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Die Philosophie des Punks

5 November 2019 No Comment

Der Punk ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Lebenseinstellung, ein Gefühl, ja sogar eine philosophische Strömung. Denn Jenseits von gebrüllter Wut, frustrierter Jugend und Provokation wurde der Punk auch von verschiedenen Denkschulen beeinflusst – und hat gnadenlos den gesellschaftlichen Status Quo hinterfragt.

von Ladyna

Die meisten Teenager hatten irgendwann eine Art musikalische Offenbarung: abseits vom Einheitsbrei des elterlichen Radios begegnete ihnen eines Tages dieser eine Song, der ihre Sprache sprach. John Robb erlebte dieses Heureka-Erlebnis 1976 beim für ihn üblichen Abhängen in einer Eisporthalle in Blackpool mit Anarchy in the UK von den Sex Pistols: „Ein heftiger Lärmwall als Intro und dann der unglaublichste Gesang, den ich je gehört hatte. 1976 hörte sich seine Stimme nach totaler Befreiung an“, schreibt er in seinem Buch „Punk Rock – Die ganze Geschichte“. Anarchy in the UK machte aus einem typischen Vertreter der desillusionierten britischen Jugend der späten 70er Jahre einen Musiker, Musikjournalisten und Wegbereiter des Post-Punks. „Punk veränderte alles. Nicht nur unsere Hosen. Unser Leben.“

Damit ist Robb keinesfalls ein Einzelschicksal, seine Hinwendung zum Punk entsprach dem Zeitgeist, der vor allem von Desillusionierung geprägt war. Der Mief des Elternhauses und die durch die Wirtschaftskrise bedingten mangelnden Chancen im Berufsleben sowie das steife englische Klassensystem sorgten dafür, dass sich die britischen Jugendlichen ausgeschlossen und stark eingeschränkt fühlten. Gleichzeitig bot auch die Musikkultur kaum Identifikationsgrundlage.  So hatten die Hippies ihre Glaubwürdigkeit verloren und waren selbst Teil des Establishments geworden. Der als „Bombast-Rock“ diffamierte Mainstream-Rock dieser Zeit, der unerreichbare, entrückte Künstler stilisierte und Massenveranstaltungen zelebrierte, taugte nicht als Stimme der Jugend. Die Discokultur, die auf happy-clappy Sounds setzte und gehaltvolle Texte scheute, war auf zahlungswillige Konsumenten ausgelegt.  Für die Jugend wirkte sie unauthentisch. Der neu aufkommende Punk eröffnete hier eine Gegenperspektive: die geradlinigen, schnörkellosen Stücke zelebrierte den Dilettantismus statt ausufernder Gitarrensoli und Star-Allüren. Die neue Subkultur pflegte eine Do-It-Yourself Einstellung, nach der jeder eine Band gründen konnte: „this is a chord, this is another, this is a third. Now form a band“, stand programmatisch 1976 in einer Ausgabe des Fan-Magazins Sideburns. Die ersten Punk-Bands gaben sich nonkonformistisch und illusionslos, ihre Texte kreisten um das Leiden an der eigenen Existenz, waren anklagend, beschimpfend oder dadaistisch. „Punk-Rock war ein Kulturkrieg. Du warst entweder drinnen oder draußen“, so Robb.

Für ein breitere Öffentlichkeit bekannt wurde die neue Bewegung im folgenden Jahr, als die Sex Pistols mit „God Save the Queen“ zu deren silbernen Tronjubiläum für öffentliche Empörung sorgten. Sie wollten Sympathie für die englische Arbeiterklasse einfordern und ihren generellen Groll gegen die Monarchie artikulieren. Der Nummer 1 Hit eröffnete nicht nur Klangwelten, die für viele als rüder Lärm erschienen, sondern beleidigte Königin und Regierung auch als „fascist regime“. Der öffentliche Aufschrei war entsprechend groß:  „Gewalttätige Vergnügen“ oder „Kultur aus den Slums: Brutal und hässlich“ schrieb der Spiegel 1978. Durch das starke Medienecho wurde Punk in enormer Geschwindigkeit zum globalen Phänomen und konnte so als Katalysator gesellschaftlicher Veränderungen agieren:  Punk  diente als Negativ-Projektionsfläche der vorherrschenden Normen – und hielt so einer breiteren Öffentlichkeit liebgewonnene Überzeugungen vor. „Punk war eine krasse Konfrontation mit der schwarzen Seite der Geschichte und der Kultur, rechten Vorstellungen, sexuellen Tabus, die Erforschung dessen, was noch nie von einer Generation so gründlich untersucht worden war ”, so Musikjournalist Jon Savage.

Die geistesgeschichtlichen Grundlagen des Punks reichen allerdings noch weiter zurück, sie können im Situationismus der 60er Jahre verortet werden. Auch wenn sich der Punk nicht direkt auf die ältere Kunstrichtung bezog und für die rebellierende Jugend ohne einheitliche politische Ziele vor allem das Klassensystem und dessen Ablehnung im Mittelpunkt stand, findet man starke Parallelen zwischen beiden Denkrichtungen: Die Ablehnung von Ware und Lohnarbeit, welche zu einer fragmentierten,  auch Bedürfnisse rationalisierenden Arbeitswelt führten, war ein Aspekt, in dem sich eine abgehängte Jugend wiederfinden konnte. Im wahrscheinlich wichtigsten philosophischen Werk des Situationismus, „Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord, betreibt der Autor radikale Kapitalismus- und Medienkritik. Alle essenziellen Prozesse in der Gesellschaft seien zu einem bloßen Spektakel verkommen, die Realität einer Scheinwelt gewichen, die sich aus Werbung, Vorurteilen und Propaganda zusammensetze und in der die normalen Menschen gefangen seien. „Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog“, so Debord in seinem Buch. Die Welt ist eine Welt der Ware, keine der Menschen, dieser wird zum bloßen Zuschauer degradiert, der sich von seinen Mitmenschen entfremdet hat. So beschreibt Debord die Gesellschaft als perfekt organisierte, aber seelenlose Maschine, in der selbst Widerstand und Opposition nur ein Schein sind. Dabei schwingt auch ein hohes Maß an Wachstumskritik mit: „Im Spektakel ist das Endziel nichts, die Entwicklung alles. Das Spektakel will es zu nichts anderem bringen als zu sich selbst“, schreibt Debord in seinem bekanntesten Werk.

Die Glücksversprechen des Kapitalismus unmittelbar einzufordern wurde im Situationismus als effektives Mittel angesehen, Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität aufzuzeigen. Im Slogan „Verbieten ist verboten“ drückte sich die allgemeine Verachtung von Hierarchien aus. Auch Kunst sollte nicht länger im Widerspruch zur Realität stehen, sondern Teil des Lebens werden, was der Punk mit seiner Drei-Akkorde-Philosophie aufgriff. Auch wenn er die pessimistische Analyse der Welt weit weniger differenziert ausformulierte kann man die Provokation und Verweigerung im Punk als konsequente Weiterführung des Situationismus betrachten.

Vielleicht ist der Punk die pubertärste aller Subkulturen:  Zu Beginn hatte er vor allem das Ziel, das bürgerliche Lager zu brüskieren, ohne Alternativen oder konstruktive Lösungsansätze zu liefern. Die frühen Punks können als Nihilisten betrachtet werden, die kategorisch alle gesellschaftlichen Werte ablehnten. Stattdessen ging es um das Vorführen, das Lächerlich machen, das Anecken, das sich-selbst-spüren und schlussendlich um das Erlangen der eigenen Freiheit: “Punk ist musikalische Freiheit. Es geht darum, zu sagen, zu tun und zu spielen, was man will“, so Kurt Cobain in einem Interview.  Dieser Antrieb, nicht weiter gesellschaftlichen Zwängen folgen zu müssen, sondern Triebe und Neigungen ausleben zu können, drückte sich besonders im Verhältnis zum eigenen Körper aus. Ein essentieller Aspekt des Punk-Nihilismus war eine explizit nach außen gelebte Sexualität. Dazu kam Hässlichkeit als eine Form der ultimativen Verweigerung vor der kapitalistischen Aneignung des Körpers und der Sexualität. So wurde eine Art Dystopie des Körperkultes geschaffen, um all jene Dinge, die in der Gesellschaft nur versteckt existierten, sichtbar zu machen. Damit einher ging eine Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst, die sich auch in der Verwendung von harten, selbstzerstörerischen Drogen ausdrückte.

Zwar hatte sich der Punk zu Beginn noch als dezidiert unpolitisch verstanden, da politisches Engagement als Domäne des verhassten Establishments gewertet wurde, dies änderte sich jedoch mit den 80ern drastisch. Punks wurden zunehmend Teil der autonomen Szene. Ihre Attitüde der Endzeitstimmung passte zur permanenten Atomkriegsangst. Man lebte Arbeitsverweigerung und re-etablierte das Landstreichertum. Der Slogan „No future“ (der aus dem Song „God Save the Queen“ der Sex Pistols stammt) stand für den Zukunftspessimismus und die Tendenzen zu einem drogenintensiven, selbstschädigenden Lebensstil von Teilen der Szene, aber auch für Individualismus und Selbstbestimmung. „Wenn du deine Zukunft nicht selbst in die Hand nimmst, dann wirst du auch keine haben – so einfach ist das“, so Jonny Rotton, Sänger der Sex Pistols in einem Interview. Eine junge Generation, die ihr Dasein als bloße Zuschauer beenden wollte und sich der Verbindungslosigkeit untereinander übermäßig bewusst war tanzte Pogo und stieß sich aneinander.

In anderen Kontexten, in denen die Jugend mit stärkeren Beschränkungen konfrontiert war, wurde jedoch auch dieser Slogan abgewandelt: In der DDR drückte die Parole „Too much future“ eine Rebellion gegen den vorgezeichneten Lebensweg durch die Staatspartei aus. Auch hier war es eher die persönliche Frustration als eine politische Ideologie, die die frühen Punks antrieb. Doch stand die Jugendkultur in besonders drastischem Wiederspruch zum Anspruch der Partei. Trotz ihrer geringen Zahl hatte der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke die Zersetzung der Punkbewegung zur Chefsache erhoben, schließlich wurden subversive Subkulturen wie Punks oder Hippies nur als Krisensymptome des Kapitalismus gesehen, hatten in der DDR also nichts zu suchen.

Bedingt durch die Abschottung zum Westen kamen neue Subkulturtrends in der DDR meist mit Verzögerung an, konnten sich allerdings in vielen Fällen länger halten. Im Osten waren die Outfits und Symbole der Subkulturen nicht käuflich erhältlich, wodurch sie ihre Aura des Widerstandes länger bewahren konnten. Im Westen hingegen konnte die Kapitalismuskritik des Punks ihn nicht vor einer Vereinnahmung durch die Mode- und Musikindustrie schützen, während diese Kommerzialisierungstendenzen in der DDR nicht zu finden waren. Punkbands wurden im Westen schon bald erfolgreich, vermarkteten sich – und stellten damit ihre eigene Ideologie infrage, was eine gewisse Frage nach dem „Ausverkauf“ des Punks nach sich zog. Damit verlor er auch einen Teil seiner Anziehungskraft und Provokationsfähigkeit. Der Nonkonformismus der Punks war meist ungerichtet gewesen. Damit fiel es aber eben auch den kapitalistischen Strukturen verhältnismäßig einfach, ihn sich einzuverleiben. Aus einer Rebellion wurde ein Modeaccessoire. Selbst die Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung und das aufbäumen gegen dieselbe, die sich im „Punk is not dead“ Slogan ausdrückt, ist vielfach zum Mainstream geworden. Allerdings kannten auch die Machtorgane der DDR die Strategien der Vereinnahmung subversiver Jugendkulturen, in dem Musikstile in parteikonformer Weise nachgeahmt und verbreitet wurde. Hier ging es weniger um Kommerz, dafür mehr um Kontrolle. So sollte die Subkultur zum Gemeingut mutieren und zu staatlich legitimierter Unterhaltung avancieren, statt Polarisationspotential zu bieten. Auch erfolgreiche Punkbands in der DDR wurden mit Plattenverträgen und staatlichen Subventionen teilweise ins System einverleibt. Trotzdem blieb die Szene bis zur Wende ein Ärgernis für das Regime.

In der heutigen, äußerst ausdifferenzierten Musiklandschaft spielt der Punk zwar noch eine Rolle, seine eindeutige, aggressive Stoßrichtung gegen das Establishment ist jedoch längst verloren gegangen, stattdessen haben sich zahlreiche und vielfältige Subgenres gebildet, von denen nur wenige gesellschaftliche oder politische Veränderung propagieren. Zurück bleibt jedoch eine Fülle von Ideen, die ursprünglich der Punk hervorgebracht hat: Dilettantismus, Minimalismus, Spontanität und Verweigerung, postmaterialistische Attitüden und öffentliche Vulgarität sind sein geistiges Erbe.

 

Hörtipp: Diese drei Songs transportieren die Atmosphäre aus den Anfangsjahren des Punks und eignen sich perfekt als Soundtrack zum Artikel.

  • “Anarchy in the UK“, Sex Pistols, 1976
  • “Blitzkrieg Bop”, The Ramones, 1976
  •  “Orgasm Addict”, Buzzcocks, 1977

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