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Hungernden Kindern die Bäuche stopfen – Warum Entwicklungshilfe nicht immer hilft

8 Juli 2008 One Comment

Birgit* studiert im siebten Semester Soziologie und auf die Frage, was sie nach ihrem Abschluss machen wolle, antwortet sie “armen Menschen helfen”. Die Berufsbezeichnung heißt wohl Entwicklungshelfer und ist Birgits größter Wunsch. Doch was heißt es denn, ein Entwicklungshelfer zu sein? Was will man denn genau entwickeln und wen und vor allem aber wie?

Die bunten Bilder des Leidens

In fast allen Hauptnachrichten sind sie mindestens einmal in der Woche zu sehen, die kleinen afrikanischen Kinder, blähbäuchig und fliegenumschwirrt. Kaltherzig ist, wen
dies nicht zu Tränen oder zumindest zu einem negativ konnotierten Gefühl rührt. Zehn Euro monatlicher
Dauerauftrag auf das Konto einer Hilfsorganisation und schon lässt sich der Klos im Hals leichter runterschlucken. Als Gewissensversicherung kann man dann das Bild eines glücklichen Patenkindes, das dank der großzügigen Spende endlich sein Lachen wiedergefunden hat, noch dekorativ an die Kühlschranktür pinnen. Alles in der Hoffnung, dass das Kind auch nach dem Fotoauslösen noch lächelt, weniger Hunger hat, besser lebt und mit ihm natürlich die ganze Familie, die gesamte Dorfgemeinschaft, ja oder sogar einfach ganz Afrika. Auch wenn nicht klar ist, was dem Patenkind wirklich passiert oder ob der gebaute Brunnen im Dorf wirklich etwas nützt, ist die Lösung einfach gar nichts zu tun? 1994 wurde aus den deutschen Blauhelmen in Somalia die bestausgestattete Entwicklungshelfertruppe Deutschlands. Tiefbrunnen wurden gebohrt, Krankenstationen errichtet, Flüsse begradigt und Staudämme gebuat. 5000 Hektar Land sollten auf diese Weise bewässert werden.

Doch als die Bundeswehr mit gutem Gewissen wieder abzog zeigte die “Hilfe” ihr dunkles Gesicht. Die Bevölkerung wurde weder gefragt noch eingebunden. “Da klettern deutsche Soldaten Spaten schwingend aus den Flugzeugen und graben vor den Augen einer staunenden, aber völlig unbeteiligten Bevölkerung Löcher in den Sand, obwohl in der Region nichts dringender als Arbeitsplätze gebraucht wird”, formuliert die Zeit
am 25.02.1994. Zurückgelassen wurden die Somalier mit dem Streit über die Herrschaft der Erneuerungen
und auch die Bedienung der Dieselpumpen der neuen Brunnen fiel den Somaliern schwer ohne die finanziellen Mittel zur Beschaffung dieses Rohstoffes. Und so entwickeltedie Entwicklungshilfe vor allem eins: weitere Probleme.

Deutlich an diesem Beispiel wird: Gute Vorsätze allein sind nicht des Rätsels Lösung. Damit die Unterstützung der ärmeren Länder der Welt auch wirklich der einfachen Bevölkerung zu Gute kommt, gilt es
genau zu analysieren was gebraucht wird. Den Bauern nützt es wenig, wenn die von Entwicklungshelfern
gebauten Brunnen, Bewässerungsanlagen etc. in die Hände einiger weniger Gutsherren gelangen. War der Helferwille auch moralisch positiv zu werten, ist die Konsequenz genau das Gegenteil. Die Bauern gelangen in große Abhänigkeit und die Chancengleichheit ist dahin. Doch wenn das deutlich wird, ist das Projekt meist beendet, die Gelder ausgegeben und die Helferlust gestillt.

Die dunkle Seite der Hilfe

1994 ist jedoch 14 Jahre her und die Entwicklungshilfe hat sich zumindest zu großen Teilen aus den Kinderschuhen befreit. Immer mehr wird vor Beginn derartiger Projekte versucht genauer zu recherchieren
was wirklich nützlich ist. Vor allem Aufklärungsarbeit mit der Bevölkerung vor Ort ist ein immer bedeutungsschwerer Bestandteil der Entwicklungshilfe. Die Evaluationsforschung etabliert sich und neben
der direkten Umsetzung (Brunnen bauen) wird auch Jahr nach dem Projekt noch untersucht, welche Folgen die Hilfe hatte, und welchen Einfluss auf das Entwicklungsland ausgeübt wurde.

An dieser Stelle wird besonders der Unterschied zwischen Entwicklungshilfe von staatlichen Behörden und NGO´s deutlich. Die einen haben erst die Gelder und suchen dann den Bedarf, die anderen sehen den Bedarf und beantragen demensprechend die finanziellen Mittel. Außerdem ist der Kontakt der NGO Helfer zur Bevölkerung oft direkter als bei Mitarbeitern einer staatlichen Behörde.

Auch Hilfe braucht Qualifikation

Genau die Art der Arbeit schwebt Birgit vor, wenn sie an den beruflichen Zweig der Entwicklungshilfe denkt. Helfen will sie, immerhin hat sie ja studiert. Doch bereits im Gedankenspiel erscheinen die ersten Hürden in ihrem erträumten Berufsalltag. Auf welcher Sprache will sie überhaupt mit den Somaliern kommunzieren. Ihr Englisch ist sehr eingerostet und Italienisch, arabisch oder gar Somali kann sie schon gar nicht. Im Ausland war sie sowieso bisher noch nie und wie den Entwicklungsländern ihre im Studium gepaukten soziologischen Theorien nützen das lässt sie auf sich zukommen. Immerhin will sie ja helfen und das ist es was zählt

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Bisher Eine Meinung zum Thema: Hungernden Kindern die Bäuche stopfen – Warum Entwicklungshilfe nicht immer hilft

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  • Roman meint:

    Babys impfen in Kambodscha, das ist schon für viele eine romantische Vorstellung. Nur ist es leider mit der Entwicklungshilfe nicht so einfach. Wer selber aktiv helfen will, sollte sich fragen: Welchen Mehrwert bringe ich überhaupt. Wenn ich vermeintlich selbstlos Englischkurse gebe, muss ich mir bewusst sein, dass ich u.U. einem einheimischen Englischlehrer den Arbeitsplatz nehme und dass vllt. nach meiner Abreise kein Ersatz zur Verfügung steht. Viel wichtiger als die Hilfe ist also die Qualifizierung von Einheinmischen zur Selbsthilfe und gegenseitigen Hilfe. Fazit: Mit naiven, romantischen Vorstellungen wird man nicht Entwicklungshelfer, sondern nur mit profunden Kenntnissen, die auch tatsächlich eine Hilfe darstellen. Bleibt mir also die Möglichkeit, materielle Hilfe zu leisten. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: An wen geht mein Geld und wieviel kommt überhaupt dort an, wo es hin soll? Welche politischen Strukturen unterstütze ich? Welche lokalen Strukturen zestöre ich?
    Gut gemeinte aber schlecht ausgeführte Hilfe bleibt genau das: Gut gemeint aber schlecht ausgeführt.

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