Jenaer Klostergeschichte(n) Teil II

Das Ende der Klöster: Empörung und Aufruhr vor 500 Jahren

Vor genau 500 Jahren flogen die Klöster in Thüringen in die Luft. Die Unruhestifter wurden „erstochen, erwürget und erschlagen“. Wir feiern das nicht, aber wir gedenken der „Bauernkriege“ von 1525. Die Betrachtung der Ereignisse in Jena und Mittlerem Saaletal werfen durch die spärliche Quellenlage mehr Fragen als Antworten auf. Das bietet Raum für Spekulationen. Klar ist nur: mit den Klöstern war es danach vorbei.

von Max Pellny


Bereits Anfang der 1520er Jahre erscheinen in den Quellen zahlreiche bäuerliche Beschwerden, die sich gegen Kirchenvertreter und adlige Grundherren richten – jedoch nur in den seltensten Fällen gegen den fürstlichen Landesherrn (Ernestiner) selbst. In Kahla kommt es 1522 zu einem großen Aufruhr, über dessen Gründe und Verlauf sich leider nichts Genaueres sagen lässt. Im Februar 1523 dringt nachts eine wütende Meute in das Haus des Pfarrers von Gröben (Dorf hinter Lobeda) ein, plündert sein Hab und Gut und schlägt ihm die Zähne aus. Immer mehr Bauern und ganze Dörfer verweigern Zinsund Zehntzahlungen und stellen den Frondienst in Frage. Auch in Jena beginnt die Lage langsam brenzlich zu werden: Der radikale Karlstadtschüler Martin Reinhard predigt in der Stadtkirche reformatorisches Gedankengut und versucht, von offizieller Seite mindestens geduldet, die kirchlichen Strukturen der Stadt neu zu ordnen. So dringt er mit einigen Mitstreitern in das Dominikanerkloster ein und fordert die Mönche auf ihre antireformatorischen Predigten einzustellen. Der Abt von Bürgel beschwert sich 1523 persönlich beim Landesherrn Johann von Sachsen (Hanfried), dass er über ein Jahr lang aus Weinbergen und Häusern Jenas aufs übelste beschimpft werde. Zum traditionellen Krautweihe-Fest am 15. August 1523 nehmen junge Leute den Frauen ihr Gemüse weg und werfen es auf die Straße.

Als wir erfuhren, wie viele Geräte, Silberwerk, Spangen an den Messkleidern wegkommen, daneben das Wesen der Mönche gesehen und gehört haben, was die wenigen Personen im Kloster verbrauchen, was sonst ein ganzer Konvent gebrauchen konnte, samt dem nicht benötigten Überfluss, da haben wir alles in Kisten packen lassen und mit zwei Wagen von zwei Pferden gezogen aufs Rathaus bringen lassen. […] Etliche Schock Handgeld, viele Tischtücher, 80 Messgewänder und vieles dazugehörige lagen vermodernd im Winkel und sind übel aufbewahrt worden.

Rechtfertigungsschrift des Jenaer Stadtrats an Kurfürst Johann vom 24. August 1525
Enteignung auf Befehl des Jenaer Stadtrates

Ein Jahr später, im August 1524, wird es noch spektakulärer. Zwei Pferdekarren fahren im Karmelitenkloster vor und werden von Ratsknechten mit sämtlichem wertvollem Klostereigentum beladen. Die Entnahme von Klostereigentum und dessen Verbringung aufs Rathaus, stellt für Jena einen einmaligen Vorgang dar. Der Rat verbindet mit der Entwendung einen Rettungsgedanke des Eigentums, das „übel verwahrt“ und „vermodert gelegen“ hätte. Das neutestamentliche Armutsgebot, zu dem sich viel Mönchsgemeinschaften verpflichteten, konnte für Kritiker offensichtlich nicht mit deren Lebensrealität in Einklang gebracht werden und war daher eine offene Flanke für Angriffe.

Ablauf der Ereignisse

Die folgende Rekonstruktion der Ereignisse des Frühjahrs 1525 basiert hauptsächlich auf der an Fürst Johann gesendeten Rechtfertigungsschrift des Jenaer Stadtrates: Am frühen Donnerstagmorgen, den 27. April 1525, einem Markttag, versammelte sich der Stadtrat im Rathaus mit der Gemeinde und bemerkte Lärm vor der Stadt. Eine Meute aus Bauern drang mit einer Heerpauke in die Stadt ein und brach das Tor zum Dominikanerkloster auf. Dieser Auflauf konnte zunächst durch den Rat zurückgeschlagen und ein Trommler und vier Anführer gefangen genommen werden. Anschließend sei es zwischen 8 und 9 Uhr erneut zu einer Unruhe der Marktbauern vor dem Kloster gekommen, woraufhin der Rat sich dem Druck der Menschenmenge beugen musste und die kürzlich zuvor Gefangenen wieder freiließ. Gegen 14 Uhr sei der Rat erneut informiert worden, dass ein gewisser Christoph Enderlein eine „rotterey“ an sich gebracht und das Kloster final „aufgestossen habe“. Der Rat sei zum Ort des Geschehens gegangen und habe dort eine große Menschenmenge vorgefunden, die zumeist aus Vorstädtern bestand. Um Plünderungen zu verhindern, beschlagnahmte der Rat das übrige Klostergut der Dominikaner und inventarisierte es. Christoph Enderlein habe viele gegen den Rat und die Obrigkeit aufgehetzt.
In einem Gnadengesuch an die Kurfürstin von Sachsen vom 29. Mai 1527, legt der sich auf der Flucht befindende Christoph Enderlein seine Version der Geschehnisse dar: In einem Wirtshaus in Jena habe er vom bevorstehenden Klostersturm gehört und sich der Menschenmenge angeschlossen, da er zunächst annahm, dass es sich um einen Befehl des Rates gehandelt hätte. Vor dem Kloster sei er bei einer Auseinandersetzung von einem Ratsknecht geschlagen worden und verließ daraufhin die Stadt. Seine Bitte auf Rückkehr sei vom Stadtrat verwehrt worden, weshalb er sich dem Bauernhaufen bei Lobeda anschloss. Obwohl Enderleins spätere Aussage mit Vorsicht interpretiert werden muss, enthält sie einen wichtigen Hinweis. Gleichzeitig zum Aufstand in der Stadt, kam es zur Bildung eines aufständischen Haufens bei Lobeda, dessen Größe im Laufe von zwei bis drei Tagen auf ca. 3000 Personen anwuchs.

Am Sonntagvormittag, dem 30. April, vertrieb dieser sogenannte Jena-Lobedaer Haufen die adlige Familie Puster und plünderte ihre Güter bei Lobeda und Drackendorf. Im Laufe des Tages folgten weitere Plünderungen der von Bünau zu Schlöben, bei denen Getreide geraubt und Lämmer, Kälber und Kühe geschlachtet wurde – unter den Plündernden seien auch Frauen und Mägde gewesen. In Schöngleina drohten Bauern dem Adligen Dietrich von Lichtenhain ebenfalls mit dem Raub seines Eigentums, solle er nicht alle Fronen und Zinsen aufheben. Da dieser nur ein herzogliches Urteil akzeptierte, wurden seine Güter umfassend geplündert. An den Überfällen auf Adlige beteiligte sich auch eine Vielzahl von Kahlaer Bürgern. Allein aus dem benachbarten Roda, das über 22 Häuser verfügte, beteiligten sich 21 Bauern am Aufstand.

Laut einer Chronik von 1681 sei es am 3. Mai 1525 zur Stürmung des Karmelitenklosters gekommen. Das reichste Kloster Jenas, das Zisterzienserinnenkloster hinter der Stadtkirche, ist bemerkenswerterweise von jeglichen Überfällen verschont geblieben. Spätestens um den 6. Mai brach die Erhebung in und um Jena vollständig und plötzlich in sich zusammen.

Konsequenzen des Aufruhrs

Am 21. Juni 1525 wurden in Jena 20 Rädelsführer durch einen „Edelmann“ mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht. Für geflohene schuldige Söhne wurden ihre Väter zur Rechenschaft gezogen. Das Blut sei in Rinnsalen über den Marktplatz geflossen. Viele an den Aufständen Beteiligte versuchten sich durch Flucht der kurfürstlichen Bestrafung zu entziehen. Vier Bauern aus einem Dorf bei Jena wurden am 27. Juli in Böhmen verhaftet. Auch Christoph Enderlein entkam seinem Schicksal nicht. Am 22. Januar 1533 wurde er aufgegriffen und hingerichtet. Zahlreiche Mütter aus Drackendorf und Ilmsdorf baten den Kurfürsten um Erlass der Strafzahlungen, die sie für ihre geflohenen Männer zu begleichen hatten. Sie waren die Einzigen die fürstliche Gnade erfuhren. Mit dem Verweis auf Geheimhaltung, erlies er Ihnen die Bußgelder.
Klosterleben hat es seitdem in Jena nie wieder gegeben. Das gesamte Eigentum der Klöster ging an die Stadt über. Wir können uns vorstellen, dass der Stadtrat darüber nicht gerade unglücklich gewesen sein dürfte.


Beitrag veröffentlicht

in

,

von