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Der Mann aus Pécs

13 April 2012 No Comment
(Foto: basisfilm)

(Foto: basisfilm)

Der ungarische Regisseur Béla Tarr ist mit seinen sperrigen Filmen ein Geheimtipp für Cinephile in Europa. Eine Filmreihe des Lehrstuhls für Geschichte und Ästhetik der Medien im Schillerhof war angetreten, ihn in Jena bekannt zu machen.

von Christian Wehmeier und Silvia Petzoldt

Dauerregen, bedrohliches Wetter, der Himmel verfinstert sich und die Wolken ballen sich am Horizont zusammen. Ein unheilvoller, mit jedem Tag stärker werdender Wind pfeift um die Fenster, und nur ein einsamer Bauer, der zusammen mit seiner Tochter in einer zerfallenen Hütte im Nirgendwo haust, scheint diesen Naturgewalten zu trotzen. Hinter der Hütte erstreckt sich die Ebene, von Nebel umzogen – eine sich endlos ausdehnende Landschaft, die keinen Anfang und kein Ende kennt, ein öder, sich scheinbar ewig erstreckender Raum, dem die Menschen schutzlos ausgeliefert sind. Der Herbst war lang und dunkel, doch oben beschriebene Bilder läuten nicht das Ende unserer Welt ein. Sie entspringen dem Kopf des ungarischen Regisseurs Béla Tarr, des wohl radikalsten Exponenten einer Filmschule, die sich ihre eigene Ästhetik fernab des Mainstreams und Massengeschmacks erschaffen hat.

Béla Tarr, 1955 im südungarischen Pécs geboren und mit Filmen wie Sátántangó, Die Werckmeisterschen Harmonien und Der Mann aus London zu internationaler Bekanntheit gelangt, galt unter Filmkennern bisher eher als Geheimtipp. Dies änderte sich schlagartig im Februar des letzten Jahres, als sein Film A torinói ló (Das Turiner Pferd) auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Der Film, der das Schicksal eines Bauern und seiner Tochter im Angesicht einer zunehmend lebensfeindlichen Umwelt schildert, erlebte Mitte März nun auch seinen bundesweiten Start und erntete in sämtlichen Medien überwiegend positive Kritiken. Er gilt als das bisher radikalste Werk des Autorenfilmers und markiert gleichzeitig den Gipfel- und Endpunkt im Oeuvre eines Regisseurs, der immerhin auf eine mehr als drei Dekaden umspannende Karriere zurückblicken kann. Doch nun ist Schluss: Tarr hat sein Werk für abgeschlossen erklärt und will sich fortan ganz der Tätigkeit als Produzent sowie der Gründung einer Filmschule in Kroatien verschreiben.

Zeitgleich mit einer großen Retrospektive, die im Winter im Pariser Centre Pompidou lief, waren im Wintersemester 2011/2012 – initiiert und organisiert vom Lehrstuhl für Geschichte und Ästhetik der Medien der FSU Jena – im Kino im Schillerhof einige der wichtigsten Werke Béla Tarrs (Verdammnis, Die Werckmeisterschen Harmonien, Der Mann aus London) zu sehen, doch auch Filme anderer Regisseure, die mit Tarr in Zusammenhang stehen. Miklós Jancsó, Altmeister und gewissermaßen Neuerfinder des ungarischen Kinos, machte in den 60er Jahren nicht nur durch eine Reihe von Historienfilmen auf sich aufmerksam, sondern übte mit seinen langen, sich über mehrere Minuten hinziehenden und minutiös choreographierten Plansequenzen auch wesentlichen Einfluss auf Stil und Ästhetik Béla Tarrs. Neben Jancsós Filmen Die Männer in der Todesschanze und Roter Psalm (Goldene Palme in Cannes 1972) stellten insbesondere die Filme Glut und Fate (Verhängnis) des ungarischstämmigen Autorenfilmers Fred Kelemen, seines Zeichens Kamera-Mann Béla Tarrs, eine wahre Rarität dar, sind die Filme in deutschen Kinos doch selten zu sehen. Abgerundet wurde die Filmreihe schließlich von einem spannenden Vortrag András Bálint Kovács’, künstlerischer Assistent Béla Tarrs sowie Mitbegründer des Filmwissenschaftlichen Instituts der ELTE Universität Budapest, der den Zuschauern interessante Einblicke in Béla Tarrs Leben, Wirken, Arbeitsweise und Filme verriet.

Silvia Petzoldt ist Hungarologin am DFG-Graduiertenkolleg 1412 ‘Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa’.
Christian Wehmeier ist Student der Anglistik/Amerikanistik, Germanistik und Indogermanistik an der FSU Jena.

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