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Du sprechen Foreigner Talk?

9 August 2010 2 Comments

Im Gespräch mit vermeintlichen und tatsächlichen Ausländern verwendet so Mancher eine Sprache, in der man sonst eher mit Kindern spricht. Freundlich gemeinte Hilfe wird dabei schnell zu alltäglicher Diskriminierung.

tim-und-struppi(Im Comicband “Tim im Kongo” des belgischen Zeichner Hergé finden sich viele Beispiele für sekundären Foreigner Talk, die diskriminiderende mediale Darstellung der vermeintlichen Sprache von Ausländern. Abbildung: © Tim und Struppi. Band 1: Tim im Kongo. Hergé/ Carlsen Verlag)


von Helian

„Der alte Lada mit dem ungarischen Nummernschild huscht vorbei am Nürnberger Parteitagsgebäude, dann rechts, links, knattert geradeaus und biegt nochmals rechts ab. Máté blickt herüber und nickt mir freundlich lächelnd zu, das Lenkrad fest im Griff seiner durchfurchten aber kräftigen Hände. „Wir finden schon den Weg“ soll das heißen. Und wenn ich auch keine Sekunde daran zweifle, dass mich der sympathische Ungar, mit dem ich bereits seit Würzburg trampe, auch noch sicher bis zum Plattensee bringen wird, ist mir klar, dass wir uns hoffnungslos verfahren haben…“

Beim Sprechen ist uns nicht nur wichtig, was wir sagen, sondern auch wie. Mit dem besten Freund sprechen wir anders als mit unserem Professor. Eine Frage des Respekts und der Vertrautheit, aber auch der Selbstdarstellung – hält mein Dozent mich für ungebildet, denkt mein Kumpel, ich sei zu abgehoben? Zudem beeinflusst noch eine weitere Kategorie Wortwahl und Komplexität unserer Sprache: die Frage, ob unser Gegenüber uns verstehen kann. Sind wir der Meinung, dass dem nicht so ist, versuchen wir, das Gesagte so weit wie möglich zu vereinfachen. Neben kognitiven Fähigkeiten erfordert das Verstehen sprachlicher Äußerungen logischerweise die Beherrschung der Sprache. Wer – wie Lerner des Deutschen – den Verdacht erregt, darüber nicht zu verfügen, fällt leicht in eine besondere Kategorie von Gesprächspartnern.

„Schließlich steuert Máté auf einen Polizisten zu, um ihn nach dem Weg zu fragen. In leicht antiquiertem Deutsch mit starkem ungarischen Akzent, fragt mein fast 70-jähriger Fahrer „Guter Herr, wo geht es zu Autobahn?“. Der Polizist denkt kurz nach, beugt sich zum geöffneten Fenster und spricht bedächtig und langsam: „Du gehst runterr da, Straße lang. immerr Straße lang, ja? Dann du räächts; ja? Bei großem Haus räächts. Immer weiter…“

Eine solche Sprechweise bezeichnet man seit 1968 mit einem Begriff des Linguisten Charles A. Ferguson als „Foreigner Talk“. Anstelle standardsprachlicher Äußerungen bedienen sich Muttersprachler – meist unbewusst – verschiedener Strategien, um ihre Sprache zu vereinfachen. Der Foreigner Talk weicht dabei vom normalen Sprachgebrauch in vier Kategorien ab: Verdeutlichungen, Überkorrektheit, Ausdruck eigener Einstellungen und Vereinfachungen.
Die verdeutlichenden Strategien sollen größere Klarheit schaffen, indem sie Silben, Wörter und Sätze wiederholen oder ausformulieren: „Straße lang [...] Straße lang“. Durch vokative Partikel und Kurzfragen („ja?“) versucht der Sprecher zudem abzusichern, dass er verstanden wurde. Das Streben nach Deutlichkeit, gepaart mit dem schlechten Gewissen, die Regeln der eigenen Sprache nur unzureichend zu beherrschen, führt zu Überkorrektheit. Z. B. wird die  richtige Aussprache von „runter“, nämlich „runta“, verleugnet und durch ein künstliches „runterr“ ersetzt. Das jedoch taucht in der gesprochenen Gegenwartssprache schlichtweg nicht auf und ist wohl eher hinderlich denn hilfreich. Nichtsdestotrotz ist gerade dieses Verfahren sehr häufig zu beobachten.
Der erwähnte Ausdruck eigener Einstellungen zeigt sich in prominentester Weise im Duzen des Gesprächspartners, unabhängig von Alter und sozialem Status. Ein linguistischer Sinn dessen ist  schwer festzustellen. Die Idee, Höflichkeitsformen seien schwerer zu verstehen, hält sich aber ebenso gut wie die Idee „Wauwau“ sei ein einfacheres Wort als „Hund“. (Beides Quatsch: Entweder kenne ich ein Wort oder nicht. Und ob ich mit Lehrbüchern Deutsch lerne oder zunächst einmal gezwungen bin mit den Formularen der Ausländerbehörde klarzukommen: Der „Sie“-Form begegnet man wohl häufiger als dem „Du“).
Das umfangreichste Verfahren stellen die Vereinfachungsprozesse dar, bei denen die Komplexität des Satzbaus reduziert („Dann rechts“ statt „Da müssen Sie rechts abbiegen“) und auf einen unauffälligen Grundwortschatz zurückgegriffen wird („gehen“ statt „fahren)“.
Zu diesen Strategien gesellt sich die Idee, dass man am besten verstanden wird, wenn man „so spricht wie die“. Und wie „die“ sprechen, weiß man nicht zuletzt aus den Medien. Die Wiedergabe vermeintlicher „Ausländersprache” bezeichnet man als sekundären Foreigner Talk. Die sozialkritischen Sprachexperimente von Feridun Zaimoğlu mögen auch dazu beitragen, vor allem aber trifft der Vorwurf Comedy-Figuren wie Erkan und Stefan.

„Máté nickt freundlich und fährt in die so beschriebene Richtung weiter. Und während wir uns von dem dümmlich-hilfsbereiten Grinsen des Polizisten bereits wieder entfernen, grüble ich noch, ob der Mann, der sich mit zwei Ausländern allein und unbeobachtet wähnte, wirklich meinte, dass wir ihn besser verstehen, wenn er sämtliche Regeln seiner Muttersprache über Bord wirft…“

Mit seinem Vorgehen ist der Polizist jedenfalls nicht allein. Mit jeder Sprachhandlung streben Menschen danach, erfolgreiche Kommunikation zu betreiben (Erfolgreich ist, was verstanden wird). Vereinfachungs- und Verdeutlichungsprozesse ähnlich dem Foreigner Talk sind daher in allen Sprachen und Gesellschaftsschichten feststellbar und nicht nur sozial bedingt. Sprachhistorisch gesehen scheinen die Vereinfachungen auch eine Rolle bei der Entstehung von Kreolsprachen wie beispielsweise dem Afrikaans zu haben.
So hilfreich diese Verfahren (vor allem die Vereinfachungsprozesse) auch sein mögen, darf nicht vergessen werden, dass es zwischen Kleinkindern, Betrunkenen und Fremdsprachenlernern durchaus einige Unterschiede gibt. Kinder verfügen nicht nur über einen kleineren Wortschatz und eine geringere Sprachkompetenz, sondern können auch kognitiv noch nicht ihre gesamten Kapazitäten nutzen, Betrunkene können zeitweise beides nicht benutzen – Sprachlerner hingegen fehlt lediglich die Sprachkompetenz in der Zielsprache. Zudem wird oft übersehen, dass man ja nicht nur versteht, was man selbst produzieren kann. (Wer kennt nicht das Phänomen, englische Filme fast problemlos zu verstehen, im Gespräch mit einem Amerikaner aber erst einmal zu stottern.)
Die Gefahr das Gegenüber kognitiv zu unterfordern, sie oder ihn also spüren zu lassen, dass man ihn nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe ansieht, ist recht groß. Durch die erwähnte Unart einen Deutschlerner zu duzen, den man – wäre er Muttersprachler – respektvoll behandeln würde, wird das Ganze noch verschlimmert. Sicherlich ist es nicht falsch, bei einer Wegauskunft seine Sprachgeschwindigkeit etwas zu reduzieren und das ein oder andere Modewort aus dem eigenen Freundeskreis einzusparen. Aus den genannten Gründen sollte man sich aber bewusst sein, dass man gerade in einer besonderen Weise spricht und abwägen, ob und in welcher Form dies angemessen ist. Denn wer mit einem syrischen Doktortitel in Deutschland ankommt und hier wie ein Kind behandelt und geduzt wird oder – noch schlimmer – wer hier geboren wurde und ob seiner Hautfarbe ständig zu Hören bekommt, dass er „aber gut Deutsch spricht“, freut sich oft nur bedingt über die Verständigungsbemühungen der Foreign Talker.

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Bisher 2 Meinungen zum Thema: Du sprechen Foreigner Talk?

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  • Arbeitstier meint:

    jeder sollte mit respekt behanderlt werden, man sich mal vorstellen man wäre in der lage des anderen, dann würde mwn ja auch nicht wollen,dass man mit ihm sol umgeht.

  • yellingstone meint:

    Sehr amüsanter Aufsatz!! Hat mir viel Lesefreude gebracht!!

    (Beides Quatsch: Entweder kenne ich ein Wort oder nicht. Und ob ich mit Lehrbüchern Deutsch lerne oder zunächst einmal gezwungen bin mit den Formularen der Ausländerbehörde klarzukommen: Der „Sie“-Form begegnet man wohl häufiger als dem „Du“)

    löl

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