Girlhood

Zwischen Lipgloss und Selbstfindung

von Rania Lau


Bild: Ema Wolfram
„If you wanna be my lover, you gotta get with my friends“
– Spice Girls

Aus den Lautsprechern dröhnt Wannabe von den Spice Girls. Wir sitzen gemeinsam im Auto, die Fenster offen, die Musik laut. Bei der Zeile „Friendship never ends“ sehen wir uns an, lachen und singen überlaut und schief mit. Für einen Moment fühlt sich alles leicht an: pure Verbundenheit, Lebensfreude und Zusammenhalt. Egal, wie unterschiedlich unsere Musikgeschmäcker sonst sind, bei den richtigen Songs sind wir alle textsicher. Dieses besondere Gefühl von Verbundenheit spüre ich auch, wenn meine Freundinnen und ich uns bei einem Kaffee in unserem Lieblingscafé über die letzten Erlebnisse austauschen oder wenn eine Fremde mir auf dem Nachhauseweg ein Kompliment für mein Outfit macht.

Solche Augenblicke sind ein zentraler Bestandteil dessen, was viele unter Girlhood verstehen: Momente, in denen Frauen sich gegenseitig unterstützen und Solidarität spürbar wird. Zum kulturellen Erbe der Girl Culture gehören jedoch ebenso Filme und Serien wie Mean Girls, Gossip Girl oder ähnliche Erzählungen, die das Erwachsenwerden in einer oft toxischen Umgebung thematisieren. Trotz dieser Ambivalenz, oder vielleicht gerade deswegen, identifizieren sich viele Mädchen und Frauen mit den Figuren und lassen sich in Mode und Lifestyle von ihnen inspirieren. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern solche Darstellungen unser Verständnis von Frauenfreundschaften bis heute prägen. Was macht Girlhood wirklich aus: der Konkurrenzdruck um Schönheit, Erfolg und Anerkennung oder der Wunsch, in einer komplexen Welt Zugehörigkeit und Bedeutung zu finden?

„On Wednesdays we wear pink“
– Mean Girls

Girlhood ist eine Wortkombination aus dem englischen Wort girl (Mädchen) und dem Suffix –hood (Gemeinschaft). Der Begriff wird häufig als Beschreibung der Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein verwendet, eine Zeit, die geprägt ist von der Suche nach eigener Identität, der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und dem Aufbau sozialer Beziehungen. Darüber hinaus gewann dieser Begriff große Popularität in den Sozialen Medien. Auf TikTok und Instagram gehört Girlhood schon längst zum Alltagsvokabular und beschreibt damit eine besondere Form von weiblicher Gemeinschaft. In diesem Kontext prägen Anglizismen wie das Girl‘s Girl alltägliche Konversationen zwischen Frauen. Auf TikTok trenden Videos, in denen eindringlich erklärt wird, wer sich zu den Girl‘s Girls zählen lassen darf:

Ein Girl‘s Girl weist dich unauffällig darauf hin, wenn du Lippenstift auf den Zähnen hast.
Ein Girl‘s Girl hat immer einen extra Tampon in der Tasche.

Ein Girl‘s Girl verrät dir, wo sie ihr Oberteil gekauft hat, wenn du ihr gerade ein Kompliment dafür gemacht hast.

Hört sich erstmal nach ziemlichen Alltagsbanalitäten an, oder? Schließlich würde die Welt nicht untergehen, wenn Sophia erst zu Hause bemerkte, dass ihre Zähne in den letzten Stunden mit ein paar beerenroten Lippenstiftflecken verziert waren. Ach, die Struggles einer Frau. Doch dieser ungeschriebene Verhaltenscodex ist nicht nur eine Sammlung alltäglicher Höflichkeiten, sondern zugleich ein stiller Aufruf, sich anderen Frauen gegenüber solidarisch zu verhalten. Wie überzeugend diese Vorstellung bei näherer Betrachtung tatsächlich ist, bleibt jedoch offen. Ein Blick in die Popkultur der letzten Jahrzehnte offenbart zahlreiche Beispiele, etwa Regina George aus dem Filmklassiker Mean Girls (2004), die Freundschafts- und Rivalitätsdynamiken unter Mädchen illustriert. Als Anführerin der Mädelsclique The Plastics an der Northshore High School gilt sie als die beliebteste und einflussreichste Person der Schule. Sie wird von anderen Mädchen gefürchtet und gleichzeitig verehrt. Wer dazugehört, hat es geschafft.

In dem Film wird deutlich gemacht, dass man sich erst anpassen muss: Das bedeutet, mittwochs Pink zu tragen, Reginas Entscheidungen zu befolgen und sich ihrer strikten sozialen Hierarchie unterzuordnen. Im Gegensatz zum Girl‘s Girl verhält sich das Mean Girl abgehoben und ausgrenzend. Dennoch wird Regina George in den sozialen Medien noch immer als Ikone bezeichnet und zitiert. Rund um Filme wie Mean Girls, Legally Blonde (2001) und Clueless (1995) hat sich in der Popkultur eine glitzernde Ästhetik entwickelt. Dazu gehören nicht nur Miniröcke, Lipgloss oder rosa Blush auf den Wangen, sondern auch bestimmte Vorstellungen über enge Beziehungen.

Sucht man auf Social Media nach Freundschaftsduos, tauchen schnell zusammengeschnittene Videos der Hauptprotagonistinnen von Gossip Girl (2007) auf. Die Serie handelt von Serena van der Woodsen und Blair Waldorf, die im Trubel der New Yorker High Society ihr Leben zwischen Erwartungen und Wirklichkeit bewältigen müssen. Ihre Beziehung gilt vielen als Ideal einer eng verbundenen Freundschaft, obwohl sie von Eifersucht, Machtspielen und Verrat geprägt ist. Dennoch unterstützen sie sich trotz Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Liebe und sozialen Status, teilen eine lange gemeinsame Vergangenheit und verstehen einander besser als jeder andere. Kein Wunder, dass auf Instagram weiterhin zahlreiche Videos kursieren, die man der besten Freundin senden kann.

Diese Faszination beschränkt sich jedoch nicht nur auf ihre Freundschaft: Auch der Lebensstil der beiden zieht viele Zuschauerinnen in den Bann. Zur Alltagsästhetik der Serie gehören aufgestylte Schuluniformen, elegante Designerhandtaschen und farblich abgestimmte Haarreifen. Viele Zuschauerinnen wünschen sich, Teil dieser Welt zu sein und mit einem Coffee-to-go in der Hand und ihren Freundinnen durch den Central Park zu flanieren – ein Lebensgefühl, das die Serie vermittelt und zu ihrem anhaltenden Erfolg beiträgt.

„Whoever said that money doesn’t buy happiness didn’t know where to shop.“
– Blair Waldorf

Ein Hauch von Parfum, ein perfekt sitzendes knielanges Kleid, eine elegante Handtasche und glänzende Nägel. Sie läuft durch die Einkaufsstraßen einer Großstadt, trägt den roten Chanel-Lippenstift, den sie sich zuvor mit einem Handspiegel nachgezogen hat. Ihre gelockten Haare wippen im Rhythmus der Absatzschuhe. Sie weiß nicht, dass sie der Main Character ist, doch die Menschen um sie herum wissen es ganz genau. Sie ist ein wahres It-Girl, oder vielleicht nur eine performende Kopie davon? Hinter diesem scheinbar mühelosen Auftreten verbirgt sich ein tieferliegendes kulturelles Phänomen: die Verbindung von Konsum, Weiblichkeit und sozialer Identität. Plötzlich werden die Produkte der siebenschrittigen Skincare-Routine, das nach tropischer Blüte duftende Bodyspray oder der neue Sunshine Flower-Lipgloss zu unverzichtbaren Must-haves. Wenn sich ein Produkt nicht nahtlos in die bestehende Ästhetik einfügt, hat es Schwierigkeiten auf dem Markt. Gilt das auch für uns? Besitzt nicht am Ende das Produkt Teil der Identität seiner Käuferin, statt nur von ihr besessen zu werden?

In der Girl Culture wird Konsumverhalten romantisiert und als essenziell vermarktet, denn es wird eine kaufbare Identität angeboten. Shopping wird zur vermeintlichen Therapie. Es wird umso schwieriger, all das zu hinterfragen, weil sich jede Kritik daran anfühlt, als würde man die eigene Identität infrage stellen. Doch warum funktioniert dieses Prinzip so gut? Vielleicht, weil Girlhood eine helfende Vorstellung davon vermittelt, wer man sein und was man fühlen könnte?

„Suddenly I see – this is what I wanna be.“
– KT Tunstall

Als KT Tunstalls Song Suddenly I See im Film The Devil Wears Prada (2006) gespielt wurde, wurde er schnell zu einer Hymne weiblicher Selbstfindung. Die fröhliche Melodie und der eingängige Text erzählen davon, eine Frau voller Selbstbewusstsein und Optimismus zu sehen und plötzlich zu begreifen, dass man selbst auch so sein möchte. Dass The Devil Wears Prada nun, zwanzig Jahre später, im Mai 2026, eine Fortsetzung bekommt, zeigt, wie relevant Filme über weibliche Inspiration und Ambition sind – sie ermöglichen es, sich in starken Frauenbildern wiederzufinden, und lassen diese Bilder im Alltag nachwirken.

Girlhood zeigt sich in den kleinen Momenten, in der Nachricht, in der nachgefragt wird, ob du sicher angekommen bist, im Lippenstift, den du deiner Freundin zum Geburtstag schenkst, weil er dich immer selbstbewusster macht, oder im Lächeln einer Fremden, die dir ein ehrliches Kompliment gibt. Es ist das aktive Erleben von Verbundenheit, Solidarität und Selbstentfaltung, kein Zustand, sondern eine innere Haltung. Girlhood bedeutet, sich in einer Welt, die Frauen oft in Konkurrenz zueinander stellt, bewusst füreinander stark zu machen.

Wir verbinden uns über Filme, Serien und Songs, analysieren Beziehungen, erkennen uns in fiktiven Figuren wieder und lernen daraus, wie unterschiedlich, aber auch wie ähnlich weibliche Erfahrungen sein können. Wir hören Geschichten von Frauen, die sich im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen selbst suchen und verwirklichen und erkennen darin, dass es keine einheitliche Definition von Weiblichkeit gibt. Es sind die Frauen um uns herum, die uns stärken, die uns zeigen, dass man Lippenstift tragen, Rosa lieben und trotzdem stark, klug und unabhängig sein kann. Girlhood bedeutet, Konsum kritisch zu hinterfragen, ohne die Freude an Ästhetik abzuwerten. Es heißt, Vielfalt anzuerkennen, dass es unzählige Formen gibt, Frau zu sein, und dass jede davon ihre eigene Stärke besitzt. Nicht Konkurrenz, sondern Miteinander. Nicht Anpassung, sondern Ausdruck. Girlhood ist, aktiv zu werden und zu begreifen, dass wahre Stärke in gemeinschaftlichem Zusammenhalt entsteht.


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