Ehrenamt ist Bestandteil einer idealen Welt: Menschen, die aus eigenem Antrieb Dinge für andere Menschen tun. Oder ist der Begriff „Ehrenamt“ für eine ideale Welt obsolet, weil es kein extra Wort für Menschlichkeit mehr braucht? Was steckt hinter dem Vorwurf, eine kapitalistische Welt würde sich auf dem Engagement Freiwilliger ausruhen? Und wie finde ich selbst zu einem Ehrenamt, um diese Welt endlich ein Stückchen besser zu machen?
von Julia Florschütz und Josefine Dietrich

Die gute Nachricht zur wichtigsten Frage zuerst: In jeder Region Thüringens gibt es Ansprechpartner: innen in Form von Ehrenamtsbeauftragten oder Freiwilligenagenturen, die einen in der eigenen Region an Vereine, Initiativen und Projekte weiterleiten können, wenn man ein Ehrenamt ausüben möchte. Dabei ist es nicht schlimm, wenn man sich noch nicht
vorstellen kann, was einem liegen könnte. Die Möglichkeiten, sich zu engagieren, sind so vielfältig, dass man selbst keinen Überblick haben kann. Das reicht über die offensichtlichen Beispiele wie Sportvereinsbetreuung, Jugend- und Seniorenarbeit. Aber führt auch zu Vereinen wie dem Verein zur Förderung vermitativer Abfallverwertung & Humusproduktion e.V., kurz „WURMVEREIN“. Bei diesem kann man nicht nur einiges über die Humusproduktion lernen, sondern auch für die eigenen Belange das schwarze Gold bestellen. Ein Besuch der Webseite lohnt auch, wenn keine Pflanzen zu düngen sind, sondern vielleicht einfach gern Wurmbildchen und Witze zu ihnen anschauen mag. Es ist jedenfalls zu spüren, dass das Thema Menschen am Herzen liegt und sie sich daran erfreuen.
Einen guten Überblick über die Möglichkeiten, sich zu engagieren, hat die Thüringer Ehrenamtsstiftung mit Sitz in Erfurt. Diese ist Ansprechpartnerin für alle mit Freiwilligenbedarfen, vernetzt untereinander und fördert das Ehrenamt monetär und strukturell. Um für Sichtbarkeit zu sorgen, beruft die Stiftung jedes Jahr Engagementbotschafter:innen, die über ihre Arbeit berichten sollen. Seit 2008 gibt es in Zusammenarbeit mit dem MDR den „Thüringer des Monats”. Durch die unterschiedlichen Formate wird immer wieder sichtbar, wie vielfältig Ehrenamt ist – und wie notwendig. Denn
politische Entscheidungen und der demographische Wandel machen Ehrenamt nötig und beeinflussen diese Arbeit.
Zusammenhänge wie diese stellt der Freiwilligen-Survey alle fünf Jahre dar. An ihm kann abgelesen werden, dass sich in Deutschland etwa jede:r Dritte engagiert. Hessen birgt mit 40,4% den größten Anteil an Ehrenamtlichen. Sachsen-Anhalt dagegen bildet mit 30,9% das Schlusslicht. Insgesamt liegt der deutschlandweite Anteil ehrenamtlichen Engagements in der Bevölkerung bei 36,7%. Dies wird von den Autor:innen der Befragung als hohes Niveau eingeschätzt. Thüringen reiht sich mit 36,6% etwas unter dem Durchschnitt ein, konnte aber
im Vergleich zu 2019 von Platz sieben auf Platz sechs klettern. Das Bundesland hat gegenüber allen anderen eine Besonderheit: Hier wurde das Ehrenamt in die Verfassung aufgenommen: „zur Förderung des ehrenamtlichen Einsatzes für die Gesellschaft”, Art. 1 Thüringer Ehrenamtsgesetz (ThürEhrAG), Erster Abschnitt, § 1 „Ziel des Gesetzes“, Abs. 1. Das heißt nicht nur, dass Geld auf dem Papier fürs Ehrenamt eingeplant wird – auch haben Ministerien und Staatskanzlei zugestanden, dass Anerkennungskultur und Sichtbarkeit gefördert werden müssen, beispielsweise in Form von zunehmender Öffentlichkeitsarbeit.
„Man hat eingesehen, dass man was machen muss”,
sagt uns der Geschäftsführer der Thüringer Ehrenamtsstiftung Niels Lange. Im Gespräch wird jedoch auch deutlich, dass es noch Luft nach oben gibt.
Anders als so manche Klischees nimmt das Ehrenamt innerhalb der jüngeren Generation nicht ab. Tatsächlich sind die 14- bis 29-Jährigen mit 39,9% und die 30- bis 49-Jährigen mit 40,4% am engagiertesten. Bei den 50- bis 64-Jährigen beträgt der Anteil 37,6% und bei den 65- bis 75-Jährigen 36,9%. Erst mit zunehmendem Lebensalter nimmt die Beteiligung ab, in der Altersgruppe 75 Jahre und älter sind 21,1% engagiert. Dies sind gute Aussichten, denn Leute, die sich früh engagieren, bleiben oft ein Leben lang dabei. Erschreckend und gleichzeitig auch doch nicht überraschend ist der Umstand, dass 80% der Schüler:innen, Auszubildenden und Studierenden sagen, dass die Anforderungen an Schule, Arbeit und Studium sie darin einschränken, ein Ehrenamt auszuüben.
Ein Hauptanliegen der Thüringer Ehrenamtsstiftung ist es, die Menschen von der Schwelle des Berufslebens zur Rente anzusprechen, sagt uns Lange. Er geht davon aus, dass ungefähr 500.000 Menschen sich in Thüringen engagieren würden – wenn sie wüssten, wo. Damit ist die Arbeit der Freiwilligenagentur für die Vernetzung unabdingbar.
Anders als von uns erwartet, plädiert Lange nicht dafür, dass jede Person einem Ehrenamt nachgehen sollte. Nur die, die dafür geeignet sind, möchte er zum Engagement bewegen. Dabei bleibt es wichtig, dass Ehrenamt nicht beginnt, staatliche Leistungen zu ersetzen oder auszugleichen. Politik muss Ehrenamt anerkennen und nicht nur zur Wahlkampfperiode thematisieren.
Die Struktur des Ehrenamts erneuert sich. Das Engagement in einer Vereinsstruktur gilt als traditionell, der Trend zum informellen Ehrenamt wächst. Immer mehr wird Projektarbeit relevant, die zeitlich begrenzt und flexibel ist. Nicht zu verkennen ist dabei, dass der Antrieb oft auch Selbstverwirklichung sein kann und der Umstand, etwas zu schaffen oder umzusetzen, was in die Welt getragen wird. Wenn jeder an sich denkt, ist dann also an alle gedacht? Oder bleibt dieser Gedanke nur in einer privilegierten Bubble, weil manche nicht einmal Kapazitäten haben, an sich selbst zu denken?
Junge Menschen wollen weniger ein offizielles Amt bekleiden als vielmehr das Informell-Unverbindlichere nutzen. Ob ein Titel mehr Pflichtbewusstsein und Verantwortung bedeutet als ein funktionierendes Glied einer Gruppe zu sein, die genauso auf einen zählt, sei dahingestellt.
Ein Aspekt, der in der Neuerung hinterherhängt, ist jedoch der Punkt Verwaltung und Bürokratie. Viele Dingen könnten schneller, einfacher oder überhaupt umgesetzt werden, wären die Hürden im Vorhinein nicht so groß. Förderung muss in seiner Komplexität sinken. Jemand, der seine:ihre Freizeit in ein Ehrenamt investiert, möchte nicht den größten Teil dieser Zeit dazu aufbringen, sich durch schwierige Anträge und lange Bedingungsstellungen zu wühlen. Neue Ideen, Microvolunteering und Pop-up Engagement stehen jedoch althergebrachten und jahrelang gewachsenen Strukturen entgegen, schließen einander aber auch nicht aus.
Einige Menschen engagieren sich viele Jahre für ein und dasselbe – hier wird es dann mitunter schwierig, Neuerungen anzustoßen und Inhalte in digitale oder modernere Formate zu überführen. Eine betreuende Stiftung muss deshalb in erster Linie Raum für Begegnung und Entwicklung schaffen und an die Lebensrealität der Menschen andocken, um diese abzuholen.
Ferner ist das Engagement auch an Bildung und Einkommen gekoppelt. Dies ist ein logischer Umstand: Je mehr ich verdiene, desto weniger Zeit muss ich tendenziell aufwenden, um meine Lebensgrundlage zu sichern und desto mehr Energie habe ich potentiell für anderes. Weiter ist nicht zu vergessen, dass Ehrenamtliche auch finanziellen Aufwand für ihr Ehrenamt haben können. Dies beginnt bei grundlegender Infrastruktur in Form von Fahrgeld und kann sich bis ins Unermessliche erstrecken – je nachdem wie viel der:die Einzelne geben möchte.
Infrastruktur könnte auch Einfluss auf das Stadt-Land-Gefälle haben, welches innerhalb des Surveys erfasst wurde. Auch dies ist nur minimal (Stadt 35,8%, Land 38,4%). Der Stellenwert des Ehrenamts und seine Aufgaben sind im ländlichen Raum laut Lange jedoch anders gelagert. In Dörfern übernehme es vielerorts die Freizeitgestaltung und aktive Gestaltung des Miteinanders. Hier schließt sich der Kreis zum Argument, das Ehrenamt dürfe keine Aufgaben von Bund und Ländern übernehmen.
Anders als die Thüringer Ehrenamtsstiftung sind die Agenturen zur Vermittlung der Freiwilligen eigenständige Träger, die nicht zwingend öffentlich verwaltet sind. Die „Bürgerstiftung Jena Saale-Holzland“ und auch jene in Weimar dienen als solcher Mittler, haben aber auch noch eigene Projekte, die sie angehen. Zum Beispiel das wellcome-Projekt.
Ehrenamt ist retro und deshalb modern – ein Interview mit Zoe Lukas Lang

Für zwei Stunden die Woche ein Kind betreuen – so flexibel und gleichzeitig sinnstiftend kann Ehrenamt sein, berichtet Zoe. Die Familie kontaktiert sie und macht einen Termin mit ihr aus. Zoe holt das Mädchen der Familie an dem vereinbarten Tag zum Beispiel von der Tagesmutter ab und zusammen gehen sie auf den Spielplatz oder in die Ernst-Abbe-Bücherei.
Das bundesweiten wellcome-Projekt ist getragen von der Idee, dass Ehrenamtliche Familien nach der Geburt eines Kindes nach dem ersten Lebensjahr, aber wie bei Zoe auch darüber hinaus, unterstützen. Derzeit sind dort bei 1130,25 ehrenamtlichen Einsatzstunden 35 Ehrenamtliche aktiv. In Jena läuft die Koordination über die Bürgerstiftung. Eine Person dient als Vermittler:in zwischen den Ehrenamtlichen und Familien und kümmert sich um das Führungszeugnis, das man als einzige Voraussetzung für dieses Ehrenamt vorweisen muss.
Für Zoe ist ihr Ehrenamt ein doppelter Gewinn: Sie kann ihren individuellen Interessen nachgehen und dabei noch etwas für die Gesellschaft tun. Der Umgang mit kleinen Kindern hat ihr schon immer gefallen und jetzt kann sie gleichzeitig noch Mütter unterstützten – eine „feministische Aufgabe”, wie sie selbst beschreibt. Einmal stand sogar als Dankeschön ein Blumentopf mit einer Karte vor ihrer Tür.
„In meinem Kopf war immer Ehrenamt etwas, was man im Rentenalter macht.”
Wie vielfältig Ehrenamt sein kann, entdeckte sie in ihrem Job bei der Bürgerstiftung und erzählt uns, dass da für jeden etwas dabei ist. Manche Menschen melden sich nur einmalig, z.B. für die Reparatur einer Bank in einer Kita, zum Saaleputz oder Freiwilligentag, bei dem über 200 Menschen verschiedene anstehende Aufgaben angehen. Sie betont, dass es darum gehen soll, dass die eigene Freizeit zum Ort der Gestaltung wird. Ehrenamt zeichne sich dadurch aus, dass es freiwillig sei und aus Motivation heraus entstehe. Es komme ihr nicht nur auf das Ergebnis an, sondern auch auf die Haltung der ehrenamtlichen Person.
Das Ehrenamt ist nicht an Geld gebunden – und diese Freude am Tun und die Sinnhaftigkeit sind es, die das Ehrenamt tragen. Wenn das Ehrenamt nur als Mittel gesehen werden würde, um Geld zu verdienen, lassen sich die Menschen vielleicht weniger auf die Begegnung ein, die bei den folgenden zwei Projekten grundlegend ist. Die Bürgerstiftung bietet sowohl ein Chancenpartnerschafts-Projekt, als auch ein Schatzheberprojekt an. Beim Chancenpartnerschafts-Projekt bilden eine Person aus Jena oder Umgebung und eine geflüchtete Person ein Tandem und erkunden z.B. die Umgebung. Dagegen geht es beim Schatzheberprojekt darum, in eine Kita zu gehen und etwas mit den Kindern zu machen, wie Geschichten vorlesen oder Sportkurse.
Um weiterhin das Ehrenamt als Selbstzweck zu ermöglichen, wünscht Zoe sich, dass das Ehrenamt strukturell mehr Anerkennung und Förderung erhält, damit die Ehrenamtlichen entlastet werden und es nicht dazu kommt, dass ein Einzelner Druck empfindet, einen Verein retten zu müssen, oder gar nicht erst anfängt. Das Ehrenamt könne in die Arbeit integriert werden, so dass man zum Beispiel statt 40 Stunden 38 Stunden arbeitet und zwei im Ehrenamt verbringt. Zoe ist vor allem überzeugt, dass es auch mit wenig vorhandenen Ressourcen eine individuelle Lösung für jede:n gibt.
„Man kann durch Ehrenamt schon die Woche verändern.”
Und wenn sie die Woche einer Person verändert, dann könne sie das vielleicht auch mit der ganzen Welt – oder zumindest mit unserer Generation. Dass gerade immer mehr junge Menschen für das Ehrenamt arbeiten, stimmt Zoe hoff nungsvoll. Derzeit gibt es schon verschiedene Formen, um das Engagement gesellschaftlich anzuerkennen, wie das einmal im Jahr stattfindende Dankeschön-Fest mit Geschenkübergabe für Personen mit mehrjährigem Engagement.
Neben dem Job einer Tätigkeit nachzugehen, die nicht auf das Verdienen von Geld und den Ergebnissen des Arbeitens ausgerichtet ist, dient also der sozialen und individuellen Wertschöpfung. Die Bürgerstiftung, bei der Zoe neben ihrem Studium auch arbeitet, bietet eine Engagementplattform (engagiert-in-jena.de) an, auf der Vereine einstellen können, was und wen sie suchen. Gleichzeitig können Interessierte sich einen Überblick über ihre Möglichkeiten verschaff en. Sollte davon aber nichts zusagen oder man noch Fragen rund ums Ehrenamt haben, kann man sich auch bei der Bürgerstiftung vor Ort beraten lassen. Vielleicht entdeckt man dabei auch das altbekannte Ehrenamt in neuem Gewand oder mit überraschendem Inhalt, wie Zoe die Techniknachhilfe für Senior:innen.
Bezahltes Ehrenamt für eine friedlichere Welt – ein Interview mit Marcel J. Paul

80% Arbeit und 20% Hobby: So gewichtet Marcel für uns seine ehrenamtliche Tätigkeit. Kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass er nicht nur in verschiedenen Gremien aktiv ist und seine Doktorarbeit schreibt. Neben seinem politischen Engagement bringt er mit Workshops von „Verrückt – Na und?” Schüler:innen mental health näher. Bereits in der Schule repräsentierte er die Interessen seiner Mitschüler als Schülersprecher und diese Lebensphilosophie, sich für andere einzusetzen, prägt ihn bis heute.
„Ich hab das Gefühl, da kommt was an.”
Als Experte für psychische Erkrankungen ist Marcel von November bis Mai, meistens einmal im Monat, in unterschiedlichen Schulklassen zu Besuch. Nach der Einstiegssequenz sollen Spiele dabei helfen, die Neugier und das Verständnis für das Thema bei den Schüler:innen zu wecken. Darüber hinaus nimmt dieses Ehrenamt kaum Zeit in Anspruch, weil das Organisatorische von der Fachbetreuung übernommen wird und er auch in seinem Input bereits wasserfest ist.
Experte ist Marcel nicht nur für psychische Dispositionen, sondern auch für Zeitmanagement. Als Promovierender mit hochschulpolitischem Engagement und Ehrenamt zählt jede Minute, sogar das Wochenende. Sein effizientes Arbeiten hilft ihm dabei, den unterschiedlichen Aufgaben gerecht zu werden.
Was macht Marcel hochschulpolitisch aber jetzt genau? Er ist dort, wo Entscheidungen getroffen und Zukunft gestaltet wird. Im Bundes Kollektiv der Hans-Böckler-Stiftung engagiert sich Marcel als gewähltes Mitglied des Leitungskollektivs Promotion und verhandelt gemeinsam mit zwölf anderen gewählten Vertreter:innen der gesamten Stipendiat:innenschaft. Gleichzeitig arbeitet er im Senat der FSU mit Dekanen zusammen und ist Repräsentant der Interessen Studierender bei den Fakultätsräten, während er sich im Doktorandenrat mit anderen Promovierenden vernetzt.
„Ehrenamt ist die tragende Säule der Gesellschaft.”
Darin ist sich Marcel mit amtierenden und ehemaligen politischen Amtsträger:innen wie Steinmeier und Merkel einig. Ehrenamt fungiere also als Kleber in den Lücken des kapitalistischen Systemnetzes. Besonders Menschen aus prekären Verhältnissen wüssten, wie wichtig Solidarität ist und sind damit trotz geringer finanzieller und zeitlicher Ressourcen in ehrenamtlichen Positionen zu fi nden. Außerdem lerne man auf diesem Weg bereits die Berufswelt kennen und erfahre, wie die heutige Gesellschaft funktioniert. Marcel hat sich zum Beispiel durch seine ehrenamtlichen Tätigkeiten in sozialen Umgangsformen professionalisiert.
„Ich opfere meine Zeit dafür, um das System am Laufen zu halten.”
Dafür, dass man nicht bezahlt wird, ist das schon eine ganze Menge. Die Hindernisse für das Engagement sieht Marcel in den fehlenden Ressourcen. Genau da setzt auch seine Kritik an. Ehrenamt unterscheide sich von der Erwerbsarbeit lediglich in der Bezahlung (Pauschale möglich bei Ehrenamt). Das ist ein Luxus, den sich nicht jeder leisten könne, jeder aber tun solle, wenn es nach dem moralischen Anspruch der Gesellschaft ginge.
Marcel ist beim Thema Ehrenamt nicht vage, sondern sogar prophetisch auf dem Weg zu einer besseren und friedlicheren Welt. Für ihn ist die Lösung weniger das Ehrenamt selbst, als vielmehr der Systemwechsel hin zu sozialistischen Strukturen.
Das Ehrenamt fungiert für Marcel also nicht nur als Infrastruktur, sondern ist auch Instrument für ein demokratisches Weltbild: Nur der, der mit und in der Gesellschaft arbeitet, weiß um die Stärke ihrer Vielseitigkeit. Eine Verpflichtung für ein paar Bevölkerungsgruppen könnte sich Marcel, auf unsere Nachfrage hin, vorstellen. Folglich stellt die fokussierte Gruppe hierbei Menschen mit rassistisch und/oder sexistisch gefestigtem Weltbild dar. Ehrenamt fördere hier Austausch und Gruppenkommunikation. Als fiktives Beispiel skizzierte Marcel uns einen mittelalten deutschen Mann mit ausgeprägtem faschistischen Weltbild, das er aufgrund mangelnder gesellschaftlicher Begegnungsräume ausgebildet hat. Gleichzeitig könne zum Beispiel auch ein verpflichtender Tag des Ehrenamts eingeführt werden, wo alle Menschen sich unter Nachweis und Bezahlung an einem Werktag – jede:r hätte sein:ihr Wochenende verdient – bei einer Tätigkeit melden muss, um das Ehrenamt kennenzulernen. Der Zusammenhalt und das Gemeinwohl sollen also nicht den einzelnen Menschen als Aufgabe überlassen, sondern staatlich verankert und gesichert werden. Was im Gespräch mit Marcel deutlich wurde: Um der Gesellschaft etwas zurückzugeben, braucht es für ihn keinen individuellen Idealismus, sondern ein System, was soziale Teilhabe zur solidarischen Pflicht macht.
Aus den Gesprächen können wir mitnehmen:
Auch wenn wir mit unserem persönlichen Leben meist genug beschäftigt sind, ist die Überlegung, ob wir uns ein paar Stunden im Monat für ein Ehrenamt freischaufeln können, eine lohnende Überlegung. Auch, weil es dieser „Aus-Knopf” für den Alltag sein kann. Die Zeit, in der der Fokus auf etwas Sinnvollem liegt, aber auch auf etwas, dass mit sonst nichts im eigenen Leben zutun hat.
Eine Ehrenamtliche hat es so formuliert, dass es sie erdet, wenn sie Zeit mit ihrem von Demenz betroffenen Senioren verbringt. Ehrenamt kann auch Entschleunigung bedeuten und nicht ein weiteres To-Do auf der Liste. Es gibt endlose Möglichkeiten das zu finden, was einem liegt und Freude bereitet. So wie Zoe es zusammenfasst: „Jedes Ehrenamt ist gut.”
Eckdaten: Mehr zum Thema Ehrenamt
20.05.26: Kickoff Infopoint Ehrenamt, 13-16 Uhr, Johannisstraße/vor der Rose – monatliche Ehrenamtssprechstunde zur Beratung
23.05.26: Bundesweiter Ehrentag – Mittmachtag für ein solidarisches Miteinander zum Geburtstag des Grundgesetzes
12.09.26: Jenaer Freiwilligentag – hier ist für jeden etwas dabei!
17.09.26: Thüringer Engagement-Tag für Studis und Angehörige der Uni