmen zum Austausch und zur Begegnung zwischen Organisationsteam, Teilnehmern und Mentoren. Azzam sieht in diesem Angebot einen der Hauptgründe für den Erfolg des Programms an der Uni Jena: „Ich finde es sehr gut, dass wir so ein Programm haben. Es ist auch für mich nützlich, dass ich mich mindestens einmal die Woche mit den Leuten treffe. So wissen wir, wofür sie sich interessieren und wir bekommen Informationen und Ideen und können das Programm weiterentwickeln. Zum Beispiel gab es Leute, die wollten ein Instrument lernen. Und da haben wir den Kontakt mit einer Musikschule hergestellt“, berichtet er. „Das ist unser Ziel: Die Leute zu unterstützen und zu ermuntern, in der neuen Gesellschaft zu leben.“

Probleme gibt es dennoch
Allerdings ist nicht immer eine Eins-zu-eins-Betreuung möglich: „Das Programm ist für die teilnehmenden Flüchtlinge sehr hilfreich. Das einzige Problem ist, dass es sehr viele Teilnehmer und nur wenige Mentoren gibt”, erzählt uns ein syrischer Teilnehmer, der schon das zweite Semester am Gasthörerprogramm teilnimmt. „Letztes Semester hatte ich eine Mentorin. Sie war sehr hilfsbereit und konnte mir alle meine Fragen beantworten. Ich hatte einen sehr guten Start und war sehr motiviert zu studieren. Aber dieses Semester habe ich keinen Mentor mehr und ich fühle mich ein bisschen verloren…“
Trotz der staatlichen Förderung und dem Engagement Vieler gibt es immer wieder Situationen, in denen den Flüchtlingen die Teilnahme am Gasthörerprogramm erschwert wird, meist aufgrund formeller Richtlinien: So verzögern unter Umständen die langen Prüfzeiten des Bundesamtes für Migration für notwendige Zeugnisse und Urkunden die Teilnahme. Die Residenzpflicht stellt ein weiteres Problem dar, der viele Flüchtlinge unterliegen. „Solche Flüchtlinge sind an ihren Wohnort gebunden. Wenn der außerhalb Jenas liegt und sie als Teilnehmende am allgemeinen Gasthörerprogramm kein Semesterticket bekommen, würden zu hohe Kosten durch teils lange Zugfahrten entstehen“, erläutert Dr. Salheiser vom internationalen Büro. „So haben einige Interessenten Abstand vom Gasthörerprogramm nehmen müssen. Um Flüchtlinge zu unterstützen, sind einige private Sponsoren eingesprungen, die als „Ticketpaten“ für elf Teilnehmer die teilweise beträchtlichen Kosten der Monatstickets übernommen haben.“
Betrachtet man die Kürze der Zeit, die die Universität hatte, um sich auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge einzustellen, kann sie bereits gute Erfolge verzeichnen. Die Tatsache, dass man mit den vorhandenen Mitteln relativ vielen Flüchtlingen einen Platz anbieten und dazu noch ein vielseitiges semesterbegleitendes Programm auf die Beine stellen konnte, lässt ein positives Fazit ziehen. Trotz einiger Hindernisse und Probleme ist das Gasthörerprogramm ein wichtiger Schritt für die Integration, da es den Teilnehmern nicht nur hilft, sich in einer fremden Gesellschaft zurecht zu finden, sondern ihnen auch ganz konkrete Zukunftsperspektiven aufzeigt. In diesem Sinne verkündet Azzam: „Es gibt noch eine gute Nachricht. Das Programm läuft jetzt noch bis Ende des Jahres 2017. Da haben noch viele Geflüchtete die Chance, nächstes Semester und übernächstes Semester mitzumachen.“

Arbeitskreis Kritischer Juristen & Refugee Law Clinic
Ehrenamtliche Asylrechtsberatung von Studenten der Rechtswissenschaften
rlc-jena.de

Institut für Auslandsgermanistik der FSU Jena
Ehrenamtliche Schulung von Deutschlehrenden für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache
dafdaz.uni-jena.de/deutsch_unterrichten.html

Helfern helfen
Kostenlose, interkulturelle Sensibilisierungstrainings für die Arbeit mit Flüchtlingen
intercultural-campus.org

MediNetz Jena e.V.
Unabhängige und anonyme medizinische Anlaufstelle für Papierlose und Geflüchtete (siehe auch unique Nr. 69 – und HIER)
medinetz-jena.de

Refugees Work (Arbeitsgruppe der Bürgerinitiative Asyl e.V.)
Unterstützung von Flüchtlingen bei der Suche von Arbeits- und Ausbildungsplätzen; Hilfe beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen
facebook.com/refugeeswork.jena

WelcomeUnisport
Flüchtlinge können zu Studentenpreisen an allen Kursen des Hochschulsports teilnehmen
welcome.usvjena.de

Weitere Informationen und nützliche Links zu Engagementmöglichkeiten in Jena unter:
welcome-in-jena.de

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Zwischen Hörsaal und Flüchtlingshilfe Im Herbst 2015 wurden Flüchtlinge in der Sporthalle der Universität Erfurt untergebracht. Einige Eindrücke vom Alltag des studentischen Engagements. von Adriana Zweimal innerhalb kurzer Zeit musste Erfurt die Unterbringung von Flüchtlingen in provisorische Erstunterkünfte organisieren. Betreuung und Verpflegung wurden beide...
  2. Grenzstau zwischen Bett und Hörsaal Studieren an Deutschlands östlichster Universität In Frankfurt (Oder) und dem polnischen Städtchen Slubice, von Frankfurt nur durch den Grenzübergang und den namensgebenden Fluß getrennt, gleicht sich das allmorgendliche Bild. Routiniert, meist noch verschlafen, streben die Passanten durch die Kontrollen zu ihrem Arbeitsplatz jenseits des Grenzzaunes....
  3. Sprachbrücke benennt sich um! Das studentische Projekt „Sprachbrücke“ heißt ab dem 1.1.2003 „Kindersprachbrücke Jena“.\r Markenrechtliche Probleme führten zu dieser Änderung. Noch einen Schritt weiter geht das Projekt mit der Vereinsgründung, seit dem 14.01 2003 ist „Kindersprachbrücke Jena“ ein eingetragener Verein.\r Der Name des Projekts...
  4. memorique: Deutschland und der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts Vor etwa hundert Jahren vernichteten deutsche Truppen in Namibia einen Großteil der einheimischen Herero und Nama. Eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung steht bis heute aus. von Reinhart Kößler Als erster der vielen Völkermorde des 20. Jahrhunderts wird oft der...
  5. Integration durch Improvisation In einem Theaterworkshop der Freien Bühne Jena lernen Berufsschüler und junge Flüchtlinge gemeinsam die Grundlagen des Theaterhandwerks. Wir trafen Lehrer und Theaterpädagogen, die das Projekt betreuen. von Lutz Spielerisch die deutsche Sprache lernen – das klingt sehr verlockend. Ein Theaterworkshop...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>