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Ein Abend am separatistischen Buffet

31 März 2021 No Comment

© iStock-458300277, Urheber JordiDelgado, bezahlt

 

Punsch, Putsch und Puigdemont – Am separatistischen Buffet der Regionalvertretung in Brüssel stellen wir uns die Frage, ob Katalonien das Recht hat, sich von seinem Staat abzuspalten. Kann das politisch & kulinarisch überzeugen?

von Kai von Linden

Am Abend des 11. September erreichen wir etwas erschöpft nach einem langen Arbeitstag die Vertretung nahe dem Place Schuman. Wir werden begrüßt mit den regionalen Getränken, kühles Moritz-Bier und Weißwein aus Terra Alta. Der Raum füllt sich nach einiger Zeit und wir stehen mit rund 150 Personen im Empfangssaal. Offenbar die einzigen Vertreter unserer Nation stehen wir wie eine kleine Insel an unserem Stehtisch. Als Vorspeise serviert man uns pikante Chorizo-Salami, dicke Scheiben des weißen Schafskäse aus La Mancha und in Olivenöl eingelegte Artischocken. Die exzellente Verköstigung lässt keinen Zweifel an der Bedeutung dieses Festakts für den Veranstalter. Auf im Raum verteilten Plakatständern werden in großen Lettern Forderungen gestellt. Eine sagt, man solle die Landessprache nun endlich als 25. EU-Sprache anerkennen. Mitten im Innenhof hat man einen schweren Tonkrug aufgestellt. Rundherum verziert mit einer in Ton geformten Erzählung. Hier Leute, die Zettel in eine Kiste stecken und dort dieselben Leute protestierend mit Schildern und Plakaten, doch nun prügeln Personen mit Helmen auf sie ein. Nach einer Weile bildet sich eine Menschentraube um den Eingang – es scheint, der wichtigste Gast betritt gerade den Raum. Ein Mann, Anzug, weißes Hemd, Krawatte, spaziert mit einem Schmunzeln auf den Lippen an den plaudernden Gästen vorbei. Für einen Politiker fallen ihm seine dunklen Haare fast etwas zu weit ins Gesicht. Wir erkennen ihn. In Deutschland erreichte er schlagartig Bekanntheit als die Autobahnpolizei in Schleswig-Holstein ihn aufgrund eines europäischen Haftbefehls auf der A7 aus Dänemark kommend festnahm. Das ihm vorgeworfene Delikt: Aufwiegelung und Rebellion. Jetzt steht er uns gegenüber. Carles Puigdemont, der ehemalige Regionalpräsident, lässt sich nicht anmerken, dass er ein politischer Exilant ist, dem bei Betreten spanischen Territoriums mehrere Jahre Gefängnis drohen. Dennoch überlässt er die Ansprache zum Nationalfeiertag dann lieber der Leiterin der Brüsseler Regionalvertretung, Meritxell Serret. In einer patriotischen Rede spricht sich die dynamisch auftretende Frau Mitte 40 für die Unabhängigkeit ihrer Heimatregion aus, das demokratische Grundrecht des Wählens und betont ihre Verbundenheit mit der Europäischen Union. Puigedemont, bestätigend nickend in der vordersten Reihe.

Ein musikalisches Festmahl

Zum Abschluss wird die Nationalhymne angestimmt. Mittendrin wir, drei Praktikanten aus Rheinland-Pfalz, ungläubig Blicke austauschend, wo wir da hineingeraten sind. Zwei Streicher begleiten das folgende Get-Together mit klassischer Musik, während im Innenhof in einer wagenradgroßen Pfanne die Paella angerührt wird. Stolz schicke ich Elisa, meiner spanischen Kommilitonin aus Madrid, ein Foto von Puigedemont. Sie erwidert, ich solle ihm doch einen Farbbeutel an den Kopf werfen. Je mehr wir hineingesogen werden in diese Zeremonie, desto mehr stellen wir uns die Frage, ob das, was hier passiert richtig ist. Eine europäische Region, Teil des Staates Spanien, möchte seine Unabhängigkeit proklamieren. Dies soll durch freie Wahlen legitimiert werden. Wir sind uneins. Einerseits klingt der Vorgang einer Abspaltung durch die freie Wahl der Bürger durchaus demokratisch. Andererseits kann sich eine Region doch nicht einfach wie ein Puzzleteil aus dem Staat herauslösen. Oder etwa doch? Darf ein Staat eine Region in einen Bund zwingen? Wo würde es hinführen, wenn der spanische Staat den Unabhängigkeitsbestrebungen nachgeben würde? Was würde passieren, wenn alle europäischen S taaten die separatistischen Initiativen tolerieren würden? Die Flamen würden sich von den Wallonen trennen, die Südtiroler von den Italienern, die Basken vom französischen und spanischen Staat und nicht zuletzt die Bayern von Deutschland? Und obendrein, wer weiß, schließlich noch die Franken von Bayern? Aus den großflächigen Nationalstaaten würde ein bunter Haufen an Kleinstaaten entstehen.

Einheit oder Freiheit?

Ein Flickenteppich. Wie man ihn im Deutschland des 19. Jahrhunderts kannte. Jedes Fürstentum mit eigener Währung, eigenen Maßeinheiten und Zöllen an den Landesgrenzen. Doch heute könnte die EU als übergeordnete Einheit ein Minimum an Vereinheitlichung und grenzüberschreitenden Freiheiten in Bezug auf Personen, Kapital, Waren, und Dienstleistungen herstellen. Sofern die Kleinstaaten eine EU-Mitgliedschaft anstreben. Würde Europa also wirklich in Scherben zersplittern, unregierbar und zerstritten in eine ungewisse Zukunft driften? Wäre die innereuropäische Stabilität in Gefahr oder nur die Macht nationaler Parlamente und deren Politiker? Wäre es nicht vielleicht an der Zeit, mit dem Lineal geopolitscher Großmacht gezogene Grenzlinien in natürliche kulturell gewachsene Konturen zu ändern? Nach einem Schälchen karamellisierten Vanillepudding, der Crema Catalana, und einem letzten Glas tarragonischem Rotwein machen wir uns auf den Heimweg. Puidgdemont steht noch immer ins Gespräch vertieft an einem Hochtisch und klagt vermutlich von der Bürokratie, die es in Deutschland für einen politischen Asylantrag bedarf. Wir nehmen unsere Jacken und vorbei an der gelb-rot-gestreiften Flagge, die gepaart mit dem Königsblau der EU am Eingang aufgebaut ist, verlassen wir die Regionalvertretung. Draußen auf dem Place Schuman stehen schon die Anzeichen der nächsten Separatisten. Man hat die Straßensperren für den kommenden Brexit-Gipfel aufgebaut. Eins steht allemal fest. Das Abschiedsbuffet der Briten wird mit dem der Katalanen nicht mithalten können.

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