perché ti amo Italia
von Julia Florschütz

Bei dem wechselhaften Aprilwetter und dem sich bitten lassenden Sommer erinnern wir uns doch alle gern an die Gut-Wetter-Erlebnisse des Vergangenen. An einem lauen Juliabend in der Kulturarena spielte „Erobique“ auf dem Theatervorplatz. Das Grand Final bildete der Song „Urlaub in Italien“. Es herrschte gute Laune, es wurde getanzt und die Arme gehoben, kollektiv mitgesungen: Urlaub, im Urlaub in Italien. Mit den Eltern 1986.
Nach etwa der 10. Wiederholung dieser Zeilen wurde ich stutzig. Höchstwahrscheinlich stand um mich so gut wie keine:r, der oder die 1986 die Möglichkeit hatte, Italien zu besuchen, nicht nur, weil sie wie ich zu dieser Zeit nicht existiert haben – die Zuhörerschaft war schätzungsweise im Durchschnitt etwas älter als ich – nein, auch weil sie einfach schlichtweg nicht die Möglichkeit hatten, zu dieser Zeit in dieses Land zu reisen.
Zu „Erobique“ inhaltlich ähnlich, aber eigentlich doch ganz anders, hält es die Band „Roy Bianco und die Abbrunzati Boys“. Die Liebe zu Italien scheint hier sogar noch enthusiastischer zu sein. In den 80ern mag sie jeder wahre Fan erlebt haben, (vordergründig, weil es ein Running Gag ist, dass die Band schon 1982 gegründet worden sei, eigentlich gibt es sie aber erst seit 2016). In fast ausnahmslos jedem Lied geht es um Orte in Italien, Roller fahren, Sonne tanken, Meer, Pool, Aperol Spritz. Sie gehören dem Italo-Schlager an und sind somit die gegenwärtige Weiterführung eines Genres, das schon im 20. Jahrhundert die (deutschen) Massen bewegt hat. Dabei sind sie mit einem unernsten Auge zu betrachten. Anders ginge es auch nicht beim Anblick ihrer übergroßen Anzüge und falschen Lachern, die sie exorbitant viel einstreuen.
Aber es muss nicht immer neu sein, um mitzureißen.Che confusione, sarà perché ti amo. È un′emozione che cresce piano piano… Um diese Zeilen des Liedes „Sarà perché ti amo“ ist man letzten Sommer wohl kaum herumgekommen, egal, wo man sich befunden hat – ob in einem touristischen Ort in Italien, beim Public Viewing im Zuge der EM oder im Internet. Dabei ist die Italo-Hymne bereits von 1981 und trotzdem erlebt sie über 40 Jahre später ein Revival und steigt sogar erneut in die Charts ein. Ein Beweis dafür, dass die italienische Sehnsucht unermüdlich und früher wie heute stark vorhanden ist. Darüber, wie geschmackvoll sie ausgelebt wird, lässt sich jedoch streiten. Zahlreiche Cover, Übersetzungen, Mixes und mindestens eine Ballermann- bzw. Après-Ski-Version und die rege Ausbeutung des Originals (Oktoberfesthit letztes Jahr war es auch) sorgen aber auf jeden Fall dafür, dass sich Melodie und Text im Kopf festsaugen. Man könnte jetzt argumentieren, dass das Lied dank des AC Mailand, der es als seine Hymne singt, nie aus den Köpfen verschwunden ist, aber sicher sind nicht alle, die inbrünstig mitsingen, Fußballfans, aber ich würde ihnen unterstellen, Italienfans zu sein. Fest steht aber: Das Lied ist ideal, um es laut in den Straßen gemeinsam zu singen, vielleicht gerade, weil es so alt und allseits bekannt ist.
Genauso könnte man meinen, an Italiensehnsucht seien Goethe und Heine schuld. Sie gab es laut Wikipedia aber tatsächlich schon seit dem Mittelalter, als Regenten sich am Römischen Reich orientierten. Der Eintrag in der Internetenzyklopädie endet aber im 20. Jahrhundert mit der Erwähnung von „romantischen Schlagern“ mit entsprechenden Inhalten – fast skandalös, dass das 21. Jahrhundert keine Erwähnung findet. Dabei geht es noch weit über das Musikalische hinaus. Italien ist ertragreich kommerzialisiert worden. Das kann ich allein schon daran festmachen, dass ich nur durch Werbeanzeigen im Internet weiß, dass ich jegliche Kleidung im Aperol Theme kaufen kann oder T-Shirts mit Nudelrezepten auf dem Rücken oder Beutel, die mir verkünden: „tutto bene“ und und und…
Ich habe eine Italienerin gefragt, inwiefern das Ideal der „Dolce Vita“, so wie die Deutschen es sich vorstellen, denn wahr sei. Ihre Antwort war ernüchternd wie logisch: Auch Italiener:innen müssen arbeiten und ihren Alltag bestreiten (vor allem in Angesicht der schlechten Arbeitsperspektiven vor allem für junge Menschen, von denen sie mir vorher berichtete). Am Straßenrand sitzen, die Sonne genießen und das Leben entspannt angehen könnten höchstens alte Menschen und alle anderen nur am Wochenende. Ich zeigte ihr auch die anfangs erwähnte Italo-Schlagerband, nicht ganz ohne Scham. Man müsse sich vergleichend vorstellen, Italiener sängen in Liedern über Berchtesgaden, Kühlungsborn, Heidelberg und wie sie im Schatten des Brockens stehen und das Glück suchen, während sie irgendwelche deutschen Wörter in ihre Muttersprache einstreuen. Glücklicherweise wurde die Musik aber für spaßig und nur ein bisschen peinlich befunden.
Ich bin gedanklich wieder beim Erobiquekonzert und frage mich, ob die Menschen in Ostdeutschland die Sehnsucht nach Italien nachträglich übernommen haben oder noch stärker ausleben konnten. Ist und war dieses Sehnsuchtsgefühl überall gleich? Immerhin war Italien wohl nur ein Teilaspekt des Wunsches: „Wir müssen hier raus!“ (Um bei Musik zu bleiben, verweise ich an dieser Stelle auf das entsprechende Lied von Ton Steine Scherben, die aber natürlich Westdeutschland zuzuschreiben sind. Es bleibt aber der Wunsch der Flucht und der Änderung von Strukturen.)
Abgehängt bleibt abgehängt
Als ich diesen Sommer durch kleine Dörfchen der Toskana fuhr, in denen absolut tote Hose war, sagte einer der Mitreisenden, manchmal würde er dadurch an Ostdeutschland erinnert – baufällige, unrenovierte Häuschen und keine Menschenseele auf der Straße. Auch im Gespräch mit der italienischen Erasmusstudentin stelle ich fest, dass Italien und Deutschland eine Spaltung eint. Dort Norden versus Süden, hier Westen vs. Osten, eine wirtschaftlich und strukturell besser gestellte versus schwächere Region. Auch in Italien wurde der unterentwickelte Süden (die Begrifflichkeit verwendet Wikipedia) vom Norden unterstützt, so wie der Solidaritätszuschlag und andere Maßnahmen zum „Aufbau Ost“ dienten. Die Klischees in Italien und Deutschland sind deshalb auch ähnlich: Süden und Osten arbeiten weniger als die jeweils andere Region.

Trotzdem erscheint der Vergleich ansonsten irgendwie weit hergeholt. Unsere Rentner:innen sitzen beispielsweise auch nicht mit knapper Badehose am Strand oder auf einem Klappstuhl am Straßenrand, sondern eher im gemütlichen Sessel, sind auf der Jagd nach den neusten Discounter-Angeboten oder schauen auf ein Kissen gelehnt aus dem Fenster. Warum hat das eine so viel mehr Charme als das andere? Ist es nur der Grund, dass es mehr Sonnenstunden, guten Wein und Straßenkatzen gibt, die man streicheln kann? Sind Sehnsuchtsorte überhaupt zum Erreichen da? Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek meint, ein Paradies sei nicht zur Realisation da, es dürfe aber auch nicht unerreichbar sein. Das Erfüllen eines Traums sei per Definition für den Menschen ein Albtraum und nicht der Schlüssel des Glücklichseins. Dies ist ein Punkt, der noch viel mehr Aushandlung bedarf, nehmen wir aber durch diese Theorie einfach an, dass sie uns erklärt, weshalb die wenigsten Menschen nach Italien auswandern, die Wahl des Sehnsuchtslandes aber auf Italien fiel.
Aber was wäre so schlimm daran, erreichbarere Orte zu romantisieren? So dass wir uns wohler im Alltag fühlen? So wie es Olivia Schneider macht. Sie ist selbst ernannte „Ostfluencerin“. Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit zu verklären und in Ostalgie abzurutschen, sondern viel mehr die Dinge wertzuschätzen, die wir um uns haben, und regionale Eigenheiten und Individualitäten zu bemerken. Dabei erfährt Schneider selbst immer wieder Rückschläge und die Erkenntnis, dass die Menschen in kleinen, verlassenen Orten teilweise offen kommunizieren, dass sie eine Romantisierung von Betonzäunen und Eiscafés, in denen die Zeit vor 35 Jahren stehen geblieben ist, gar nicht wollen. Das schlägt sich in Kommentaren nieder, die Ostdeutschland herabsetzen oder beleidigen. Andersrum trifft sie immer wieder auf ausgelebte Fremdenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut genau dort im ländlichen Raum. Gleichsam ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Teile der italienischen Bevölkerung auch in zweifelhafte Überzeugungen abrutschen. Nichtsdestotrotz mag es Leute geben, die meinen, unpolitisch zu sein oder dass Änderungen in der Welt sie nicht beträfen – die angeführten Beispiele zeigen einmal mehr, dass kein Raum unpolitisch bleibt und dass die Sehnsucht nach Vergangenheit und “Alles bleibt wie es ist!” problematisch werden kann.
Produktiv für die Verständigung verschiedener Realitäten und Überzeugungen ist es wohl, einen Mittelweg zu finden: Anerkennung der Vergangenheit, ohne dabei die Zukunft zu vergessen. Nostalgie muss nicht immer bedeuten, der Vergangenheit nachzuhängen und diese zu verklären. Sehnsucht ist normal, aber Sehnsucht nach der Vergangenheit wird wohl nie glücklich machen. Die Differenzierung macht es. Im Angesicht aktueller Entwicklungen muss uns gelingen, die Dinge, die uns etwas bedeuten (und auch verklärt werden – wer kann das schon vermeiden), in unseren Alltag einzubauen, ohne uns von der Gegenwart und der Zukunft abzuwenden. Sehnsucht nach Italien ist im gegenwärtigen Leben realisierbar, auch wenn man die authentischen, von Touristen unberührten Fleckchen immer schwerer finden mag oder der Urlaubsort aus der Kindheit sich stark verändert hat. Der eine italienische Ort kann Sehnsuchtsort bleiben und es schließt sich nicht aus, ihn von Zeit zu Zeit wieder zu besuchen. Somit ist die Italiensehnsucht doch nicht vergleichbar. In die DDR kann sich keiner mehr begeben, höchstens hier und da so tun. Es ist natürlich viel unproblematischer, Italien zu nostalgisieren, als in Ostalgie zu verfallen, auch wenn beide Regionen ihre negativen Seiten haben. Das eine wird aber eben ernst genommen, das andere belächelt.
Edeltraut und Helmut sollte zugehört werden, wenn sie von früher erzählen und damit beabsichtigen, ihre Erfahrungen weiterzugeben, (egal wo sie aufwuchsen oder in den Urlaub fuhren) aber sie sollten sich auch eingestehen, dass nicht alles so supi war, wie sie heutzutage denken. Verklärung ist menschlich und Nostalgie ebenso.
Sehnsucht nach Abwechslung und Dankbarkeit
Trotzdem kann es auch erfrischend sein, nicht zum 15. Mal Bilder von Cinque Terre und Pizza in seinem Feed zu sehen, sondern auch mal Rezepte aus „Wir kochen gut“ und Impressionen aus dem Nussknackermuseum in Neuhausen. Ostfluencerin Schneider geht es vor allem um das Ausleben ihres Interesses an langlebigen Ostprodukten aus beispielsweise Phenolharz (dieses knallorangene Plaste) und darum, die guten Dinge zu konservieren, die es auch gab.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass ein bisschen Nostalgie völlig in Ordnung ist. Sarà perché ti amo singen schadet niemandem (außer den Einheimischen, die durch Tourist:innen vom Schlafen abgehalten werden). Aber unser aller Leben geht im Jetzt weiter und dieser eine Ort ist nicht die heile Welt, die wir sonst nirgends vorfinden. Veränderung ist gut. Nostalgische Gefühle lenken uns nur regelmäßig davon ab. Manchmal ist Realitätsflucht in Ordnung, sie darf aber nicht permanent anhalten.
Zum Glück ist es momentan etwas en vogue über Ostidentitäten zu reden und damit verbundene Gefühle fundiert zu erklären. Steffen Mau, Ilko-Sascha Kowalczuk, Dirk Oschmann, Valerie Schönian, Christoph Lorke, Johannes Nichelmann oder Daniel Kubiak: Das sind nur einige Namen derer, die sich in sozialwissenschaftlicher, historischer, literaturwissenschaftlicher, schriftstellerischer oder journalistischer Hinsicht mit der Nachwendezeit und Auswirkungen auf die Menschen bis heute beschäftigt haben. Immer schwingen natürlich auch persönliche Erfahrungen mit. Mehr Aufmerksamkeit und Diskussionskultur sind gut. Nicht nur für die Menschen, die sich jahrzehntelang ignoriert gefühlt haben, sondern auch in Anbetracht der Tatsache, dass viele junge Menschen sich wieder stärker als Ostdeutsche identifizieren und damit indirekt mit einem Staat, den es seit über 30 Jahren nicht mehr gibt, und mit einer Vergangenheit, die sie nie erlebt haben.
Im Dezember stand ich wieder bei einem Konzert in Jena. Dieses Mal ist es Pöbel MC, der sich inhaltlich viel mit Klassismus, Systemkritik, seinem Aufwachsen und Leben in Ostdeutschland und damit verbundenen Vorurteilen und Wahrheiten beschäftigt. Er rappt: Homie, mein Leben war hart, kein Adidas, nur Diadora. Ein blonder Junge in Rostock, ja, ich lebte in der Diaspora. Kleiner Scherz am Rande, auch im Prinzip ist‘s nicht so.
Egal, was auf die eigene Vergangenheit zutrifft, was man hören und womit sich identifizieren will, es geht ums Zuhören und Sensibilisieren für unterschiedliche Lebensrealitäten.