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Animierte Katzen, eine beklemmende Busfahrt – und ein Abschied

29 April 2018 No Comment
(Foto: © cellu l’art Jena)

(Foto: © cellu l’art Jena)

Mit der großen Preisverleihung im Volksbad war am Samstagabend das cellu l’art Kurzfilmfestival an seinem Höhepunkt angekommen. Ein Versäumnis der Stadt Jena wurde dabei am Ende des Abends durch das Votum der Festivalbesucher ausgeglichen.

von Frank

Er ist weg – der Jenaer Toleranzpreis für Kurzfilme, der in den zurückliegenden Jahren das Kurzfilmfestival cellu l’art begleitet hatte, wurde eingestellt. Die Stadt Jena, die diesen Preis bislang gestiftet hatte, hatte stattdessen in diesem Jahr erstmals den mit 750 Euro dotierten „Lichtstadt Award“ ausgelobt. Solch ein Preis mag zwar besser zur „Corporate Identify“ der Stadt passen, aber fragwürdig ist diese Entscheidung in jedem Fall. In Zeiten von AfD, Übergriffen auf religiöse Minderheiten und ähnlichen Entwicklungen hierzulande und international hätte man als Stadt gut daran getan, einen inzwischen halbwegs etablierten Preis für Filme, die sich mit Toleranz und Weltoffenheit befassen, nicht einfach einzustampfen. Doch immerhin wurde bei der Preisverleihung ein Film aus dem Festivalprogramm mit dem Publikumspreis bedacht, der wie kaum ein anderer den Toleranzpreis verdient gehabt hätte. Aber: Der Reihe nach.

32 Filme im internationalen Wettbewerb
Das Kurzfilmfestival präsentierte den Jenaer Filmfreunden in diesem Jahr neben dem Länderschwerpunkt Schottland und diversen Specials wieder eine Vielzahl von Filmen im internationalen Wettbewerb, die aus über 700 Einreichungen vom fleißigen Team ausgewählt und kuratiert worden waren. Wettbewerbsblock 1, mit dem Titel „Chlorreiche Halunken“ kam dabei vor allem skurril daher, wovon ein Filmtitel wie Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin schon einen kleinen Eindruck vermittelt. Mit dem wunderbar obskuren Animationsfilm Garden Party war übrigens auch ein Streifen mit Oscar-Nominierung mit im Festivalprogramm.
Etwas schwermütiger kam Wettbewerbsblock 2 daher: Unter dem Motto „Existenzaromen“ wurden hier Filme über die kleinen und großen Widrigkeiten des menschlichen Lebens präsentiert – und über den (nahenden) Tod. Gleich zwei der späteren Preisträger kamen aus diesem Wettbewerbsblock. Der niederländische Kurzspielfilm Bloemen voor Claudine wurde zwar nicht prämiert, blieb aber dennoch mit seiner unaufdringlichen Melancholie im Gedächtnis. Darin bereitet eine alte Frau jeden Tag aufs Neue einen Leichenschmaus für ihren baldigen Tod vor – ein Zehnminüter, der mit kulinarischer und musikalischer Finesse überzeugt.
Dass es beim Jenaer Kurzfilmfestival auch gerne mal um kontroverse Themen geht, bewiesen in diesem Jahr der amerikanische Spielfilm i.o.c. im dritten Wettbewerbsblock, ein als One-Shot inszeniertes Porträt eines Schülers am Morgen seines Amoklaufs, oder der deutsche Dokumentarfilm Stigma, ein 25-minütiges, nachgestelltes Interview mit einem Pädophilen, der offen von seinen Fantasien und sexuellen Übergriffen berichtet. Während es im zugehörigen Wettbewerbsblock 4 unter dem Motto „Geheime Gelüste“ eher um kindlichen Übermut oder Kaufrausch ging, war es bei Stigma im Saal auffallend still. Eine angespannte, ernste Stille, die dann aber in aufrichtigen Applaus mündete.

Szene aus dem Kurzfilm "Watu Wote", der den Publikumspreis erhielt

Ein Preis für Toleranz, auch ohne Toleranzpreis
Um sexuelle Fantasien ging es auch in der ähnlich angelegten Doku Protokolle im fünften Wettbewerbsblock; darin berichteten drei Männer von ihrem Verlangen, geschlachtet und verspeist zu werden. Der wesentlich humorvoller gestaltete Spielfilm Botanica aus diesem Filmblock konnte sich übrigens am Samstagabend den Preis der dreiköpfigen Jugendjury sichern – eine durchaus überraschende Auswahl für Jugendliche, arbeitet der niederländische Streifen doch mit sehr expliziter Metaphorik zum Fortpflanzungstrieb zweier Gartencenter-Mitarbeiter. Der bereits erwähnte „Lichtstadt Award“ ging ebenfalls an einen niederländischen Beitrag Green Screen Gringo. Der Experimentalfilm arbeitet auf durchaus kreative Weise mit den technischen Möglichkeiten des Green Screens, um verschiedene Bereiche der brasilianischen Gesellschaft in Szene zu setzen. Wer allerdings die politische Entwicklung Brasiliens in den letzten Jahren nicht kennt, wird nicht viel aus den Bildern machen können.
Das filmische Highlight der Preisverleihung bildete dann aber – wie schon in den zurückliegenden Jahren – nicht der Preis der Fachjury (hier wurde der iranische Film Retouch als bester Spielfilm geehrt), sondern der Publikumspreis: Die deutsch-südafrikanische Co-Produktion Watu Wote nimmt den Zuschauer mit auf eine beklemmende Busfahrt im kenianisch-somalischen Grenzgebiet, wo es immer wieder Angriffe islamistischer Milizen gibt. So auch in diesem Film, der sich an einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 2015 orientiert. Muslime schützten dabei ihre christlichen Mitreisenden vor der Erschießung durch die Terroristen. Ein unglaublich intensiver und – wenn es schon keinen Toleranz Preis mehr gibt – besonders wichtiger Kurzfilm.
Zum Abschluss des Abends dankte Festivalleiter Felix Völkel nicht nur den Filmemachern und Sponsoren, sondern auch dem ehrenamtlichen Team für die unermüdliche Arbeit, die ein erfolgreiches Kurzfilmfestival zum 19. Mal ermöglicht hatte. Im nächsten Jahr kann dann gemeinsam ganz groß der 20. cellu l’art-Geburtstag gefeiert werden.

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