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Städtebericht New York City

11 November 2009 No Comment

Einen Städtebericht über New York, na super! Ich war genau fünf Tage in dieser Stadt, die, ihr Einzugsgebiet eingeschlossen, etwa die Fläche des Schwarzwalds hat. Genauso gut könnte ich Letzteren in Wanderschuhen durchqueren und fünf Tage später den neuen Referenzreiseführer „Zwischen Pforzheim und Lörrach“ verfassen Ähnlich unrealistisch. Hier nun trotzdem ein paar hoffentlich neue Erkenntnisse zum „Big Apple“.

von Luth

Wenn man den rhetorischen Bombast, den sich die meisten Schreiberlinge angesichts der schieren Dimensionen des „Big Apple“ glauben selbst auferlegen zu müssen, einmal beiseite lässt und ganz nüchtern bleibt, ist New York City eine Großstadt wie jede andere: riesig, laut, chaotisch, durch und durch automobil, voll mit viel zu vielen Menschen, nirgendwo greifbar, als urbaner Moloch im großen Ganzen sehr austauschbar. New York ist die Ursünde der alle kulturell-architektonischen Unterschiede einebnenden Globalisierung, ihrem natürlichen Verfallsdatum zudem schon bedrohlich nahe. Als Alleinstellungsmerkmal gibt’s einen Haufen verdammt hoher Häuser auf ziemlich kleiner Grundfläche. Viel mehr ist es letztendlich nicht, da helfen auch Tonnen an Stahl, Glas und Beton, der ganze Glanz und Glitter nicht.

Taumelnd zum Himmel schauen
Als NYC-Neuling aus der thüringischen Provinz verspürte ich eine seltsame Mischung aus aufgeregtem Erstaunen und einem permanenten Beklemmungsgefühl. Man läuft taumelnd, das Kinn touristisch gen Himmel gereckt, durch die Avenues und Streets von Manhattan, sammelt tausenderlei Eindrücke, die man in so schneller Folge gar nicht verarbeiten kann, und wünscht sich recht bald ein ruhiges Eckchen zum Verschnaufen. Hat man dieses gefunden – was angesichts der lückenlosen Bebauung recht schwierig ist – wird man rasch feststellen, was für eine Menschenwüste diese Stadt ist.
Gut zu besichtigen ist das in der U-Bahn, Subway genannt, deren Streckennetz man für 2,25 Dollar durch ein handelsübliches Drehkreuz betreten und dann beliebig lange nutzen darf – solange man das System nicht zwischendurch wieder verlässt. In den Zügen sitzen auffällig viele in sich selbst versunkene Menschen mit erschreckend leeren Gesichtern, nicht selten mit geschlossenen Augen. Verhärmte Omas halten ihre fellbemützten Enkel fest, Yuppies krallen sich an ihre Aktenkoffer und Blackberrys, die jüngeren Altersgruppen schotten sich standardmäßig in einer iPod-Klangwolke gegen die Außenwelt ab – sicher ist sicher. Regelmäßig entern eifernde Jesus-Freaks, unbeholfene Nachwuchsrapper, brüllige Mariachi-Bands oder abgefuckte Obdachlose mit der so professionell einstudierten wie gotterbarmungswürdigen Schilderung ihres Lebensdramas die Abteile, verzweifelt gegen die Anonymität dieses Personentransports anagitierend. Wie den unmittelbaren Sitznachbarn ignoriert man irgendwann auch sämtliche U-Bahn-Clowns.

Der steingewordene amerikanische Albtraum
Wieder zurück unterm Himmelszelt stolpert man weiter durch die Hoch­hausschluchten, vorbei an Megastores, dampfenden Hydranten, jüdischen Fleischereien, überquellenden Mülltonnen, Yellow Cabs, Starbucks, Parkhausausfahrten, Hotelpagen, War Memorials, den Zentralen internationaler Investmentbanken. Überall und über allem wehen patriotisch die Stars and Stripes, vor der New York Stock Exchange (NYSE) gar in der Größe einer Heißluftballonhülle. Der Blick sucht Halt. Meiner verfing sich irgendwann in den Klamotten der New Yorker. Der Kleidungsstil ist schlampig bis lässig-arrogant, Understatement heißt die Devise. Man könnte es auch lieb- und lustlos nennen. Eine Ausnahme bilden die Edelschnicksen, die mit Nerz und Perlenkette ihre frisierten Pudel in der 5th Avenue am Central Park Gassi führen. Dasselbe Spielchen mit der eigenen Jetset-Wichtigkeit kann man aber genauso gut auf den Schaulaufpromenaden von Mailand, München oder Budapest beobachten – dafür muss man nun wirklich nicht nach Manhattan fliegen.
International ist auch das Proletariat von New York City, zusammengepfercht in den 70er-Jahre-Schlafburgen der Bronx. Albaner, Russen, Latinos, Schwarze, Weiße; sie alle haben dort ihre eigenen Ghettos mit jeweils eigenen Regeln. Die schmutzig-grauen Wohnblocks mit zerschlagenen Fenstern und dem obligatorischen Müllgürtel strahlen eine Trostlosigkeit aus, dass man auf dem Absatz kehrtmachen möchte. Ganze Generatio­nen haben hier ihr Partizipationsrecht an einem sinnerfülltem Leben eingebüßt. Die Bronx ist der steingewordene und zutiefst deprimierende amerikanische Albtraum.

Das Standardrepertoire für die Massen
Ist man etwas weniger gehässig, hat New York natürlich auch interessante, ja schöne Seiten. Ich war im Februar dort, der Wind fiel eisig an den Skyscrapern herab, also gab ich mir die kuschlig-warme Atmosphäre einiger Kulturtempel. Zwar bieten die großen Drei der Kunstmuseen (Guggenheim, Met, MoMa) kaum mehr als das international längst übliche Gauguin-Picasso-Pollock-Standardrepertoire für die Massen, dafür sind zumindest ihre Design-Abteilungen vom Allerfeinsten – ich verließ sie als frischgebackener Gebrauchskunstfan. Recht angetan war ich auch von Greenwich Village. Das Alternativviertel verließ ich nach einigen Café- und Plattenladenbesuchen mit mehreren raren Vinyls, die ich in Deutschland zu diesem Preis wohl niemals bekommen hätte. Das architektonische Highlight von New York City ist übrigens die Grand Central Station, eine wahre Eisenbahnkathedrale, eingeklemmt zwischen protzigen Hochhäusern und so ihres Glanzes zumindest etwas beraubt. Sie war das Erste und das Letzte, was ich von New York City sah. Viel mehr gibt’s dann auch nicht zu sagen, der Rest ist wohl allgemein bekannt.

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Was man über New York nicht wissen muss
In der Regel steht das in Reiseführern.

Wo man unbedingt hin sollte
Zur Staten Island Ferry. Von der Südspitze Manhattans aus fährt diese regelmäßig und v.a. kostenlos zum gleichnamigen Borough – direkt an Liberty Island vorbei. Bei frischer Seeluft kann man dann erleichtert aufatmen, dass man für einen Sightseeing-Trip zu diesem enttäuschend klein dimensionierten Nationalsymbol zum Glück kein Geld ausgegeben, die Freiheitsstatue aber trotzdem einmal in Echt gesehen hat.

Wo man besser nicht hin sollte
Auf die Aussichtsplattform des Empire State Building. Es sei denn, man möchte ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, durch die erbarmungslosen Mühlen einer perfekt organisierten und perfiden Durchschleusungsmaschinerie geleiert zu werden und erst dann über den horrenden Eintrittspreis von 23 Dollarn informiert zu werden, wenn es kein Zurück mehr gibt.

Auf gar keinen Fall!
Auf die Straße spucken, in öffentlichen Parks urinieren oder Müll auf den Bürgersteig werfen. Wie in Deutschland gilt das zwar „nur“ als Ordnungswidrigkeit – in den USA kostet es aber nicht nur 10–25 Euro, sondern im ungünstigsten Fall bis zu 10.000 Dollar Strafe.

Auf jeden Fall!
Mit einem ollen Dederonbeutel und Bargeld in einer amerikanischen Shopping Mall einkaufen gehen und sich spätestens an der Kasse mal so richtig als Exot aus „Old Europe“ fühlen. Wirklich lustig!

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