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„Tito, komm zurück – mit dem ersten Bus!“

6 Juli 2010 No Comment

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Auf einer Reise durch das ehemalige Jugoslawien haben sich drei Frauen mit der Kamera auf Spurensuche nach der jugoslawischen (N)Ostalgie gemacht – und sind fündig geworden.

von  Daniela Mehler

Partisanenkappen, Orden, Tito-Fan-artikel – in Ljubljana werden Relikte aus Ex-Jugoslawien verkauft, angeblich für Touristen. Die 80 Jahre Zugehörigkeit zum Vielvölkerstaat werden als „jugoslawisches Jahrhundert“ Sloweniens abgetan – man war schon immer und ist heute ganz besonders Mitteleuropa. Fragt man aber nach Erinnerungen, wird mit leuchtenden Augen von glücklichen Kindheitstagen und der sozialen Sicherheit im Sozialismus erzählt. Seine ganz persönlichen Erinnerungen lässt sich niemand nehmen. So feiern Mittdreißiger gerne in Pionieruniformen oder fahren mit ihren alten YUGO-Autos nach Belgrad zum Grab des 1980 verstorbenen jugoslawischen Präsidenten.

Talking ‘bout YU-Generation!

Titos Geburtshaus steht im kroatischen Kumrovec. Zehntausende pilgern jährlich dorthin. In das ausliegende Gästebuch schrieb ein Siebenjähriger: „Tito, komm zurück – mit dem ersten Bus!“. Zwar ist Kroatien nun („Endlich!“) ein eigener Staat, sagt man uns hier und in Zagreb, trotzdem ist die Sehnsucht nach den guten Seiten des Sozialismus präsent. Zwar wurde mit dem neuen Staat  eine nationale Geschichtspolitik durchgesetzt, in der Jugoslawien als eine Art Völkerkerker, als Leben in einer Diktatur gedeutet wird. Gleichzeitig vermissen aber viele leidenschaftlich die wilde YU-Rock-Szene, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation prägte, und trauern der Größe eines einflussreichen Staates, der liberalen Familien- und Frauenpolitik und einer besseren Sozialpolitik nach. Allerdings weigern sich viele Männer in Kroatien, mit uns über YU-Nostalgie vor der Kamera zu sprechen. Es  scheint eine Art Tabu zu sein.
Dennoch: Auch heute gibt es noch Menschen, die sich ethnischer Zuordnung entziehen. Bei einer Volkszählung in Serbien erklärten sich 2002 über 80000 Menschen zu „Jugoslawen“. In der „Ehrlichen Kneipe“ in Belgrad treffen sich einige von ihnen. Man kennt sich von den jugoslawischen Arbeitsaktionen, bei denen Jugendbrigaden buchstäblich mit der Schaufel in der Hand ganze Autobahnabschnitte bauten. Damals gab es Arbeit, ein kostenloses Bildungssystem, die Vorstellung von Chancengleichheit sei real gewesen: „Heute sagen sie, es herrsche Chancengleichheit, aber die gibt es gar nicht.“

„Nicht alles war schlecht unter Tito“

In Sarajevo führt ein Student das hippe Tito-Café. Die Zuckerpäckchen ziert ein Zitat des Präsidenten: „Ein Land, das diese Jugend hat, braucht sich um seine Zukunft nicht sorgen.“ Doch diese Jugend hadert. Für viele war früher alles besser, Jugoslawien galt als Garant für Frieden und damit für ein weitgehend harmonisches interethnisches Zusammenleben, für Stabilität und einen mäßigen Wohlstand. Andere fluchen über die Nostalgiker, die lieber in ihren Erinnerungen schwelgen, statt für ihre Zukunft aktiv zu werden. Stimmen aus beiden Gruppen fordern aber eine Rückbesinnung auf Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit, soziales Miteinander. Und träumen von den jugoslawischen Pässen, mit denen man, im Gegensatz zu den Bürgern der Ostblockstaaten, überall hin reisen konnte.
Auch exterritorial lebt Jugoslawien weiter: Auf der Internetplattform Cyber Yugoslavia (www.juga.com) kann man eine Staatsbürgerschaft beantragen. Knapp 17.000 Menschen sind Bewohner dieses virtuellen Jugoslawiens. Tanzen kann man heute ohnehin von Dublin bis Istanbul zu BalkanBeats-Musik und ein Bild des pater familias Tito hängt in so manchem Wohnzimmer von Gastarbeitern und Kriegsflüchtlingen auf der ganzen Welt.
YU-Nostalgie gewinnt im Kontext von Krieg, Nationalismus und der Transformation von Politik, Wirtschaft und Staatlichkeit eine besondere Bedeutung. Jugoslawien dient dabei als Beispiel einer funktionierenden Gesellschaft mit sozialen Werten und ohne ethnische Grenzzieh-ungen, eines international anerkannten Staates. YU-Nostalgie schafft Kontinuität: „Nicht alles war schlecht unter Tito, manches gar besser.“ Wie sonst sollten sich diese Menschen damit arrangieren, dass das Land, in dem sie aufwuchsen, lebten, und glücklich waren, nicht mehr existiert?

Eine Frage des „Unserig-seins“

Statt dem Imperativ der nationalen Politik zu folgen, wird YU-Nostalgie zu einer Alternative: Sie ist eine Projektionsfläche für Utopien, für alternative Identitätskonzepte und eine Form der Subversion gegen staatlich verordnete Politik. Gleichzeitig bietet sie eine emotionale Heimat für die, die sich in den jugoslawischen Nachfolgestaaten nicht wiederfinden. YU-Nostalgie verbindet in einer Region, in der oft mehr trennt als einem lieb ist, und überschreitet dabei jegliche Grenzen. „Bist du eine von unseren?“ lautet eine in Postjugoslawien immer häufiger gestellte Frage, die eine ethnische Zuordnung vermeidet und auf die gemeinsame Vergangenheit abzielt. Jugoslawien mag gestorben sein – das aus der Erinnerung entstandene „Unserig-sein“ aber lebt und wird hoffentlich immer größer.

(Foto: © SEE.ID)

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