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Zeugnisse menschengemachten Verlusts

22 April 2018 No Comment
Erdscholle Antonia. © Betty Beier

Erdscholle Kivalina. © Betty Beier

In Kunstobjekten, die sie „Erdschollen“ nennt, konserviert die Künstlerin Betty Beier Landschaften, die durch menschliche Eingriffe verschwinden.

von Paulina Lemke

Surrend flackert eine Glühbirne an der Decke auf. Das grelle Licht erweckt das Atelier zum Leben und es zeichnen sich mehrere Quadratmeter Erdboden an der Wand ab. Die Bildskulptur vor mir strahlt eine eigentümliche Lebendigkeit und Echtheit aus. Ich stehe vor einem grauen, wellenförmigen Schlickboden. Vogelspuren überqueren das Quadrat und offenbaren einen schwarzen, feinkörnigen Sand. Feuchtigkeit schimmert in tieferen Mulden und ich muss mich erinnern, dass dies nur das Abbild eines realen Bodens ist. Seine Schönheit wird mir erst jetzt bewusst.
Betty Beiers Kunstprojekt beschäftigt sich mit der Verewigung verschwundener Landschaften. Die Bildskulpturen, welche die Künstlerin Erdschollen nennt, sind künstlerische Abdrücke der zurückgelassenen Menschenspur und konservierte Momentaufnahmen des veränderten Bodens im Wandel unserer Zeit. Mit Kunstharz und Acryl konserviert die im nördlichen Breisgau geborene Künstlerin das entfremdete Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Im alltäglichen Verständnis scheint die Landschaft ein natürliches Element zu sein, dem kaum Aufmerksamkeit zuteilwird. Im künstlerischen Umgang mit der Erde erscheint der Boden als formbare Masse, die in einer gewöhnlichen Weise jedwede Fußspur des menschlichen Lebens und auch Umgangs mit der Natur festhält.
Seinen Anfang nahm das Lebensprojekt der Künstlerin, als sie 1997 durch Zufall an den Rand einer Baustelle fuhr und sah, wie dort der Boden verschoben und zu etwas Menschengemachtem wurde. „Die Geschichte, was die Landschaft ist, was die Landschaft war und was aus der Landschaft hervorgeholt wird, lag in diesem Moment vor mir. Von da an entschloss ich mich, den gebrauchten Boden nicht nochmals durch meine Kunst zu verbrauchen, sondern nur ein Abbild anzufertigen und seine Eigenheiten auf diesem Weg zu verewigen.“ Seitdem ist sie bereits an viele Orte auf der Welt gereist, an denen das menschliche Eingreifen durch Staudämme und Minen, Großbauprojekte und Hunger nach Ressourcen unmittelbar zu erkennen ist. Doch einige Landschaften verändern sich nun durch einen weitaus umfassenderen Wandel, der nicht mehr im vollständigen Einfluss des Menschen steht. Es ist der Wandel des globalen Klimas.

Emotionale Last
Ich gehe einen weiteren Schritt an der weißen Wand des Ateliers entlang, bis ich vor einer schimmernden Eisfläche stehe. Feingliederig verweben sich gläserne Kristalle zum Abbild eines schmelzenden Alpengletschers. Der nördliche Schneeferner des Zugspitzenplatts verliert durch den globalen Klimawandel jährlich einen Meter seiner Mächtigkeit und wird in naher Zukunft nur noch in der Bildskulptur der Künstlerin zu finden sein. „Es sind dramatische Veränderungen und ich versuche, diesen Wandel in meinen Erdschollen als Forum für die Nachwelt und für das, was war, aufzubewahren.“ Hinter den Erdschollen verbirgt sich auch eine emotionale Last. Auf der Baustelle vor zwanzig Jahren entstanden die ersten Bildskulpturen der Künstlerin. Fortan war sie eine Beobachterin im Prozess der Veränderung. „Der Verlust der Landschaft und der Menschen, die mit ihr verwoben sind, geht mir unter die Haut. Es ist bedrückend, sehen zu müssen und nur am Rand stehen zu können, wie eine faszinierende Landschaft durch das menschliche Eingreifen verschwindet. Für mich ist das stets eine emotionale Herausforderung. Es tut weh.“
Eine weitere künstlerische Spurensicherung entstand auf der Insel Kivalina, die im Nordwesten von Alaska an der Beringstraße liegt. Die schmale Landzunge erhebt sich nur wenige Meter über den Meeresspiegel. Der Klimawandel lässt hier das Eis vor der Küste schmelzen und die tosende See reißt nun jedes Jahr den lebensnotwendigen Boden in das umliegende Meer. Der dunkelbraune Küstensand hat sich über die Überreste des einstigen Schutzwalls gelegt. Die ausgefransten Fasern der Dammsäcke lassen ihn nur noch erahnen – die Erdscholle zeigt den menschlichen Versuch, das Versinken der Insel aufzuhalten. „An diesem Ort wurde ich wieder nachdenklich. Die Auswirkungen unseres Tuns bekommen andere zu spüren – und hier auf Kivalina ist es ein Überlebenskampf.“
Beier, die ihr Kunststudium 2009 an der Hochschule Saarbrücken abschloss, geht es nicht nur allein um das Abbild eines veränderten Bodens. Vielmehr ist sie von der Intention geleitet, sich mit dem Schicksal der Menschen auseinanderzusetzen, die vom Handeln Anderer betroffen sind. So ist eine Erdscholle ebenso ein Zeugnis menschengemachten Verlusts und die Vergegenwärtigung, dass mancher Gewinn mit schwerwiegenden Entbehrungen verbunden ist. „Als Künstlerin halte ich die Zeit, das heißt sowohl den ursprünglichen Zustand, als auch die fortlaufenden Veränderungen, fest.“ So stellt sie die angefertigten Erdschollen nicht nur in einer Galerie aus, sondern fährt mit einem selbstentworfenen Expeditionswagen in die Stadt und versucht, auf die lebensverändernde Situation in Alaska aufmerksam zu machen. Ihre Bildskulpturen wirken wie Stolpersteine und die vorübergehenden Passanten sind von der unerwarteten Begegnung mit dem Schicksal der Landschaft und den damit verbundenen Menschen berührt. „Eine Erdscholle ist nahbar, ist haptischer. Es ist ein Stück Boden der Gegend und meine Erzählungen bringen dem Betrachter das Projekt näher. Man sieht die verletzte Erde. Das Aufeinandertreffen gibt mir Kraft, an weitere Orte dieser Welt zu reisen und den Boden ins alltägliche Gedächtnis zu bringen.“ Ein Besucher kam einmal auf sie zu und erzählte ihr, dass er durch die abgebildete Schaumkrone einer Erdscholle das Meeresrauschen hören konnte. „Ich finde es schön, dass meine Arbeit berührt und Menschen durch sie das Wasser auf so sinnliche Weise wahrnehmen können.“ Beiers Kunst besitzt Aussagekraft und so werden ihre Ausstellungen durch anerkennende Rezensionen und Berichte begleitet.

Zerstörung und Verlust von Heimat
In der Mitte des Ateliers steht eine hölzerne Kiste. Als ich mich über ihren Rand beuge, sehe ich einen Quadratmeter zertrümmerter Überreste. Verdorrte Blätter liegen zusammengerollt neben blauen Zementscherben und das rötliche Pulver zerbrochener Ziegelsteine verhüllt den Boden. Diese Erdscholle zeigt den Verlust von Heimat. Der Belo-Monte-Staudamm in Brasilien ist der drittgrößte und gleichzeitig umstrittenste Staudamm der Welt. Weite Flächen des Regenwaldes wurden abgeholzt und verbrannt. Große Gebiete wurden nach seiner Inbetriebnahme geflutet und sind verschwunden. Tausende Menschen mussten das Gebiet um den Staudamm verlassen und ihre Heimat aufgeben. Nach der ersten Staumauer verliert der Rio Xingu, eines der letzten intakten Flusssysteme der Erde, erheblich Wasser. Die indigene Bevölkerung ist unmittelbar von den Folgen betroffen. Ihr Leben war der Fischfang. Doch mit dem Verschwinden der Artenvielfalt verschwindet auch diese existenzielle Grundlage im Belo-Monte-Projekt.

Verzicht und Erfüllung
„Die Zerstörung ist unglaublich und geht mit einer so großen Geschwindigkeit voran, dass ich mit meiner Arbeit kaum folgen kann. Ich reise oft mehrmals an einen Ort und begleite die Landschaft und ihre Veränderungen durch meine Bildskulpturen. Doch die Fertigstellung einer Erdscholle nimmt mir meist ein Jahr und bei meiner Rückkehr ist der natürliche Boden bereits verschwunden.“ Die Erfahrungen haben die Künstlerin verändert. Immer wieder erfährt sie den Verlust von Landschaft, die einmal Heimat bedeutete und war. Immer wieder kehrt Beier zum ursprünglichen Boden zurück, den sie einst in einer Bildskulptur festhielt, und muss erkennen, wie er und seine Bedeutung verloren gegangen sind. „Heute verspüre ich Frust. Aber ich möchte mich nicht davon leiten lassen. Ich versuche, mir die Menschen als Vorbild zu nehmen, die für den Erhalt der Natur kämpfen und ihre Heimat nicht aufgeben werden. Ich habe Respekt vor den Menschen, die betroffen sind und einen wahrhaftigen Verlust erfahren müssen.“
Ich drehe mich um und stehe einer weiteren Erdscholle aus Brasilien gegenüber. Geöffnete Fruchtschalen der Paranuss liegen mit Wasser gefüllt unter den Stützwurzeln eines Urwaldbaums, inmitten von Blättern und Geäst. „Jedes Lebewesen hat eine soziale Aufgabe im Geben und Nehmen –  wir aber nehmen unsere nicht mehr wahr. Meine Erlebnisse haben mich verändert, vor allem mein Verhältnis gegenüber Konsumgütern. Denn vieles brauche ich einfach nicht mehr. Ich habe Achtsamkeit in den kleinen Dingen gefunden. Manchmal ist das mit mehr Aufwand verbunden, dennoch gibt es einem immer etwas zurück. Vielleicht viel mehr, als man ahnt.“ Und als ich mich im Haus umschaue, sehe ich Genügsamkeit. Ein alter gusseiserner Herd steht verloren an der Wand und der kleine Esstisch steht etwas einsam in der karg eingerichteten Küche. Am Fenster wurden mehrere Kisten präparierter Blütenkelche abgestellt und ich habe das Gefühl, dass die Kunst das Zimmer mehr auszufüllen vermag als komfortable Luxusgegenstände. Beier ist eine Frau, die weiß, wofür sie verzichtet. Eine Frau, die nicht mehr bereit ist, mit den Folgen des menschlichen Umgangs mit der Natur zu leben. „Es geht mir um das Konzept der Veränderung durch den Menschen. Eine Erdscholle ist nicht nur ein oberflächliches Bodenprofil, sondern ein in Bildskulptur gegossenes Spiegelbild unserer Zivilisation.“

Paulina Lemke studiert Germanistik und Volkskunde/Kulturgeschichte und ist Teilnehmerin des Seminars „Wissenschaftsjournalismus am Beispiel des Anthropozäns“.

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