Home » LebensArt, Leitartikel

„Von nun an weiß ich sicher: Ich bin ein Mann der Wissenschaft“

15 Dezember 2020 No Comment
© Fabien Grolleau, Jérémie Royer – Knesebeck Verlag

Charles Darwins Erkenntnisse kennt jeder aus der Schulzeit, doch die wenigsten lesen wohl je seine Bücher. Es geht auch niedrigschwelliger: Zwei französische Comic-Künstler haben Darwins wichtigste Forschungsreise als Graphic Novel umgesetzt.

von Frank

Charles Darwin ist allgemein für sein Hauptwerk On the Origin of Species aus dem Jahr 1859 bekannt. Biografisch bedeutsamer waren allerdings die rund zwei Jahrzehnte zuvor veröffentlichten Reiseberichte des Briten über seine Forschungsfahrt mit der H.M.S. Beagle. Das britische Schiff erkundete ab 1861 für fünf Jahre die Küsten Südamerikas und den Pazifik. Mit an Bord: der junge Charles Darwin, der nach dem Willen seines Vaters eigentlich Pfarrer werden sollte.

Dass Darwins Forschungen die kirchliche Version der Artenentstehung später in arge Bedrängnis bringen sollten, ist eine der unterschwelligen Botschaften der freien Adaption von Darwins Buch Die Fahrt der Beagle, an die sich die beiden Zeichner Fabien Grolleau und Jérémie Royer mit ihrer biografisch angehauchten Graphic Novel gewagt haben. Sie bildet, so das Vorwort, allerdings nur „eine Auswahl der von Darwin besuchten Orte, der Personen, mit denen er verkehrt hat, und der von ihm erlebten Abenteuer“, also zum Teil fiktive, wenngleich auf Aufzeichnungen Darwins beruhende Episoden der Reise, ab. Darwin erforscht die Geologie verschiedener Inseln; er besucht – teils auf dem Landweg abseits der „Beagle“ – Brasilien, Argentinien und Patagonien. Auf den Galapagos-Inseln beobachtet er dank eines Hinweises seines Assistenten Syms Covington die Anpassungen der auf einzelnen Inseln isolierten Finkenarten: Entwicklung durch unterschiedliche Lebensbedingungen, über Jahrtausende hinweg… Evolution.

Ergänzt wird die Erzählung durch Zitate aus Darwins Aufzeichnungen: Seinem Vater schrieb er bereits 1832, die Entdeckungen würden ihn wohl sein ganzes Leben lang beschäftigen – „Von nun an weiß ich sicher: Ich bin ein Mann der Wissenschaft“. Aber diese Graphic Novel handelt nicht nur von wissenschaftlichen Entdeckungen, sondern thematisiert auch die brutale Realität der Sklaverei und des Kolonialismus: Darwin lehnte die Sklaverei ab; gleichzeitig beschrieb er die „armen Wilden“ auf Feuerland. Er notierte: „Unter den Feuerländern herrscht Gleichberechtigung, die die Entwicklung ihrer Zivilisation behindert…“; Fortschritt könne dort nur Einzug halten, wenn den Einwohnern der „Gedanke des Besitztums“ kommt – immer wieder zeigt sich, dass der junge Brite die Ureinwohner und ihre Art zu leben nicht versteht und die Überlegenheit der europäischen Gesellschaften für ihn selbstverständlich ist. Dass er dennoch die Gleichwertigkeit aller Menschen betont, hebt ihn von seinen Zeitgenossen ab.

Optisch sticht die Graphic Novel besonders durch detailverliebte Darstellungen der von Darwin erforschten Flora und Fauna hervor. Im Zeichenstil fühlt man sich an die Abenteuer von Tim und Struppi des belgischen Comic-Übervaters Hergé erinnert. Manchen Passagen zur Natur der fremden Länder hätten aber eine großzügigere Seiten-Architektur und größere Panels gutgetan: In dem ansonsten sehr lesenswerten Band finden sich ganzseitige oder gar doppelseitige Bilder leider viel weniger, als bei der naturverbundenen Thematik wünschenswert wäre.

Fabien Grolleau, Jérémie Royer:
Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle
Knesebeck 2019
176 Seiten
28,00 Euro

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Wenn einer eine Reise tut …dann hat er was zu zeichnen: Die Graphic Journey bildet eine Art Subgenre der Graphic Novel – trägt das Konzept des grafischen Reisetagebuchs? Eine Doppelbesprechung. von David & Frank Früher hießen sie noch Hausmeister, Bügeleisen, Comics – oder Reiseskizzenbuch....
  2. Das Leben gezeichnet Manchen gilt er als Erfinder der Comic-Reportage, vielen als Meister des Genres: Joe Sacco wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet – auch wenn er bewusst nicht „objektiv“ sein will. von Frank Er studiere Journalismus, aber kehrte dem Schreiben bald...
  3. Das Leben als leere Hülle Albert Camus schuf mit seinem Roman Der Fremde ein einflussreiches Werk, das eine ganze Generation prägen sollte. Der Geist der Vorlage wurde in der gleichnamigen Graphic Novel adäquat adaptiert – allerdings bietet sie keine neuen Erkenntnisse. von LuGr „Ich...
  4. Rezension: Nationalistisch verblendet, oder: Die „monkey hangers“ Der Comic Der Affe von Hartlepool erzählt eine Geschichte von aberwitziger Lynch-Justiz, wie sie Nationalismus und Fremdenhass hervorbringen können. Eine Lese-Empfehlung. von Frank Wir sind im Jahr des großen Jubiläums: Im Oktober vor nunmehr 200 Jahren schlugen die Truppen...
  5. Bildergeschichten mit „literarischem Potenzial“ Vor 10 Jahren starb Will Eisner, der Mann, der uns die ‚graphic novel’ geschenkt hat. Wir nehmen das zum Anlass, um uns diese Kunstform in einem zweiteiligen Special etwas näher anzuschauen. von Frank Niemand würde heutzutage wohl noch ernsthaft den...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>