Home » EinBlick

Container Love

15 Juli 2009 634 views No Comment

von Michael Franz

„Warst du schon mal Containern?“ Ich stellte meiner WG-Mitbewohnerin Anne diese Frage beim Schlürfen eines Heißgetränks an einem tristen Novemberabend. „Nein, noch nie gehört. Was ist das?“ Nachdem ich das wenige, was ich über diese Form der Lebensmittelbeschaffung wusste, wiedergegeben hatte, war ihre Neugierde bereits geweckt. Sogleich begann sie, Vorschläge zu unterbreiten, wo man überall schauen könnte, und fragte sich, ob die Container hinter den Discountern überhaupt zugänglich und offen seien.

Von so viel Enthusiasmus war ich überrascht. Im Grunde hatte auch ich keine große Lust auf die Aktion. Es regnete und im Dunkeln durch diese Vorstadtödnis zu tappen, das löst nur Depressionen aus – noch dazu, wenn man von wachsamen Nachbarn misstrauisch beobachtet wird. Doch Anne ließ nicht locker. Schon am nächsten Abend hatte sie mich überredet, doch mitzukommen zum „Paradies der kleinen Preise“ gleich um die Ecke.

An der Lieferrampe hinterm Laden war alles ruhig und dunkel. Die Anwohner schauten fern, von ihnen ging also keine Gefahr aus. Wir näherten uns zwei blauen Müllkübeln. Als der Bewegungsmelder die Beleuchtung anknipste, erschreckten wir kurz. Praktisch, so brauchten wir nicht mal unsere Taschenlampen! Klappe auf und … ja nun, was soll ich sagen? Schnittblumen und Danone-Jogurt, dazu Bananen mit Druckstellen und allerhand freudloses Gemüse. Nachdem ich länger herumgewühlt hatte – Anne plagten nun doch Berührungsängste – und wir beide ausgiebig gekichert hatten, waren die besten Brocken schnell geborgen, hauptsächlich Biogemüse und -käse.

Zu Hause breiteten wir unser „gefundenes Fressen“ vor den Augen unserer WG-Genossen auf dem Küchentisch aus. Die Reaktionen schwankten zwischen Spott und Ekelbekundungen. Anne und ich fanden es aber gar nicht so übel. In den folgenden Wochen schauten wir auch hinter anderen Lebensmittelmärkten nach und fanden fast überall unverschlossene Container vor. Da wir es – immer sauber bleiben! – hauptsächlich auf Bio-Lebensmittel abgesehen hatten, mussten wir natürlich auch viel liegen lassen. Die Mengen an Lebensmitteln, die angestoßen oder verfallen mitsamt Verpackung im Müll landen, waren beeindruckend. Es müssen in Deutschland jährlich Hunderttausende Tonnen sein. Wenn ich an die Rechnung denke, die unsere Kinder eines Tages dafür zahlen werden …

Weitere Infos:

http://container.blogsport.de/

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Das tanzende Deutschland von Roman Gherman Feiern ist schön, egal wo, egal mit wem. Tanzen macht Spaß, klappt bei Deutschen aber erst, nachdem sie vorgeglüht haben. Meine Schwester tanzt. Sie könnte wahrscheinlich tanzend zur Schule laufen, wenn die Menschen von Reaktionen á la...
  2. Fünf Fragen an … Frank-Walter Steinmeier Im Sommer 2009 tobte der Land- und Bundestagswahlkampf auch in Jena. Wir ließen natürlich nichts unversucht, um an die A-Prominenz der bundesdeutschen Politik heranzukommen und auch dem damaligen Außenminister wenigstens ein Kurzinterview abzutrotzen. von Luth Am 7. August –...
  3. willkommen zur zweiten Ausgabe von UNIQUE in diesem Wintersemester. Natürlich wünschen wir uns, dass Euch unser Blatt auch im neuen Jahr noch gefallen oder vielleicht sogar noch besser gefallen wird. Wie Ihr sehen werdet, haben wir unser Design wieder weiterentwickelt. Wir fanden, dass das Innenlayout dringend einer Überarbeitung bedurfte...
  4. Übersetzung: In Chile essen sie Meerschweinchen! …und die Deutschen sind alle verbissene Rassisten. Ein Theaterprojekt von chilenischen und deutschen Schülern, das nicht nur diese Vorurteile behandelte, wagte einen 12.2000 km langen Brückenschlag, Der 17-jährige Lucas aus Valparaíso, Chile verließ im Rahmen des Projekts zum ersten Mal...
  5. Die Geschichte meiner Freundschaft mit der deutschen Sprache Denis Lukashevskiy wurde vom Goethe-Institut für den drittbesten Beitrag beim Wettbewerb „Mein Lieblingsbuch“ ausgezeichnet. Für die unique schreibt er, wie er zur deutschen Sprache kam. von Denis Lukashevskiy Die Geschichte meiner Freundschaft mit der deutschen Sprache hat ihre Wurzeln in...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>