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Von Sommermä(h)ren will ich euch sagen… – Studierendenkonferenz in Olomunuk

7 Juli 2008 No Comment

von Sylvia Jurchen

Der tschechische Raps trägt sein schönstes Gelb auf. Natürlich nur für uns „Auserkorene“, 14 Jenaer Germanistikstudenten, die sich mit dem Boccaccio-Zitat „hochbegabt, aber gefährlich“ kess auf ihrem
T-Shirt brüsten. Und so strahlt schon mal das Ego schön wie der Raps voraus!

“Einen Schein für den Boccaccio im Sommer ‘07? Das ist eigentlich verjährt. Aber warten Sie, ich hab da
vielleicht was: Studentische Konferenz in Olomouc, das ist in Tschechien. Auch über Boccaccio-Rezeption.
In drei Wochen. Sie kommen mit und halten ein Referat. Keine Sorge: Ich fahre Sie hin.” Christoph Fasbender, Privatdozent für Germanistische Mediävistik, wartet schon gerne mal mit Überraschungen dieser Art auf – zur Freude seiner ungläubigen Studenten.
Eine märchenhafte Option für einen Schein, zweifellos! Das wissen auch Alexandra, Nicola und Ricarda
in dem Augenblick ihres “Ja, gerne!”, wo Olomouc noch nicht mehr ist als ein weißer Fleck auf der eigenen
Landkarte. Prag, okay. Brünn, naja. Aber Olomouc? Drei Wochen später haben wir alle ein Bild von unserer
fünftägigen Wahlheimat und halten im Fakultätssaal der Palacky-Universität unsere Referate über Giovanni
Boccaccios ‘Berühmte Frauen’. “Es ging mir ja genau so”, berichtet Fasbender, “als ich vor vielen Jahren
erstmals gefragt wurde, ob ich mal nach Olomouc kommen wolle. Ich kam, sah und blieb”. Die Universität
genießt seit Jahren hohe internationale Reputation und ist seit 2009 Gastgeberin im Europäischen Mittelalter- Masterstudiengang.

Seit 2006 können wir uns über eine Lehrstuhlpartnerschaft und einen ERASMUS-Vertrag mit Olomouc
freuen. Allerdings geben germanistische Mediävistik und Tschechien auf den ersten Blick ein eher
ungewöhnliches Paar ab, aber es gibt durchaus zahlreiche Gründe, gerade unsere Jenaer Studenten für
Olomouc zu begeistern.” Das gestaltet sich nicht so leicht wie etwa in der Slawistik, wo bereits seit
1998 ein Austauschprogramm auf der Ebene sowohl der Studierenden als auch der Lehrenden besteht.
„Gerade für die Jenaer Bohemistik schien es mir wichtig, die Möglichkeit von Auslandsaufenthalten
auszuweiten, nicht zuletzt auch in Hinblick auf die Sprachpraxis“, so der Initiator, Dr. Andreas Ohme, der
die Vorteile des Studienorts genau zu benennen weiß: „Eine klar strukturierte Universität mit attraktivem
Studienangebot, dazu noch zentral gelegen mit kurzen Wegen, eine intensive Betreuung und – ein nicht
unwesentlicher Punkt – die Verwaltung funktioniert nach meinen Erfahrungen ausgezeichnet.“

Von Massenuniversität kann hier also keine Rede sein und gerade deswegen bemüht sich Dr. Fasbender
immer darum, gemeinsame Studentische Konferenzen in Olomouc oder in Jena abzuhalten, seien es nun Fastnachtspiele, Minnesang, Novellistik oder eben Boccaccios ‚Berühmte Frauen‘. Attraktive Themen
motivieren alle Seiten, davon ist Fasbender überzeugt, auch die Fachschaft Germanistik, die das Projekt als Hauptsponsor finanziell erst ermöglichte. Tagsüber findet ein reger wissenschaftlicher Austausch zwischen
unseren deutschen und den tschechischen Studenten statt, den wir abends gerne bei einem Bier ausklingen lassen, denn das will schließlich auch fachmännisch analysiert und verglichen werden. Und das alles auf Deutsch! Ganz natürlich. “Wir machen hier keine Auslandsgermanistik, wir machen Germanistik im Ausland”, so wiederholt  es Ingeborg Fialova-Fürst, Lehrstuhlinhaberin für Neue deutsche Literatur, denn Germanistik
sei schließlich Wissenschaft und kein Sprachunterricht.

Die sprachliche Kompetenz der Tschechen ist beeindruckend; ganz versiert, fast beiläufig, wechseln sie zwischen Plauderton und Wissenschaftssprache. Selbst in der Universität wirkt alles irgendwie vertraut, wozu auch der Konvikt beiträgt. Die nahegelegenen Institute mit der Universitätsbibliothek direkt gegenüber,
der Marktplatz und das Rathaus sowie die kleinen Gassen mit ihrem Kopfsteinpflaster und Cafés erinnern
stark an Jena. Auch hier gibt es ein „Paradies“ gleich hinter der alten Stadtmauer, wo man sich gerne auf
die steinernen Zeitzeugen einlässt, aber noch lieber auf die Menschen hier. In dieser Atmosphäre wird
auch der Austausch innerhalb der deutschen Gruppe intensiver als es in anonymen Hörsälen möglich ist.
“Partnerschaften beruhen, wie der Begriff es bereits nahe legt, auf persönlichen Kontakten”, so Dr. Ohme.
Sie beruhen nicht nur darauf, sondern sind in ihrer Wahrung auch Garant für das Weiterbestehen dieser

Partnerschaften. Und weiterbestehen kann nur etwas, in das nicht zuletzt auch finanziell investiert wird.

Es bleibt nur zu hoffen, dass solche gelungenen Projekte weiterhin gefördert werden – nur von Mären kann man nicht zehren.

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