Home » Leitartikel, WortArt

Einfach Mensch sein

26 Juni 2012 No Comment
(Foto: privat)

(Foto: privat)

Ali Al Jallawi und die Poesie eines Aufständischen

von bexdeich und Sena

„Meinst du, eine Biene weiß, warum sie Honig macht?“, bekommt man zur Antwort, wenn man Ali Al Jallawi fragt, warum er angefangen habe zu schreiben. Im Alter von 14 Jahren hat er die Poesie für sich entdeckt. Al Jallawi ist ein Mensch, der seine Gedanken und Ansichten teilen möchte. In Bahrain, seinem Heimatland, wurde er nach der öffentlichen Lesung eines seiner Gedichte, in dem er die Monarchie kritisch betrachtet, für sechs Monate verhaftet – im Alter von 17 Jahren. Zwei Jahre später, im Jahre 1995, wandert er für drei weitere Jahre hinter Gitter. Grund: der Einsatz für Bürgerrechte in Bahrain. Während der Zeit im Gefängnis entsteht sein Buch Gott nach zehn Uhr über das erfahrene Unrecht und die Folterungen. In dem monarchischen Inselstaat ist politische Repression an der Tagesordnung. Al Jallawi nutzt seine Lyrik als Rebellion gegen die Tabus und Verbote: In seinen Gedichten tauchen Themen wie politische Opposition, Sexualität und der Mythos der Religion auf – Themen, die in Bahrain sonst nicht zur Sprache kommen würden. Seine Meinung frei zu äußern – das lässt er sich nicht verbieten, auch wenn er deswegen Gefahren, Gefängnisaufenthalten und Trennungen von der Familie ausgesetzt ist. „Ich hatte Flügel in meinem Land, aber ich war in einem Käfig“, so beschreibt er seine Lage.
Im Februar 2011 finden die Proteste gegen die politische Führung Bahrains als Teil des Arabischen Frühlings ihren Höhepunkt. Auch Al Jallawi demonstriert, liest Gedichte vor und spricht mit den Medien. Das hat Folgen: Nachdem seine Familie Besuch von Sicherheitskräften bekommen hat, flieht
Al Jallawi im März letzten Jahres aus seinem Heimatland. Nach kurzer Station im Libanon will er eigentlich nach Berlin, wohin man ihn zu einem Poesiefestival eingeladen hat. Doch so weit kommt er nicht. Bei einer Zwischenlandung in Heathrow wird er für vier Wochen verhaftet, weil er kein gültiges Einreisevisum für Großbritannien besitzt.
Als er endlich in die Bundesrepublik einreisen darf, wird er nicht mehr als Gast empfangen – das Poesiefestival ist längst vorbei. Statt nach Berlin, kommt Ali Al Jallawi in ein Asylbewerberheim in Weimar. Dennoch ist er nach dieser Odyssee glücklich: „Deutschland ist jetzt mein Zuhause, und ich bin froh, hier zu sein.“ Mithilfe eines Stipendiums, das ihm die Schriftstellervereinigung PEN organisiert hat, kann er vorläufig in Weimar bleiben. Er arbeitet gerade an seinem zweiten Roman.
Das Exil ermögliche ihm, trotz allen Verzichts, seine Meinung weiterhin frei zu äußern und für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit in seiner Heimat zu kämpfen, damit die Verbrechen gegen die dortige Bevölkerung bald ein Ende haben. „Ich glaube, im Exil zu leben ist immer noch besser, als in Bahrain im Gefängnis zu sitzen. Im Exil hat man die Freiheit, alles zu tun. Man kann einfach Mensch sein, ohne den Staat um Erlaubnis zu fragen.“ Aber eines Tages wolle er zurückkehren nach Bahrain, wenn es frei und demokratisch geworden ist. „Es ist mein Land, es gehört immer zu mir.“

Mehr Gedichte von Ali Al Jallawi, u.a. in englischer, deutscher, französischer und chinesischer Sprache, findet ihr auf seiner Website www.jallawi.org.

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Der Mensch als Datenmenge Die USA diskutiert über einen Ausschaltknopf für das Internet, um sich vor ausländischen Hackern zu schützen. Doch wie kann sich das Individuum absichern? Eine theatrale Recherche. von Elisa Ein nettes Gespräch zwischen zwei Fremden. Es wird sich amüsiert, gelacht und...
  2. klassiquer: Der Mensch im Affen Immer wieder nutzt die Kunst die unübersehbare Verwandtschaft zwischen Affen und Menschen, um unsere Gesellschaft einen satirischen oder mahnenden Spiegel vorzuhalten. Kaum ein Buch schafft dies so eindringlich wie Pierre Boules Planet der Affen. von julibee Planet der Affen...
  3. Nahostserie: „Die Enttäuschung zu durchbrechen ist nicht einfach.“ In unserer Nahostserie wollen wir auch Menschen zu Wort kommen lassen, die sich vor Ort für eine Lösung der Probleme einsetzen. Mit Henrik Meyer, dem Projektmanager des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Palästinensischen Gebiete, sprachen wir über die aktuelle...
  4. Briefe aus Taiwan: Chen Li und die Grammatik der Unterdrückung Ein kleiner Einblick in das Leben und Schaffen eines chinesischen Lyrikers. von Kristina Bier Poesie, das sei seine Art, mit der Welt zu kommunizieren: Für Chen Li, geboren 1954 und aufgewachsen an der Ostküste Taiwans, ist deshalb jedes seiner Gedichte...
  5. „Mensch, wo bist du?“
    Von leeren Kirchen und vollen Stränden
    von Thibaut “Mensch, wo bist du?” (1. Mose 3,9) – diese Frage kann einem in den Sinn kommen, wenn man sich mal durch Zufall oder Absicht an einem Sonntagmorgen in eine Kirche verirrt/begibt. Besonders Menschen diesseits der 60 Jahre sucht...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>