Stramm gestanden!

Jonathan Meese ist in town. Der Künstler, der dank zahlreicher Skandalisierungen bekannt geworden ist, der mit seiner Mutter eine quasi-inzestuöse Beziehung zu führen scheint, der in zwangsneurotischer Manier kulturellen Eklektizismus zur Erhabenheit zwingt – seine Kunst ist noch bis zum 7. Juni in der Kunstsammlung Jena zu bestaunen.

von Dennis Pieter


Ich besuchte die Ausstellungseröffnung am 26. März und war hocherfreut, meinen Lieblingskünstler der Gegenwart in Person treffen zu können. Die Räumlichkeiten der Kunstsammlung waren gefüllt, die Sicht auf die Bühne durch in Innenräumen Schal tragende Kunstkenner versperrt. Nach einleitenden Worten war Meese am Mikrophon. Seine lange Rede schallte durch die Hallen, gefüllt mit den Themen Liebe und Richard Wagner, angefüttert mit anarchistischen Plattitüden. Allerdings, dachte ich mir, ist seit Roland Barthes‘ Aufsatz von 1967 der Autor tot. Der Künstler weiß am wenigsten über sein eigenes Werk Bescheid, weswegen man Meeses Rede selbst als Teil des Gesamtkunstwerks begreifen muss.

Georg Diez, ein Journalist, der Meese wohl am gröbsten missverstand, echauffierte sich anlässlich eines Hitler-Acts Meeses im Juli 2007 in der ZEIT: „Es wirkt bei Meese allerdings nicht so, als ob er Hitler bannen wollte; es wirkt eher wie eine Anrufung. Und merkwürdig ist nun, dass es gerade in einer Zeit, da die letzten Zeitzeugen sterben, und gerade bei einer Generation, die so frei schien von diesem Schatten, diesen Reiz gibt, sich der Energie des Bösen, des Verbotenen zu bedienen. In seiner großen Frankfurter Ausstellung hatte Meese schräg über sein Selbstporträt Hitlers Bild an die Wand geklebt; und darauf hatte er das Wort ‚Vater‘ geschrieben.“

Ach – war 2007 noch eine unschuldige Zeit. Aber genau um die Position des Vaters geht es doch bei Meese! Dass Hitler gerade keine Vaterfigur war – genauso wenig wie Donald Trump eine ist –, sondern eher einem obszönen, geradezu vaterlosem Bruder gleicht, ist doch nicht neu. Meese hat seinen Adorno gelesen! Und wenn nicht, dann haben die Italiener dafür einen guten Spruch: Se non è vero, è ben‘ trovato – falls es nicht stimmt, ist es gut erfunden. Wenn man Meese zuschaut, muss man sich frei machen von einordbaren Sinnzusammenhängen. Wenn Meese die Swastika zeichnet, den Hitlergruß macht oder von der „Diktatur der Kunst“ spricht, dann bedient er sich historisch und gesellschaftlich aufgeladener Symbole. Aber – wie Meese allzu oft betont – Symbole haben keine inhärente Bedeutung, genauso wenig wie ein Baum uns Deutschen sagt, dass er „Baum“ heiße. Wir haben weder unsere Wörter noch unsere Symbole von den Dingen da draußen, sondern von gesellschaftlich bereits hergestellten Diskursen.

Meese beschäftigt sich mit verschiedenen Figuren der vaterlosen Gesellschaft: mit Hitler, Stalin, mit dem Muttersöhnchen oder mit „daddy“. Es verläuft ein schmaler Grat zwischen diesen Varianten kastrierter Allmachtsfanatiker. Der Vater ist in der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr existent. Spätestens mit der Gleichmacherei der Französischen Revolution ist jeglicher qualitative Unterschied zwischen den Bürgern nivelliert. Sie konnten sich nicht mehr auf mythisch begründete Autoritäten verlassen, sondern mussten sich seitdem anders profilieren und Anerkennung verschaffen, sei es durch politischen, ökonomischen oder geschlechtlichen Aktivismus. Die Moderne ist eine Epoche heller Aufregung – etwas, das bei keinem Künstler greifbarer ist als bei Jonathan Meese.

Diese Aufregung strahlen insbesondere seine Gemälde aus, obwohl sie mehr oder weniger alle gleich aussehen. Auch dieses Phänomen in Meeses Kunst verweist auf ein Problem der Moderne: Wenn alle Bürger gleich vor dem Recht sind, woher wissen wir dann, dass wir alle gleich sind? Ein X erkennen wir ja üblicherweise dadurch, dass wir es einem Nicht-X entgegensetzen. Aber wenn alle Bürger gleich sind, dann fehlt uns ein Maßstab für diese Gleichheit, ein Maßstab, der für die Ungleichheit stünde. Meese schafft einen Raum für diese Ungleichheit und fordert sie sogar. Dieses Insistieren auf dem Ungleichen bzw. Hierarchischen widerlegt all sein Gefasel über die Abschaffung der durch Hierarchie gerechtfertigten Herrschaft. Wenn man nicht auf billige Kunstkennerei hereinfallen will, muss man Meeses Kunst ernster nehmen, als er selbst es tut.


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