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memorique: Verhungern oder sowjetisch werden

23 Dezember 2014 No Comment

Mahnmal für Hungersnotopfer in Astana (Foto: © Robert Kindler)

Anfang der 1930er Jahre löste die sowjetische Agrarpolitik eine verheerende Hungersnot in Kasachstan aus. In Stalins Nomaden schildert der Historiker Robert Kindler die Ereignisse und ihre Ursachen. Mit der unique spricht er über kasachische Geschichtspolitik.

von David

„Auf den Straßen sind Leute, viele erwachsene Menschen. Sie sind nicht in der Lage zu laufen und bewegen sich auf allen vieren. Langsam, mit letzter Kraft. Wir bewegen uns durch sie hindurch. Als wir den Fluss erreichen, muss man über mehrere Leichen steigen.“ Diese Erinnerung des Schriftstellers Gafu Kairbekov klingt wie ein makabrer Alptraum. Doch in den Hungersnotgebieten der frühen Sowjetunion war das Geschilderte Alltag: Allein in Kasachstan starben in den 1930er Jahren anderthalb Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Bevölkerung, an Hunger. Mit den Ursachen dieser Hungersnot und dem Aufbau sowjetischer Herrschaft in der Steppe beschäftigt sich der Historiker Robert Kindler in seinem Buch Stalins Nomaden.
In Zentralasien trafen die Bolschewiki auf eine islamisch geprägte, in Klans organisierte Gesellschaft von Vieh-Nomaden und merkten rasch, dass sowjetische Herrschaft in der damaligen kasachischen Hauptstadt Alma-Ata anders aussehen würde als in Moskau.
Wie in der gesamten Sowjetunion sollte auch in Kasachstan ab 1928 die Landwirtschaft kollektiviert und von Bauern Getreide eingetrieben werden – doch statt Getreidebauern gab es nur Vieh-Nomaden. Diesen Widerspruch mussten die Kasachen selbst lösen, indem sie ihr Vieh verkauften, um das nötige Getreide für die Erfüllung der Abgabequoten zu kaufen. In kürzester Zeit wurde fast der komplette Viehbestand Kasachstans vernichtet und damit auch die Lebensgrundlage der Nomaden.
1932 brach die Wirtschaft unter dem Druck der stalinistischen Politik schließlich zusammen. Brutale Aufstände, Deportationen, Vertreibungen sowie Massenfluchten bildeten den Hintergrund für die aufziehende Hungersnot. Die Sowjetherrschaft hatte die Katastrophe ausgelöst – sie beendete sie dann auch: Ressourcen wurden zur Versorgung der Hungernden umgeleitet, Vieheinkäufe in China milderten den Mangel teilweise, die Getreideabgabepflicht wurde ausgesetzt.
Die Hungersnot hatte die sozialen Netzwerke der Nomaden vernichtet, die nunmehr verelendet in Kolchosen lebten. Nicht nur verrohte sie gleichermaßen die Hungernden und Nichthungernden – Morde durch Kannibalen und das Lynchen durch Bessersituierte gehörten zum Alltag. Die Krise stärkte auch die Sowjetherrschaft in Kasachstan: „Die Menschen konnten sich den Institutionen und Strukturen des sowjetischen Staates nicht mehr entziehen. Kooperation entschied über Leben und Tod. Insofern sowjetisierte die Hungersnot die kasachische Gesellschaft“, führt Robert Kindler aus: „Sie war zu gleichen Teilen Bedingung und Instrument bolschewistischer Herrschaftsdurchsetzung in der Steppe.“
Die billigend in Kauf genommene Hungersnot war die logische Folge dessen, was Kindler als Essenz frühsowjetischer Herrschaft benennt: Konflikte schüren und eskalieren lassen. „Die Bolschewiki glaubten an die Kraft der Krise“, so der Historiker. Sie ließ Freunde und Feinde scheinbar deutlich sichtbar werden: Erstere konnten an die Macht gebunden, letztere vernichtet werden. Bis zur nächsten Eskalation – etwa dem „Großen Terror“ 1936 bis 1938.

Interview: Robert Kindler über die Rolle der Hungersnot in der kasachischen Erinnerung

 

unique: Herr Kindler, wurde die Hungersnot in Kasachstan in den 1950er Jahren im Zuge der Entstalinisierung thematisiert?
Kindler: Nur zwischen den Zeilen. In der sowjetischen Geschichtswissenschaft konnten unter Chruschtschow Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahren Dinge geschrieben werden, die zuvor undenkbar waren. Insbesondere in Arbeiten über die Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft und zur Agrargeschichte fanden sich nun verklausulierte Hinweise darauf, dass es zu ‚Problemen‘ beim Kolchosaufbau gekommen sei und vereinzelte ‚Übertreibungen‘ lokaler Kader zu erheblichen Schwierigkeiten geführt hätten. Wesentlich konkreter wurden auch die Texte der Tauwetterzeit nicht. Allerdings war dies auch nicht nötig, da die Leser dieser Publikationen die Ereignisse vielfach noch aus eigener Anschauung kannten.

Gibt es im heutigen autoritären Kasachstan ein Meisternarrativ über die Verbrechen der stalinistischen Ära?
Die politische Elite um den kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew hat ein Interesse daran, eine bestimmte Interpretation der stalinistischen Vergangenheit durchzusetzen. Dabei stehen drei Punkte im Zentrum: Erstens wird die alleinige Verantwortung für die stalinistischen Verbrechen einer kleinen Gruppe von bolschewistischen Führern um Stalin und den kasachischen Parteichef Goloschtschekin angelastet. Über die Verstrickungen von Mitläufern und Funktionären auf der mittleren und unteren Ebene wird der Mantel des Schweigens gebreitet. Zweitens steht die offizielle kasachische Erinnerungspolitik im Zeichen des Ausgleichs unterschiedlicher Repressionserfahrungen. Deportationen, Massenterror und Hunger werden als Teile eines alle Gruppen der multiethnischen Bevölkerung Kasachstans betreffenden Erbes gedeutet. Und deshalb konzentriert sich die Debatte drittens vor allem auf die Opfer von Terror und Hunger, deren Leid als „Tragödie“ bezeichnet wird. Mit dieser Linie sollen einerseits mögliche Konflikte innerhalb der kasachischen Bevölkerung befriedet und andererseits Spannungen mit Russland vermieden werden.

Wie werden die Hungersnot und überhaupt die frühe Sowjet-Ära in den Schulen thematisiert?
Wie in anderen autoritär regierten Staaten auch ist der Geschichtsunterricht in Kasachstan ein Ort der Vermittlung offizieller Narrative. Deshalb wird die Hungersnot im Sinne der offiziellen Meistererzählung thematisiert. Interessant dabei ist, dass die Verbrechen des Stalinismus – nicht nur in den Schulen – stets im Kontext eines erfolgreichen Modernisierungsprojekts stehen. In der Sowjetunion sei Kasachstan von einem rückständigen und agrarisch geprägten Land zu einem modernen Industriestaat geworden. Während jedoch die Verantwortung für die „negativen“ Seiten der Geschichte externalisiert wird, werden die Ursachen für die vermeintliche Erfolgsgeschichte in erster Linie im Inneren verortet. Es seien die Einwohner Kasachstans gewesen, denen der Aufschwung der Sowjetzeit zu verdanken sei. Dass Terror und Moderne zwei Seiten einer Medaille waren, wird hingegen kaum thematisiert.

Forschen kasachische Historiker zur Geschichte der stalinistischen Verbrechen und der Hungersnot? Wird ihre Arbeit in der Bevölkerung wahrgenommen?
Selbstverständlich arbeiten kasachische Historiker über diese Themen. Sie richten sich dabei zumeist nach politischen Vorgaben. Ausnahmen gibt es. Doch diese Historiker lehren und forschen meist in der Provinz, weitab der beiden akademischen Zentren Almaty und Astana. Grundsätzlich ist es so, dass das allgemeine Interesse in der kasachischen Öffentlichkeit für historische Themen eher begrenzt ist; zumal, wenn es „problematische“ Episoden der eigenen Geschichte betrifft.

Setzen die Kasachen ‚ihre‘ Geschichte in Beziehung zur Hungersnot in der Ukraine? Und umgekehrt: Wird in der Ukraine die Hungersnot in Kasachstan thematisiert?
Die Geschichte des Hungers in Kasachstan bleibt ohne den Verweis auf den gesamtsowjetischen Kontext unverständlich. Dennoch spielt die Katastrophe in der Ukraine scheinbar weder in den Arbeiten kasachischer Historiker noch in den Einlassungen von Politikern eine wichtige Rolle. Tatsächlich aber ist der ukrainische Fall als Mahnung stets präsent, denn die mittlerweile seit Jahrzehnten schwelende Debatte zwischen der Ukraine und Russland über Gründe und Interpretation des ‚Holodomor‘ hat das Verhältnis beider Staaten stets überschattet. In Kasachstan tut man alles dafür, dass es nicht zu ähnlichen Konflikten mit dem mächtigen Nachbarn kommt. Für die ukrainische Debatte ist der Verweis auf den Hunger in Kasachstan tendenziell problematisch, denn wenn es auch in anderen Regionen der Sowjetunion zu vergleichbaren Katastrophen kam, wie lässt sich dann das Argument von der gezielten Vernichtung der Ukrainer noch aufrecht erhalten?

Herr Kindler, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Kindler schreibt in Stalins Nomaden keine Geschichte einseitiger, russisch-kasachischer Unterwerfung. Vielmehr zeigt er auf, wie viele Kasachen auch die politischen und sozialen Chancen nutzten, die ihnen das Regime anbot und so zu den – oft eigenwilligen – Exekutoren der Sowjetmacht vor Ort wurden: „Die Kollektivierung war nicht nur ein Krieg des Staates gegen sein Volk; das Volk bekämpfte sich auch selbst.“ Das bewusst geschürte Chaos aus Hunger und Terror zerstörte (auch) in Kasachstan die Möglichkeit, zwischen Tätern und Opfern klar unterscheiden zu können, was bis heute noch nachwirkt.
Kindler hält angenehmerweise keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen bereit. Sein brillant geschriebenes Buch ist allerdings kaum für Leser ohne Kenntnisse frühsowjetischer Geschichte geeignet. Wer zum Beispiel den Begriff ‚korenizacija‘ oder die Forschungsthese ‚speaking Bolshevik‘ nicht kennt, dürfte es bisweilen schwierig finden, den Ausführungen zu folgen. Für Leser mit Vorwissen bietet Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan jedoch eine so faszinierende wie erschreckende Untersuchung über die Etablierung sowjetischer Herrschaft in Zentralasien.

Robert Kindler:
Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan
Hamburger Edition
381 Seiten
28,00 €

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