The Intake

Eine Bestandsaufnahme

Unsere Aufmerksamkeit ist in der heutigen Zeit beinahe zum wertvollsten Gut verkommen. Dank Digitalisierung und Globalisierung konsumieren wir immer mehr und nehmen immer mehr Inhalte auf, sind informierter, schneller, erschöpfter. Allen voran die jüngere Generation. Warum ich diese Entwicklung als Gen-Zlerin als gefährlich empfinde.

von Rebecca Hinrichs


Als 1837 durch den ersten Telegraphen das Informationszeitalter eingeläutet wurde, war wohl nicht klar, welche fundamentale Umwälzung damit einhergehen sollte. Informationen konnten plötzlich schneller über große Entfernungen hinweg verbreitet und vom Empfänger konsumiert werden. 188 Jahre später können wir uns vor den verschiedensten Inhalten kaum noch retten. Ob Social Media, Online-Shopping, Newsticker oder Pornographie. Der nächste Inhalt ist nur einen Podcast, eine Suchanfrage oder einen weiteren Klick entfernt. Der durchschnittliche amerikanische Jugendliche verbringt etwa 93 % seiner Freizeit vor einem Bildschirm.
Doch sind wir für diese neue Welt überhaupt gemacht? Strukturell hat sich unser Gehirn seit Menschheitsbeginn kaum verändert. Und doch befinden wir uns mittlerweile in Zeiten der ständigen Informationsaufnahme, in denen wir unsere Aufmerksamkeit ständig neu ausrichten müssen. Gleichzeitig werden Informationen etwa auf Social Media immer verkürzter und somit darauf ausgelegt, für möglichst viele Menschen anklickbar zu sein. Doch egal welche Art von Inhalt, die Wirkung bleibt gleich: Mit jedem Swipe erringen wir eine neue Dopamin-Welle, für die wir kaum etwas tun müssen. Bei Dopamin handelt es sich übrigens nicht – wie oftmals falsch dargestellt wird – um ein „Glückshormon“. Es wird vor allem als Belohnung produziert. Aber für diese Belohnung musste einst hart gearbeitet werden – heute gibt es hormonellen Lohn ohne vorherige Leistung.

Vom Dopaminrausch zur Abwärtsspirale

In ihrem Buch The Dopamin Nation nutzte die Psychiaterin Dr. Anna Lemke das Bildnis einer Waage mit einer „Pleasure“- und einer „Pain“-Seite, um die Auswirkungen dieses übermäßigen Dopaminkonsums zu erklären. Hierbei löst jede Dopaminausschüttung ein Kippen der Waage auf die „Pleasure“-Seite aus, was gleichzeitig mit dem Auftreten negativer Gefühle einhergeht. Dies dient dazu wieder ein angestrebtes Gleichgewicht zwischen „Pleasure“ und „Pain“ herzustellen und eine Überreizung des Gehirns zu verhindern. Um dieses negative Gefühl wieder loszuwerden, greifen viele allerdings wieder genau zu der Substanz, die den anfänglichen Dopaminrausch überhaupt verursacht hat. Die Folge: der Beginn eines Teufelskreises, der letzten Endes nur auf noch negativere Gefühle wie Leere, Angst und Anspannung hinausläuft. Soziale Netzwerke werden aber aktiv darauf ausgelegt, uns möglichst lang auf ihren Plattformen zu halten, um mit personalisierter Werbung ihr Geld zu verdienen.
Die Auswirkung dieses Dopaminkonsums lässt sich in aktuellen Social-Media-Phänomenen wie „bed rotting“ erkennen, bei dem vor allem junge Menschen aus einer Mischung von Antriebslosigkeit und übermäßigem Social-Media-Konsum einen Großteil ihrer Zeit lieber im Bett verbringen, als sich mit ihren Freunden zu treffen, was sie immer mehr in die Einsamkeit steuert. Je mehr „billiges“ Dopamin wir konsumieren, desto unbefriedigter sind wir von Aktivitäten, deren Dopamin-Welle kleiner ausfällt. Zeit mit unseren Mitmenschen zu verbringen und damit ohne unser Smartphone erscheint uns dann als weitgehend unbefriedigend und die Gefahr besteht, dass wir uns nur noch weiter zurückziehen. Das Verkommen von sozialen Kompetenzen führt umgekehrt zu einer Zunahme von negativen Gefühlen wie mentaler Angespanntheit und Angst, worauf von vielen erneut durch einen übermäßigen Social-Media-Konsum reagiert wird. Der Teufelskreis beginnt.

Einsamkeit als Einfallstor

Eine Befragung der Bertelsmann-Stiftung von 16- bis 30-Jährigen fand heraus, dass junge Menschen, die sich einsam fühlen, weniger an ihre politische Wirkungsmacht glauben und weniger Demokratiezufriedenheit aufweisen. Insbesondere junge Menschen könnten damit auch als Globalisierungs-Verlierer gelten, obwohl diese in einer globalisierten Welt aufgewachsen sind und bis dato vor allem davon bevorteilt wurden. Die durch Social Media maßgeblich geprägte Welt, in der alles miteinander verbunden ist, könnte vielmehr zu einem erhöhten Gefühl von Einsamkeit und fehlender Zugehörigkeit beitragen. Dies könnte nach der Social-Breakdown-Theorie die Wahl von rechtsradikalen Parteien und zusätzlich eine autoritäre, antidemokratische Einstellung befördern.
Nicht umsonst hat genau die rechtsextreme Partei, die die Spielregeln auf Social Media verstanden hat, 21 % bei den unter 25-Jährigen bei der letzten Bundestagswahl erreichen können. Die zunehmend schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne in Kombination mit einer zunehmend wachsenden Einsamkeit vor allem unter jungen Menschen bietet genug Nährboden für eine solche Partei, um sich auch in dieser Zielgruppe zu etablieren.
Vor allem die immer weiter fortschreitende Komplexitätsreduktion, die sich über unseren ganzen Informationsweitergabeprozess in der heutigen Zeit erstreckt, leistet hierzu ihren Beitrag. Kurze, prägnante Social-Media-Inhalte spielen populistischen Parteien wie etwa der AfD in die Karten, da sie selbst auf das Herunterbrechen komplexer Sachverhalte auf scheinbar einfache Lösungen setzen. So erscheint es ihnen ein Leichtes, durch ihr Campaigning eine Vielzahl an Menschen zu erreichen.

Die Dopamin-Generation?

Was, wenn wir durch unsere aktuelle Informationsvermittlung, die darauf angelegt ist, alles Komplexe herunterzubrechen und leichtverdaulich zu machen, die Fähigkeit verlieren, uns als Gesellschaft in anspruchsvolle, nuancierte Sachverhalte reinzudenken, während die globalen Herausforderungen immer größer und schwerer werden? Auch die zunehmende Nutzung von KI, welche uns schneller und kompakter Informationen beschafft als jede Googleanfrage, kann dazu beitragen, die Fähigkeit des eigenen kritischen Denkens zukünftig enorm einzuschränken. Statt uns selbst einen Kopf zu machen, befragen wir vielleicht aus Bequemlichkeit lieber die KI, statt eigenen ‚Output‘ zu liefern.
Auch für diesen Beitrag musste ich mich durch die verschiedensten Inhalte lesen und habe hierbei erst gemerkt, wie stark ich selbst von einem allgemeinen Aufmerksamkeitsdefizit betroffen bin. Ich bin dankbar, dass Social Media mit mir selbst groß geworden ist und ich erst mit circa 18 Jahren der vollen Dröhnung der heutigen Social-Media-Form ausgesetzt war. Doch umso mehr Sorgen mache ich mir um die Generation nach mir, die jetzt mit all den negativen, oft unbemerkten Auswirkungen von Social Media zu kämpfen hat und das meist schon ab dem Kindesalter. Kann die Gen Z hier quasi als Steuerer agieren, die als Digital Natives auch vor den schweren Folgen eines übermäßigen Inputs von Inhalten warnen können? Oder haben wir die jungen Menschen hinter uns schon verloren, so wie wir immer mehr von uns an diese Intake-Spirale verlieren?
Wir sind keine handygesteuerte passive Generation, wir machen uns Gedanken über uns, über die Welt und vor allem über diese große Ungewissheit in der Zukunft. Wir sind achtsam, doch vielleicht sind wir dadurch, dass uns vieles klarer wird, nicht selten auch erschöpfter. Vielleicht ist unser übermäßiger Inhaltskonsum daher auch als Coping-Mechanismus zu verstehen. Vielleicht haben ältere Menschen vor uns eine neue digitale Welt geschaffen und lassen uns mit dem enormen Einfluss dieser gerade alleine. Coping-Mechanismen gehören nicht nur zur Gen Z, sondern sind in allen Generationen zu beobachten. Alkohol, Zigaretten oder Schmerzmittel können als andere, fragwürdige Bewältigungsstrategien zählen. Doch was, wenn diese neue Art der Betäubung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene noch katastrophalere Konsequenzen haben könnte als die meisten anderen Verdrängungsstrategien der Jahrzehnte davor? Diese Fragen müssen wir uns wohl selbst und nicht der KI stellen.


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