Home » Leitartikel, WortArt

Kolumne: Elen síla lúmenn’ omentielvo

14 Mai 2013 2 Comments
J.R.R. Tolkien (links) und Esperanto-Vordenker L. L. Zamenhof Anfang des 20. Jahrhunderts.

J.R.R. Tolkien (links) und Esperanto-Vordenker L. L. Zamenhof Anfang des 20. Jahrhunderts.

…und andere philologische ‚Spielereien’: Eine kleine Einführung in die Welt der Kunstsprachen gibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena.

von Thomas Honegger

Tolkien soll einmal behauptet haben, dass sein schriftstellerisches Werk ein ‚Nebenprodukt’ seiner leidenschaftlichen Beschäftigung mit erfundenen Sprachen sei und er Mittelerde schuf, um einen Ort zu haben, wo man sich mit einem Satz wie Elen síla lúmenn’ omentielvo (Ein Stern scheint auf die Stunde unserer Begegnung) begrüßt (wie es Frodo mit dem Elben Gildor im Herr der Ringe tut). Wir wissen, dass Tolkien bei dieser Schilderung des ‚sprachlichen’ Ursprungs seiner literarischen Schöpfung etwas übertrieben hat, aber es lässt sich nicht leugnen, dass seine philologische Kreativität oftmals Ausgangspunkt für seine Geschichten waren.
Dabei war der Oxford-Professor mit seiner Faszination für Sprache in seiner Zeit nicht ganz allein. Das späte 19. Jahrhundert sah die Geburt und frühe Blüte von Plan- und Kunstsprachen wie Volapük und Esperanto und der elbische Gruß würde auch auf Esperanto ansprechend tönen: Stelo brili sur horo nia renkontiĝo. Ich weiß leider nicht, ob Tolkien seinen Vortrag beim Esperantokongress in Oxford im August 1930 mit diesen Worten eröffnete, aber gesichert ist, dass er seinen Zuhörern ein paar Gedichte auf Elbisch vortrug. Wie weit Tolkiens Interesse an Esperanto und anderen Kunstsprachen ging, ist nicht bekannt – ich vermute, es war eher gering, denn seine Begeisterung für Sprachen wurde primär durch ihren Wohlklang geweckt und Eigenschaften wie ‚Funktionalität’ oder ‚einfach zu lernen’ spielten für den Philologen keine Rolle, ja waren eher negativ besetzt. Nicht dass Esperanto oder Volapük hässlich klingen, aber das Primat lag und liegt auf deren Zweckmäßigkeit als Mittel zur internationalen Völkerverständigung. Deklinationen müssen also absolut regelmäßig sein und der Wortschatz basiert vor allem auf Ableitungen aus Vokabeln der großen europäischen Sprachen. Tolkien hingegen hatte mit seinen elbischen Sprachen keinerlei ‚nützliche’ Absichten – im Gegenteil. Für ihn war Sprache nicht primär ein Mittel zur Informationsvermittlung, sondern vielmehr ein ästhetisches Erlebnis – und so nahm er für seine bekanntesten Elbensprachen Quenya und Sindarin seine beide Lieblingssprachen als lautliche Vorbilder: das Finnische für Quenya und das Walisische für Sindarin. Das von Dr. Helmut Pesch verfasste Gedicht auf Neo-Quenya gibt einen guten Eindruck des ‚elbischen Wohlklangs’: die meisten Wörter enden auf einem Vokal (auffällig oft ist dies ein heller Vokal wie ‚i’ oder ‚e’ oder ein ‚heller’ Diphthong wie ‚eo’ oder ‚ea’) oder einem Nasal (‚n’). Der allgemeine Eindruck ist der einer leichten, wohltönenden und angenehm zu lauschenden Sprache. Um Vereinfachungen der Deklinationen hat sich Tolkien nie gekümmert (Quenya hat zehn Kasus und vier Numeri), denn die unsterblichen Elben mussten ja nicht ‚effizient kommunizieren’ – das macht man am besten in der Gemeinsprache Westron, oder aber vielleicht im ‚Black Esperanto’, wie ein Linguist Saurons ‚Schwarze Sprache’ nicht ganz unrichtig charakterisierte.

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Kolumne: Bandersnatch vs. Hobbit Vor 38 Jahren, am 2. September 1973, starb John Ronald Reuel Tolkien. Im Andenken an ihn heute unsere Kolume von Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena, über die Gründe von Tolkiens Erfolg im sprachlichen Bewusstsein. von...
  2. Kolumne: „Wählen Sie bitte Ihr Schicksal“ Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena, wirft diesmal einen Blick auf die Ortsschilder rund um Jena. Wählt der Reisende bei den Fahrscheinautomaten der Madrider U-Bahn die englische Sprachvariante, so wird er von der Maschine freundlich...
  3. Kolumne: Ursprache(n) Der Rekonstruktion des Indogermanischen und ihrer Geschichte widmet sich Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena. Was war die Sprache von Adam und Eva im Paradies? Welches Idiom benutzte die Schlange, um Eva zu überreden, in den...
  4. Kolumne: Leichensäcke, öffentliche Aufbahrungen… …und andere handliche Ausdrücke: Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena, über die feinen Unterschiede zwischen Leichen- und Rucksäcken. von Thomas Honegger Das Deutsche und Englische können auf eine lange, wenn auch nicht immer harmonische gemeinsame Geschichte...
  5. Kolumne: Pragmatisch Einen Blick auf die pragmatischen Grußformeln im Englischen von Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena. »Guten Morgen«, sagte Bilbo, und er meinte es ehrlich. […] »Was meint Ihr damit?« fragte [Gandalf]. »Wünscht Ihr mir einen guten...

Bisher 2 Meinungen zum Thema: Kolumne: Elen síla lúmenn’ omentielvo

Direkt zum Eingabefeld
  • Cyril Brosch meint:

    Entschuldigen Sie die Besserwisserei, aber “Stelo brili sur horo nia renkontiĝo” ist genauso falsch wie die wörtliche Übertragung “Stern scheinen auf Stunde unser Treffen”.

    Richtig heißt der Satz im Esperanto etwa “Stelo brilas sur la horon de nia renkontiĝo”, wenn es heißen soll, dass der (glückliche) Stern die Stunde “bescheint” und nicht nur einfach zu dieser Stunde scheint (dann wäre ‘en la horo’ besser).

  • Johannes meint:

    Also wenn schon nach Esperanto übersetzen, dann richtig:

    “Ein Stern scheint auf die Stunde unserer Begegnung.” heißt auf Esperanto
    “Stelo albrilas la horon de nia renkontiĝo.”

    amike …

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>