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Rezension: Ludwig vs. Louis

13 März 2014 No Comment

Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, hat seinen ersten Roman verfasst: Süß und ehrenvoll. Er handelt vom Schicksal eines deutschen und eines französischen Juden im Ersten Weltkrieg.

von David

Zehntausende jüdische Soldaten haben im Ersten Weltkrieg für ihr Land gekämpft: für das Deutsche Reich, für Frankreich, für die österreichisch-ungarische Monarchie, für das Russische Reich, für Italien, Großbritannien etc. Ihre Ausgangspositionen waren denkbar verschieden: zwischen fast vollkommener Assimilation in Frankreich, einer legal gleichberechtigten, aber gesellschaftlich oft prekären Lage in Deutschland bis hin zur systematischen Diskriminierung in Russland. Auf dem Schlachtfeld selbst spielte das nur noch eine untergeordnete Rolle: Als Soldaten verfeindeter Nationen hatten sie einander zu töten.
Diese Situation, die fast schon einer antiken Tragödie über Brudermord zu entstammen scheint, nimmt Avi Primor als Grundlage für seinen ersten Roman. In Süß und ehrenvoll erzählt er parallel die Geschichte von Ludwig Kronheim aus Frankfurt und Louis Naquet aus Bordeaux. Sie haben eine unterschiedliche Sozialisation genossen: Ludwig entstammt einer bürgerlichen Familie, Louis ist der Sohn eines Bäckers. Zum Krieg werden sie dennoch beide eingezogen, und machen dabei ähnliche Erfahrungen durch: der Horror des Schützengraben-Kriegs, die Verwundungen, die latent antisemitische Atmosphäre in der Armee, der Schmerz der Trennung von Familie und Verlobten.
Der schiere Faktenreichtum der sorgfältig recherchierten Geschichte ist beeindruckend. Detail- und kenntnisreich weiß Primor dem Leser viele Aspekte deutsch-französisch-jüdischer Geschichte nahe zu bringen, besonders im Ludwig-Handlungsstrang. Als der Frankfurter Jura-Student etwa an die Ostfront abkommandiert wird, taucht er in die Welt osteuropäischer Schtetls ein und erlebt ein jüdisches Leben, das ihm fast genauso fremd erscheint wie seinen nicht-jüdischen Kameraden. Zu einem anderen Zeitpunkt sieht Ludwig in einem Armeekrankenhaus mit eigenen Augen, wie die deutsche Armee systematisch jüdische Soldaten erfasst: Die sogenannte „Judenzählung“ sollte die immer häufigeren Gerüchte, wonach Juden „Drückeberger“ seien, aus der Welt schaffen, heizte aber den Antisemitismus nur zusätzlich an. Des weiteren schreibt Primor auch von der fast ungezügelten Kriegsbegeisterung der deutschen Juden beim Ausbruch des Krieges, von der Hoffnung, dass der äußere Konflikt endlich eine vollkommene Integration in die deutsche Gesellschaft bringen würde – die im weiteren Kriegsverlauf letztlich in eine zunehmende Enttäuschung mündet.
Das ist alles sicherlich interessant. Primors erstes fiktives Werk ist aber dennoch als Roman ein glatter Reinfall: Ihm gelingt zu keinem Zeitpunkt eine überzeugende Verknüpfung von historisch-dokumentarischer Aufarbeitung und literarischer Dramatisierung. Statt geschickt ein historisches Zeitbild in einen figuren-zentrierten Kriegsroman einzubetten, hat er sehr ungelenk Figuren aus der Klischee-Kiste auf eine dokumentarische Erzählung aufgepropft. Die Charaktere äußern sich in ihren Dialogen oder in ihren Briefen stets in einer Form, die an umgeschriebene Wikipedia-Artikel oder mundgerecht aufbereitete Schulunterrichtseinheiten erinnert. Da werden Daten und Fakten fein säuberlich nacheinander und gut nachvollziehbar aufgezählt. Dieser Stil prägt den ganzen Roman auf unangenehme Weise: Auch Kapiteleinleitungen pflegen einen „lexikalischen“ Duktus. Und wenn Primor dann merkt, dass er sich zu sehr darin gefangen hat und die fiktive Handlung vorantreiben sollte, folgt ein lustloser „und was sonst noch geschah“-Zeitraffer.
Es ist klar, dass Figuren, die derart Schulbuch-Einheiten runterbeten, nicht überzeugen können. Ludwig bleibt auch nach über 300 Seiten als Charakter blass, fast nichtssagend, obwohl er als Hauptfigur konzipiert ist. Louis, der eigentlich fast schon interessantere der beiden Protagonisten, erscheint rasch als unbedeutende Nebenfigur und unmotiviertes Beiwerk: Er bekommt deutlich weniger Seitenzahlen als Ludwig gewidmet und verschwindet gar nach nicht einmal 50 Seiten für fast ein Drittel des Romans – Primor wusste scheinbar nicht so richtig, was er mit dem französischen Bäckersohn jetzt eigentlich anfangen soll. Sämtliche andere Figuren stehen hingegen nur als Klischees im Dienste der pädagogischen Holzhammer-Dramaturgie zur Verfügung, und zwar stets an der richtigen Stelle: ein zionistischer Arzt hier, ein gegen die französische Republik geifernder Katholik da, einige eingestreute Proleten-Antisemiten für zwischendurch und eine nymphomanische Philosemitin dort – und der Gefreite Adolf Hitler darf dann auch nicht fehlen!
So bleibt Süß und ehrenvoll eine sehr unausgegorene Mischung aus akribischer, eigentlich fast übererklärender dokumentarischer Aufarbeitung und einer fast gruseligen narrativen Aufgeräumtheit. Man merkt diesem Roman die Handschrift des Sachtext-Autors überdeutlich an. Mehr Mut zur fiktionalen Dramatisierung, zur atmosphärischen Verdichtung, zur Genre-Stilisierung, zur Kontext-Lücke hätte ihm gut getan. Vielleicht beim nächsten Mal…

Avi Primor:
Süß und ehrenvoll

Quadriga 2013
383 Seiten
19,99 €

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