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„Die Substanz, aus der ganze Feindbildlandschaften entstehen“

17 November 2009 No Comment

Interview mit dem Erfurter Medienwissenschaftler Prof. Dr. Kai Hafez über den Islam und islamophobe Tendenzen in deutschen Medien.

UNIQUE: Prof. Hafez, Sie befassen sich seit Jahren mit der Berichterstattung über den Islam. Unter anderem haben Sie 2007 eine Untersuchung zum Gewalt- und Konfliktbild des Islam bei ARD und ZDF vorgelegt. Welche zentrale Erkenntnis ziehen Sie aus Ihren Analysen?

Hafez: Wenn es um den Islam geht, sind deutsche Medien sehr beschränkt in ihrem thematischen Interesse. Das Themenspektrum ist stereotyp vorgeprägt und sich an den bekannten Problemlagen auf: Terrorismus, Frauenfrage, Fundamentalismus usw. Darüber hinaus reicht das Interesse deutscher Massenmedien kaum. Bei spezielleren Medien ist das durchaus anders; ich rede nur großen Massenmedien, Fernsehen und Zeitungen. Das Islambild dieser Medien ähnelt einer „self-fulfilling prophecy“, die bei einem begrenzten thematischen Interesse den Menschen natürlich auch nur in sehr begrenztem Rahmen Wissen über den Islam und die islamische Welt zur Verfügung stellt, wodurch Unwissenheit, Ängste und Unsicherheiten entstehen.

Gibt es Unterschiede in der Darstellung bei privaten und öffentlich-rechtlichen Medien?

Das würde ich nicht sagen. Das eben Gesagte gilt im Grunde sowohl für öffentlich-rechtliche und private Sender sowie die überregionalen Tageszeitungen. Es handelt sich dabei um statistisch erhärtete Werte. So ist es im Grunde gar nicht in Zweifel zu ziehen, dass das thematische Interesse der Massenmedien sehr stark auf Gewaltfragen, Integration, Ehrenmorde usw. begrenzt ist. Wenn man solche Schwerpunkte erkennt, heißt das natürlich nicht, dass es nicht viele gute Einzelbeiträge gibt. Es hat auch immer einzelne mahnende Stimmen innerhalb der Medien gegeben – sog. Intra-Medien-Kritik – von Journalisten, die gerade diese Schieflagen selbst angemahnt haben. Dieser mahnenden Minderheit steht allerdings ein hegemonialer Diskurs über den Islam innerhalb der Massenmedien gegenüber, der sehr negativ und konflikthaft geprägt ist. Die Binnendifferenzierung zwischen den Medien spielt dabei gar keine allzu große Rolle.
Private Medien sind häufig sogar angenehm in der Weise, dass sie sich für den Islam nur sporadisch interessieren, weil das Thema für diese boulevardesken Fernsehmedien fast schon zu komplex ist – das gilt übrigens auch für die Bildzeitung.
Die sogenannte „seriöse Presse“ stürzt sich hingegen mit größerer Obsession auf Islamthemen. Etwa auch Medien wie der SPIEGEL, die zu den härtesten Vertretern auf dieser Ebene gehören, mit den markantesten, am meisten zugespitzten Islambildern. So wurden über Jahre Titelgeschichten über den Islam nur mit schwarzem Hintergrund und sensationsheischenden Aufmachern illustriert. Ein Titel des SPIEGEL war z. B. „Der Koran. Das gefährlichste Buch der Welt“.
Ich glaube, dass solche Aussagen in der Nähe von salonfähigem Rassismus stehen. Man kann diesen Begriff überstrapazieren; ich bin deshalb sehr vorsichtig, aber wenn man ein Schlüsselwerk einer Weltreligion auf dem Titelbild eines Meinungsführungsorgans in Deutschland als „das gefährlichste Buch der Welt“ betitelt, dann weiß ich nicht, wie intelligent man sein muss, um zu sehen, dass das die Substanz ist, aus der ganze Feindbildlandschaften entstehen.
Man kann den Koran nicht schlichtweg als gefährliches Buch bezeichnen. Man kann bestimmte Interpretationsformen und fundamentalistische Sichtweisen als gefährlich einschätzen. Das sollte eigentlich von angeblich aufgeklärten Medien wie dem SPIEGEL bemerkt werden. Ich kann solche Tendenzen nicht mehr schlicht mit Unwissenheit erklären. Einige Kollegen sagen, dahinter steckt auch die schiere Unlust, etwas über den Islam zu lernen. Der Islam spielt heute in vielerlei Hinsicht die Rolle die früher, auch noch vor dem Holocaust, das Judentum gespielt hat: auch da gab es einen salonfähigen Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert, als man nahezu alles über das Judentum sagen konnte; ein Antisemitismus, der breit in der Bevölkerung verteilt war, noch vor der Naziherrschaft in Deutschland.
Ähnlich ist es heute mit dem Islam: im Grunde kann jeder Mensch – und sei er noch so halbgebildet – über den Islam alles Mögliche behaupten. Wenn man die Frage nach seinen Informationsquellen stellt, sind das gängigerweise nur die großen Massenmedien. In den Schulen oder auf dem wissenschaftlichen Buchmarkt wird hingegen kaum etwas zur Kenntnis genommen. Die Wahrheit ist aber viel komplexer. Ein Besuch im Iran würde das beispielsweise manchen Leuten vor Augen führen.

Worin liegt Ihrer Meinung nach dieser Umgang mit dem Islam begründet?

Es handelt sich dabei um eine sehr komplexe Gemengelage. Es gibt meiner Meinung nach drei wesentliche Ursachen: einerseits die individuelle Unkenntnis bzw. Sozialisations- und Lerndefizite der einzelnen Journalisten. Sie kommen in ihren Job ohne eine professionelle Schulung in diesem Bereich, die wenigsten haben Islamwissenschaft studiert oder in ihren Studien mit diesem Feld wenigstens Berührung gehabt. Es gibt keine spezifischen interkulturellen Schulungen an Journalistenschulen, die solche Fragen aufnehmen. Ich kritisiere diese Mängel im Grunde seit mittlerweile 15 Jahren.
Der zweite Bereich liegt in den organisatorischen Logiken der Medien, ihren Eigenerfordernissen, begründet. Man stellt fest, dass die Informationsquellen im Grunde sehr begrenzt sind. Der Zugriff auf Informationen über die islamische Welt ist sehr selektiv und zeitlich eingeschränkt. Die Nachrichtenagenturen dominieren häufig das Geschehen und viele Quellen, die notwendig wären, fehlen: Personen, die langfristig in islamischen Ländern akkulturalisiert sind, die wirklich Zusammenhänge, Trends und Entwicklungen verstehen. Man braucht eine gewisse Vertrautheit mit der Materie. Hier fehlt es den Organisationen der Medien, den Verlagen etc. an Strukturen und Vertiefungsinteresse. Sie orientieren sich an relativ plumpen Nachrichtenwerten. Neuigkeiten, Sensationismus und thematische Vorprägungen der Menschen gehören leider auch dazu. Das ist ein in sich geschlossener Kreis.
Das führt zum dritten, dem Makrobereich: die größeren Zusammenhänge, in denen die Medien stehen. Man stellt fest, dass der Leser auch kaum Vorkenntnisse hat. Medien und Leser bestärken sich sozusagen gegenseitig in ihren immer schon recht stereotyen Islambildern. Dazu gehören sicher auch andere Aspekte, wie die Einflüsse der Politik, gerade in Krisenzeiten. Es ist eine komplexe Gemengelage, aus der man so leicht nicht heraus kommt. Man muss die Voraussetzungen für multikulturelle Bildung stärken und an die Medienschaffenden appellieren. Ich weiß, es gibt in den deutschen Medien eine Menge sehr kritischer Journalisten, die das Problem längst erkennen.
Der palästinensische Kulturkritiker Edward Said hat einmal geschrieben, dass der Westen bereits seit Jahrhunderten diese Art von reduzierter Orientwahrnehmung geradezu pflegt und der Orient eigentlich immer schon als Spiegelbild der eigenen Modernitätsvorstellungen benutzt wurde. Natürlich gibt es etliche Problemlagen im heutigen vorderen Orient, keine Frage, aber derartiges gibt es auch in anderen Weltregionen, z. B. Indien. Dennoch hat man gegenüber Indien eine ganz andere Grundeinstellung, weil diese religiös-kulturell geprägte Stereotypie nicht vorhanden ist.
Man muss entsprechend auf allen möglichen Ebenen ansetzen. Meine Hoffnung, neben einem zukünftig besser gebildeten Medienkonsumenten, sind z.B. Migranten, die sich mittlerweile in den Medien stärker Gehör verschaffen und sich als Gesprächspartner anbieten. Das ist eine Entwicklung, die man etwas seit 2001 erkennen kann: immer mehr Migranten werden in die Talkrunden eingeladen. Die Thematiken sind allerdings vorgeprägt. Man ist also wiederum in einer sehr passiven Rolle, den Islam zu verteidigen, das Kopftuch zu erklären usw. Das ist natürlich keine sehr befriedigende Dialogsituation.

Aber gibt es nicht eigentlich auch für die Medien bestimmte Einschränkungen, etwa durch die Persönlichkeitsrechte der muslimischen Mitbürger?

Individuell wird niemand beleidigt, das ist eben der Trick mit dem sog. „modernen Rassismus“. Es gibt dabei Mechanismen, die auch die Rassismusforschung bereits herausgearbeitet hat. Erstens, wie gesagt: individuell beleidigt man niemanden, sondern man beleidigt möglicherweise ganze Religionen, aber die können sich schlecht wehren.
Zweitens benutzt man keine rassistischen Begrifflichkeiten mehr. Stattdessen nutzt man so etwas wie eine Kulturalisierung, d.h. man spricht von bestimmten kulturellen Prägungen und Trends in der islamischen Welt und schreibt dem Islam diese und jene Eigenschaften zu. Das ist wesentlich schwerer zu fassen. Wenn Sie alte Zeitungen anschauen, dann werden Sie z.B. in deutschen Zeitungen aus den 60er Jahren noch Aussagen finden, die man heute als eindeutig rassistisch bezeichnen würde. Peter Scholl-Latour und andere haben sich in den 60ern geäußert, das würde man heute gar nicht mehr glauben. Anfang der 70er Jahre sagte etwa ein Kommentator der „Welt“ im Kontext der Erdölkrise, die Araber würden sowieso nur begreifen, wenn man sie mit der Peitsche behandele.
Derartiges finden Sie heute nicht mehr; es funktioniert mittlerweile anders. In einem Text haben Sie die Aussage, man könne den Islam nicht mit Terror gleichsetzen – gleichzeitig wissen wir statistisch, dass die überwiegende Thematisierung des Islam im Kontext problematischer Themen stattfindet. Das ist es aber möglicherweise gerade, was Bilder bei den Rezipienten prägt: die Thematisierung! Es geht gar nicht so sehr um die einzelne Positionen, die Journalisten äußern. Es geht mehr um den Bereich, der angesprochen wird. Das hinterlässt bei einem Konsumenten Anreize, in eine bestimmte Richtung zu denken – Stichwort: Agenda setting, das „Nachdenken worüber“. Der Konsument denkt über Islam im Kontext von Terrorismus nach. Die Stereotypisierung findet also nicht mehr über verbale Stereotypen statt, sondern über die thematische Selektion.
Der zweite Mechanismus ist die „Bild-Text-Schere“: Texte, in denen es um problematische Themen wie Ehrenmorde geht und dazu dann ein „passendes“ Bild, das gar nicht passt, etwa eine Aufnahme der Kaaba in Mekka. Das ist eine Ikonographie, die ich seit 30 Jahren in deutschen Medien beobachte. Der Kontext zum eigentlichen Thema des Artikels ist dabei teilweise enorm weit weg. Wenn Sie das gesamte Berichterstattungskonglomerat betrachten merken Sie, wie dieser Diskurs eigentlich geprägt ist. Er verändert sich permanent, bleibt aber in den Grundaussagen gleich, nämlich der Verhaftung des hiesigen Islambildes in abstoßenden, Angst machenden und negativen Prägungen. Es gibt immer wieder Ausnahmen, die man in den Medien findet, das will ich nicht ausschließen. Aber der große Trend ist leider immer noch so einseitig.
Ich selbst war mehrere Jahre in der deutschen Islamkonferenz aktiv und habe in dieser Runde versucht, Reformen anzuregen. Ich kann Ihnen nur sagen: deutsche Medienmacher, die Verleger, Chefredakteure – und da rede ich wie gesagt von den großen Medien – sind ganz überwiegend dialogscheu und nicht an Änderungen interessiert. Sie wollen gar nicht in ein Gespräch eintreten, bei dem man sie fragen könnte, wieso sie eigentlich immer die gleiche Art von Geschichten als Aufhänger für ihre Berichte nehmen und nicht einmal ganz andere Themen darstellen. Dabei gibt es so viele Inhalte, die überhaupt nicht gewürdigt werden. Die meisten sehr interessanten Prozesse, über in der Wissenschaft heute nachgedacht wird, tauchen in deutschen Medien gar nicht auf. Die stereotype Prägung blockiert also auch den Informationsfluss in einem ganz erheblichen Maße. Was den deutschen Medien teilweise entgeht, ist oft ganz gravierend. Das muss man so deutlich sagen. Beispielsweise die jüngeren Aufstände im Iran: jeder, der den Iran kennt und sich mit dem Inneren des Landes beschäftigt hat, wusste, dass es seit langem interne Verwerfungen gibt. Darüber fand man in den Medien in den letzten Jahren noch sehr wenig. Man fand viel mehr über die Atomfrage und Ahmadinedschad. Auch das ist eine solche Form der Fixierung.

Ein weiteres Beispiel der Ausblendung wäre der Mord an Marwa al-Sherbini vor einigen Wochen in Dresden. Lange war in der deutschen Öffentlichkeit wenig darüber zu hören, dass hier eine Unschuldige Opfer einer offenbar rassistisch motivierten Tat geworden war. Erst nach Protesten im Ausland wurde man aufmerksam.

Das ist ein wirklich typisches Ereignis, das sich gut erklären lässt. Zunächst war da ein Geschehen, das nicht in das Raster passt: ein rassistischer Mord mit spezifisch islamophobem Hintergrund, der zeigt, dass die eigene Sicht auf den Islam möglicherweise auch „defekt“ sein könnte. Das ist hierzulande noch nicht sehr präsent. Die Fähigkeit der großen deutschen Medien zur Selbstkritik ist sehr unterentwickelt.
Dann passiert so ein Mord. Ich vergleiche das ganz gern mit Deutschland in der Weimarer Zeit, als es auch zahlreiche antisemitischen Äußerungen und Vorfälle gab; eine Menge Zeichen, die man damals nicht erkannt hat oder erkennen wollte.
Der Mordfall al-Sherbini wurde erst ein großes Thema, als in Ägypten Menschen auf die Straße gingen und Flaggen verbrannten. Das passte wieder in das normale Wahrnehmungsraster des Nahen Ostens. Man reagiert quasi erst auf bekannte Nachrichtenwerte und das, was man bisher noch nicht thematisiert hat, nimmt man auch so schnell nicht zur Kenntnis. Es wäre ja anders, wenn ein Jude in Deutschland oder ein Deutscher in Ägypten ermordet wird. Alles, was uns thematisch nahe steht, wozu wir eine gewisse Affinität oder kulturelle Nähe haben – man kann denke ich sagen, der Holocaust ist Teil unserer Kultur geworden – darauf reagieren wir sehr schnell. Da sind die gesellschaftlichen Sensibilitäten sehr groß. In anderen Bereichen sind wir noch nicht so weit.
Der frühere Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, hat vor etwa zehn Jahren in einer Zeitung geschrieben, das heutige Bild der Muslime in Deutschland würde ihn an das alte Bild der Juden im 19. Jahrhundert erinnern. Juden und Muslime haben eine gemeinsame Problematik: sie kommen als Minderheiten in ein Land und im Unterschied zu Griechen oder Italienern sind sie eben keine Christen. Das heißt, ein bestimmtes Assimilationsmerkmal verschwindet auch über mehrere Generationen nicht – es sei denn, sie konvertieren. Sie haben also ein Alleinstellungsmerkmal, das ethnische Minderheiten in der Form nicht haben. Das ist ein gemeinsames Merkmal von Juden und Muslimen, natürlich auch Hindus und anderen nicht-christlichen Gläubigen, die allerdings nicht signifikant als Gruppe in Erscheinung treten. Die drei Millionen Muslime, die in Deutschland leben, sind auffällig und ihnen wird eine gewisse Animosität entgegengebracht, ähnlich wie früher den Juden. Im Falle der Juden wurde das quasi in Deutschland kulturell durchlebt und durchlitten; es bleiben die Muslime.
Nun gibt es eigentlich zwei Strategien damit umzugehen. Einerseits die „klassische“ Strategie des alten Judentums im 19. und frühen 20 Jahrhundert in Deutschland: so assimiliert wie möglich aufzutreten. Je weniger man auffällt, umso weniger bereitet dieses Alleinstellungsmerkmal Probleme. Das ist der Weg, wie viele Juden in Deutschland sehr erfolgreich geworden sind. Das lehnen aber viele Muslime ab, denn es habe ja nichts gebracht. Diese Form von Assimilation führt zwar dazu, dass man eine Zeit lang akzeptiert wird, z. B. indem man Kopftücher ablegt und sich völlig anpasst. Aber die Gefahr besteht eigentlich permanent, da man strukturell eben doch nicht integriert ist, weil es dieses religiöse Merkmal gibt. Darum sind viele junge, „neokonservative“ Muslime heute etwas sperrig: sie treten gerade mit Kopftuch auf und gehen sehr offen, manchmal sogar etwas aggressiv, mit dieser Thematik um. Das ist, wie ich meine, ein stillschweigender Versuch, gesellschaftliche Anerkennung zu finden. Auch mit einem Kopftuch, auch auf einem ostdeutschen Spielplatz.
Die deutsche Gesellschaft ist also noch nicht so weit zu erkennen, dass sie möglicherweise, neben allgemeinem Rassismus – ein Drittel unserer Bevölkerung hat immer latent rassistische Positionen, das ist in anderen Ländern ähnlich – ein spezifisches Problem mit den Muslimen hat. Diese haben heute das größte Potenzial, Feindbilder auf sich zu ziehen. Die Medien sind dabei einer der Konstrukteure. Sie sind nur ein Element in einer längeren gesellschaftlichen Kette und nicht allein verantwortlich, aber es bedarf dringend einer Differenzierung.

Wie sehen mögliche gesellschaftliche Folgen einer derartigen Darstellung des Islam aus? Kann es zu offener Gewalt gegen Muslime oder ihre Glaubenszentren kommen, wie teilweise in den Niederlanden geschehen?

Das ist nach 2001 auch immer wieder passiert; es hat einige Anschläge auf Moscheen gegeben. Auch das ist kaum zur Kenntnis genommen worden. Ich glaube, es gibt so eine Art Rangfolge: Ignatz Bubis hat gesagt, der Ausländer interessiert nicht; es gibt keine Ausländerfeindlichkeit im Allgemeinen. Er fragte dann: „Haben Sie schon mal Feindlichkeit gegenüber Schweizern in Deutschland gesehen?“ Das gibt es nicht. Der Ausländer ist nicht das Problem. Das Problem sind die „Fremden“: alles, was fremd aussieht oder auch religiös andersartig ist, wirkt wie ein Magnet für potenziell gesellschaftlich aktivierbaren Rassismus. Dieses Potenzial ist natürlich milieu- und krisenabhängig: wenn morgen ein Terrorattentat von einer sehr begrenzten Gruppe von Islamisten verübt würde, dann kann das möglicherweise Trittbrettfahrerphänomene nach sich ziehen, die auch zu Gewalt führen.
Man sollte nicht sagen derartiges muss unbedingt in den nächsten Jahren passieren. Ich nehme noch einmal das Beispiel des alten Judentums: auch das hat über Jahrzehnte ganz gut mit der Mehrheitsgesellschaft koexistiert. So etwas kann lange gut gehen, aber auch plötzlich kippen. Deswegen sagen viele junge Muslime: die deutsche Gesellschaft muss uns mittlerweile wirklich als Teil ihrer Kultur begreifen. Sie fordern ihren Anteil: an den Curricula, an der Repräsentation im Journalismus usw. Das ist eine eher kämpferische und deswegen auch sehr kontroverse und schwierige Angelegenheit, die uns da bevorsteht.
Minderheiten in jedem Land der Welt, wenn sie ausgeblendet werden oder man ihnen gegenüber auf Dauer eine gewisse Abneigung pflegt, können unter Umständen immer wieder in Gefahr kommen. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber für die mittlerweile 20 Millionen Muslime in Europa müssen wir ein Stück Akzeptanz und Normalität in der Bevölkerung schaffen. Natürlich müssen Muslime auch ihren Teil dazu beitragen. Aber sie haben oft auch nicht die Mittel, um sich so darzustellen, wie es erforderlich wäre.

Welche Reaktionen auf die hiesige Berichterstattung lassen sich von Seiten der Muslime in anderen Ländern feststellen?

Bei den Karikatur-Streits war man natürlich ziemlich ungehalten angesichts dieser Wahrnehmung von Muslimen. Ich würde das aber nicht überbetonen wollen. In der Regel kümmert den durchschnittlichen Bewohner eines arabischen Landes nicht, was in Deutschland geschrieben und berichtet wird. Ich glaube auch nicht, dass die Globalisierung so weit fortgeschritten ist.
Solche Skandale werden auch in der islamischen Welt aufgebauscht. Die Karikaturenkrise beispielsweise: dort, wo es Aufstände gab, z.B. in Indonesien, waren es vielleicht etwa 200 Leute, die Fahnen verbrannt haben. Hier hatte man damals das Gefühl, dort seien riesige Massen unterwegs. Das sind aber zum Teil auch Inszenierungen von islamistischen Organisationen, die so etwas dann für sich nutzen. Auch dort gibt es natürlich Leute, die an Feindbildern interessiert sind. Auch Ahmadinedschad ist an Feindbildern interessiert. Solche Hardliner gibt es überall auf der Welt.
Ich war z.B. kurz nach dem Karikaturenstreit in Ägypten und habe festgestellt, dass die Kontroverse dort fast niemanden interessiert hat. Darin würde ich also nicht das Hauptproblem sehen. Das Hauptproblem ist eher ein innenpolitisches: dass wir hier in Deutschland koexistieren müssen. Es gibt hierzulande 80 Millionen Deutsche und mittlerweile drei Millionen Muslime. Die müssen miteinander klarkommen und dafür sehe ich in den Medien nicht unbedingt besondere Fortschritte.
Möglicherweise braucht es erst das, was in der Medienwissenschaft als paradoxe Intervention bezeichnet wird. Es gibt Ereignisse oder Personen, die sehr schnell Dinge ändern können. Ein Beispiel aus der Nahostberichterstattung war Anwar as-Sadat, der frühere ägyptische Präsident. Sein erster Besuch in Jerusalem hat ein unglaublich positives Echo erzeugt, weil man damit nicht gerechnet hatte. Er war auch sehr geschickt im Umgang mit den Medien und plötzlich hatten die Araber, die vorher eine ganz fürchterlich schlechte Presse in Deutschland gehabt hatten, eine sehr viel positivere. Es ist also durchaus möglich, dass – wenn es mal ein großes, positives Event gibt – Stimmungen auch zum Besseren beeinflusst werden können. Kürzlich gab es eine große Demonstration im Köln-Bonner Raum gegen diese Antiislampartei „Pro Köln“. Auch das sind wichtige Signale, weil sie aus der Gesellschaft heraus kommen und die erkennbaren Defizite, die auch beim Rezipienten noch vorhanden sind, auszugleichen in der Lage sind. Aus zwei Gründen: die Medien kommen an ihnen nicht vorbei. Wenn so eine große Demonstration stattfindet, müssen die Medien darüber berichten. Und zweitens kommt es aus der Gesellschaft heraus und kann vielleicht gewisse Lerneffekte erzeugen.
Es können sich immer Dinge zum Positiven ändern. Im Moment erkenne ich davon noch nicht viel in den Massenmedien, aber wir wollen hoffen, dass es irgendwann doch eine aufklärerische Tendenz geben wird, auch mit Hilfe der hier lebenden Muslime.

Sie haben schon mehrmals das Wort „Feindbild“ gebraucht. Kann man den Islam als den Nachfolger des „Feindbildes Kommunismus“ für den Westen bezeichnen?

Ja und nein. Solche Vergleiche sind schwierig. Ich denke, der Islam gehört sicherlich zu den größten politisch nutzbaren Feindbildern. Es hat immer wieder Zusammenhänge gegeben, in denen das auch geschehen ist – die Golfkriege, der War on Terror, der ja letztlich auch ein außenpolitisches Leitbild geworden ist – um politisch zu agieren. In diesen Bereichen stimmt es schon, dass eine sehr undifferenzierte Islamwahrnehmung in gewisser Weise dazu beigetragen hat, das politische Handeln im Nahen Osten zu befördern. Ich glaube, die Menschen wissen viel zu wenig über das Verhältnis von Islam und Terrorismus, kennen die Größenordnungen nicht. Ich würde behaupten –  und das sagen auch viele Gewaltforscher – wenn Sie statistische Werte betrachten, ist der islamistische Terrorismus eigentlich gar kein so riesiges Problem. Es gibt ganz andere Faktoren auf der Welt, wodurch wesentlich mehr Menschen sterben.
Ich denke schon, dass man diesen „Slogan“ des islamistischen Terrorismus in den 1990er-Jahren und im jüngsten Jahrzehnt sehr schnell in den Mund genommen hat und damit auch Politik betrieben worden ist. Übrigens sehr selektiv: Politiker nutzen diese Feindbilder immer dann, wenn sie ihnen nützen, sonst können sie auch ganz anders. Das ist der Feindbildforschung auch bekannt. In einer Gesellschaft sind Feindbilder häufig als kultureller Bestandteil vorhanden und werden von der Politik nur teilweise aktiviert. Dieser Teil der Gleichung stimmt also nach meiner Einschätzung: es ist ein politisch nutzbares Feindbild.
Auf der anderen Seite ist das Feindbild Islam nicht identisch mit dem alten Feindbild des Kalten Krieges, aus einer Reihe von Gründen. Erstens ist die islamische Welt nicht so ein Konstrukt wie die Sowjetunion war, sondern besteht aus vielen unterschiedlichen Ländern, ist also keine geopolitische Größe, gegen die man kämpft. Zweitens hat dieses Bild auch gewisse andere Prägungen. Das Feindbild Islam hat eben bestimmte Anteile eines modernen Rassismus: viele Annahmen über Muslime und die Minderwertigkeit ihrer Religion und Kultur, die es in dieser Form beim Feindbild Kommunismus nicht gegeben hat. Das Feindbild Kommunismus war eines, welches das Gegenüber nicht minimierte,  sondern maximierte. Die SU wurde eher als technokratischer Gegenpol empfunden. Da hat sich durchaus etwas verändert. Das Feindbild Islam knüpft eher an ältere Bilder an: Oswald Sprenglers „Untergang des Abendlandes“, Huntingtons „Clash of Civilizations“, Kulturkreismodelle usw. Das sind Dinge, die wir lange vergessen hatten und auf die wir heute wieder zurückgreifen, um uns die Welt zu erklären, während dieses Feindbild Kommunismus eine andere Art von Gegenbild war: ein moderner Gegner. Der neue Gegner ist eine seltsame Mischung aus archaisch und modern. Es gibt also Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zwischen den Feindbildern.

Wo wir gerade bei der zeitlichen Rückschau sind: war das Islambild in Deutschland vor dem 11. September 2001 ein grundlegend anderes?

Nein, überhaupt nicht. 2001 war keine zentrale Zäsur in der Islamwahrnehmung. Wer so etwas behauptet, muss sehr jung sein (lacht). Viele behaupten das, aber all die Dinge, die wir gerade diskutiert haben, sind seit langem in den deutschen Medien zu beobachten. Man kann sagen, das Erweckungsmoment war die iranische Revolution Ende der 70er. Vorher war der Islam für deutsche Medien völlig uninteressant. Darüber hat man einmal im Jahr zum Ramadan berichtet und im Rahmen der Nahostberichterstattung. Kaum gab es aber diese neuen islamischen Bewegungen, die mit der iranischen Revolution zum ersten Mal die Weltbühne erklommen, schon war das ein großes Thema. Die Politisierung des Islambildes nahm enorm zu und seitdem ist das, wie ich es empfinde und zum Teil auch persönlich erlebt habe, eine sehr kontinuierliche Agenda. Die Rushdie-Affäre Ende der 80er, die Schimmel-Kontroverse, all diese Dinge hatten wir ja schon längst. Das hatte mit dem 11. September noch gar nichts zu tun.
Zwei Kolleginnen haben bereits Anfang der 90er ein Buch über Peter Scholl-Latours Islambild geschrieben: „Das Schwert des Experten“. Zehn Jahre vor 9/11 haben wir diese Dinge schon diskutiert und bemerkt. 2001 hat sicherlich diese Terrorismus-Thematik noch etwas zugespitzt, aber auch diese ist wesentlich älter. Die islamophobe Grundtendenz der Medien gibt es also seit der iranischen Revolution und 9/11 war eher eine Variante innerhalb dieser größeren Strömung.

Kann oder muss die Politik angesichts solcher andauernder Schieflagen nicht reagieren?

Das tut sie ja, z. B. mit der Islamkonferenz. Wolfgang Schäuble hat das, was ich ihnen gesagt habe, im Grunde in seiner Rede auf der Islamkonferenz alles selbst angeführt. In der Publikation des Innenministeriums steht das ja auch.
Innenpoltisch hat Schäuble sich in den letzten Jahren sehr bemüht. Das sagen auch viele Muslime. Sein Vorgänger Schily hat sich mit diesem Thema überhaupt nicht auseinandergesetzt, was viele sehr enttäuscht hat. Ausgerechnet ein CDU-Innenminister ist der erste, der zur Anerkennung des Islam und zur Korrektur des Medien- und Öffentlichkeitsbildes des Islam aufruft. Das hat viele verwundert, weil die Konservativen auf der anderen Seite sehr viel weitergehen bei ihren Forderungen nach Integration und Anpassung, Stichwort „Leitkultur“. Das ist ja nicht gerade ein liberaler Ansatz, der da bis jetzt gepflegt wurde. Aber man muss sich in den letzten Jahren ziemlich wundern, dass bei der Frage Islam die „Lager“ völlig neu geordnet werden. Einen ganz guten Job machen die Grünen und die CDU, relativ gleichgültig sind weite Teile der SPD und die Linken machen da zum Teil einen ganz fürchterlichen Job. Ehemals Linke, auch Feministinnen wie Alice Schwarzer und solche Leute, gehören zu der, man muss schon fast sagen: Speerspitze ehemals linker Islamophobie. Frau Schwarzer hat z.B. einmal wörtlich gesagt, der Islam würde das deutsche Recht unterwandern. Ähnliches hat man früher über Juden gesagt.
Die Politik, in diesem Fall die CDU, hat sich da doch sehr Mühe gegeben, aber auch die Grünen haben sich stark gewandelt. Ich erinnere mich an Zeiten in den 90ern, als man von Seiten der Grünen gerade wegen des Feminismus mit dem Islam nichts zu tun haben wollte. Das hat sich geändert.
Leider sind Politiker selbstverständlich auch Machtmenschen. Ich habe von Schäuble immer wieder sehr irritierende Äußerungen gehört, wenn er etwa sehr verallgemeinernd sagte, die deutschen Konvertiten seien ein potenzieller Gefahrenherd. Das ist natürlich schon wieder der Anfang einer neuen Stigmatisierung: jeder, der zum Islam übertritt, muss ja wohl eine Art „Borderline-Charakter“ sein. Das ärgert dann viele Muslime.
Daran sehen Sie, dass solche Bildkonstrukte natürlich von Politikern auch funktionalisiert werden, je nach Kontext: mal nutzt man sie im Außenpoltischen, mal möchte man sie liberalisieren im Innenpolitischen; das ist eine sehr instabile Geschichte. Also, wenn wir auf die Politiker alleine warten, kommen wir meiner Meinung nach nicht weiter.
Hier muss eine gesamtgesellschaftliche stärkere Akzeptanz her, mehr Kenntnis, mehr Wissen und bessere Integration. Wir müssen dabei alle wesentlich mehr übereinander lernen. Wir sind einfach noch viel zu ethnozentrisch und wissen über diese sog. islamische Welt zu wenig. Wir machen uns und lassen uns mit Hilfe der Medien sehr reduzierte Vorstellungen machen, die auch Ängste produzieren. Es gibt demoskopische Umfragen, die zeigen: 70 bis 80 Prozent der Deutschen haben annähernd Angst vor dem Islam. Das darf und muss eigentlich nicht sein. Man kann Angst vor Terroristen haben, aber nicht vor „den“ Muslimen. Die meisten davon sind vielleicht in Deutschland am unteren Ende der sozialen Leiter, aber nicht gefährlicher als Sie oder ich.
Wie ein Komödiant kürzlich sagte: den islamischen „Ehrenmord“ gibt es bei uns andauernd – das heißt dann Familientragödie. Manchmal ist einfach die Frage, wie man auf die Dinge blickt. Die Normalität unserer Gesellschaft ist nicht gewaltfrei, insofern wird es auch unter den Muslimen immer wieder Gewalttäter geben, wie in jeder Gesellschaft. Aber das heißt nicht, dass Muslime per se gefährlicher sind. Wenn es in Gebieten wie Afghanistan mehr Gewalt gibt, kommt das daher, dass die Staaten und politischen Prozesse nicht funktionieren, auch durch westliches Mitwirken übrigens. Es hat mit der Religion oder deren Angehörigen nichts zu tun. Aber die Menschen hier haben Angst – und das kann man ihnen auch kaum vorwerfen. Wenn Sie sich etwa die Titelgeschichten des SPIEGEL in den letzten Jahren anschauen, wird einem regelrecht übel: schwarze Ikonographie etc. Wer da keine Angst hat, der ist schon fast dumm. Ich glaube, die Medien tragen erheblich dazu bei und das Ganze ist eine ungute Mischung aus wenigen, gut meinenden Mahnern einerseits und auf der anderen Seite vielen Leuten, die gern in altbekannte Kerben hauen und jeden Anlass nutzen, um Muslime zu stigmatisieren. Irgendein durchgeknallter Bruder ermordet seine Schwester – das hat übrigens mit dem Islam verdammt wenig zu tun, sondern eher mit traditionellen Gepflogenheiten in den Herkunftsländern, dass sich Brüder als Schutzpatrone aufspielen. Das wird immer wieder zum Anlass für pauschalisierende Annahmen genommen, was sehr traurig ist, denn es gibt unzählige Beispiele für muslimische Familien, in denen das ganz anders läuft.
Das ist vielen hier nicht klar. Angst entwickelt man ja in Situationen, in denen der Kontakt nicht stimmt – die sogenannte Kontakthypothese. Wenn ich mir also von einem distanten Geschehen eine Vorstellung mache. Das kann beispielsweise auch der Muslim sein, der auf der Straße an mir vorbeigeht. Im Grunde bleibt die Distanz aufrecht. Ich mache mir Bilder und Vorstellungen davon, wie derjenige lebt, habe aber eigentlich keinen wirklichen Kontakt. Auch die Dönerbude ist kein Ersatz dafür.
Ich glaube, dass die meisten Menschen in Deutschland diese Distanz zu Muslimen haben, weil sie schlichtweg keine kennen. Diese Distanz zu überwinden ist nicht einfach. Ich nehme als Beispiel Ostdeutschland: dort haben Sie einen Ausländeranteil von durchschnittlich 1,3 Prozent. Da gibt es kaum Muslime. Die Menschen kompensieren ihre mangelnde eigene Alltagserfahrung, die ihnen mehr nützen würde als alles andere, durch Medien. Da setzt die Verantwortung der Medien ein.
Ich habe nie dafür plädiert Probleme zu verschweigen. Mir wird von Medienvertretern oft vorgeworfen, ich würde versuchen zu verharmlosen, ein weich gespültes Islambild darstellen – mit Nichten! Wenn ich nach Ägypten oder woandershin fahre, bin ich der erste Kritiker  schlechter Verhältnisse. Aber man muss die Proportionen wahren! Gewalt, Terrorismus und Unmenschlichkeit sind nicht das dominante Geschehen für die hier lebenden Muslime. Die führen ihr Alltagsdasein, führen ihre Familien und haben ähnliche Probleme wie Sie und ich. Das sollte man als Medienmacher tunlichst nicht vergessen, sonst kreiert man einen Popanz.
Edward Said hat in seinem berühmten Buch „Orientalism“ geschrieben, über den Islam könne man im Westen eigentlich immer noch fast alles sagen. Man kann ihn mit jeder Unmenschlichkeit koppelt, was mit vielen anderen Weltreligionen so heute nicht mehr denkbar wäre. Ich glaube nicht, dass man sich damit auf Dauer einen Gefallen tut. Im Grunde haben wir auch mit unseren modernen Massenmedien die alten Orient-Okzident-Vorstellungen nicht aufbrechen können. Diese historische Konfiguration hat ja auch viele Jahrhunderte gewirkt in Europa: die Türken vor Wien, die Reconquista etc. Sie ist so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass auch die modernen Massenmedien nicht in der Lage waren, sie aufzubrechen.
Vieles davon gilt in spiegelverkehrter Weise auch für die islamische Welt. Dort pflegt man zum Teil ebenfalls gern Vorstellungen des Westens, die annähernd Feindbilder sind. Und auch dort funktioniert das häufig recht gut, aber nicht so gut wie bei uns, aus einen ganz simplen Grund: man orientiert sich in vielerlei Hinsicht am Westen – man weiß mehr über uns, als wir über sie wissen. Dennoch klappt diese Stereotypie zum Teil auch dort.
Diese gefährlichen, politisch nutzbaren, kulturellen Stereotype aufzubrechen ist eine der Herausforderungen in Zeiten der Globalisierung. Ich glaube nicht, dass uns das bis jetzt gelungen ist, trotz aller Globalität. Unsere Informationen und auch unsere Weltbilder kommen mit diesen forcierten Handels- und Politikverflechtungen nicht mit. Wenn wir z.B. in unserer ganzen Schullaufbahn kaum etwas lernen über den Nahen Osten. Wem ist es hier schon bekannt, dass es in Istanbul im Bereich der Sozialwissenschaften z.T. einen wesentlich höheren Frauenanteil bei den Professorinnen gibt als bei uns oder dass es in der arabischen Welt die ersten Staatschefinnen bereits vor über 15 Jahren gab? Indonesien, das größte islamische Land, ist von einer Frau regiert worden!
All das muss in eine wesentlich größere Aufgeklärtheit münden, damit wir im Zeitalter der Globalisierung mit unseren Weltbildern endlich einen Schritt weiter kommen. Ob das klappen wird, wage ich zu bezweifeln; ich hoffe da auf eine Politik der kleinen Schritte. Gewisse Verbesserungen sieht man ja auch in den Medien.

Sie sprachen von einer Art gesamtgesellschaftlicher Verantwortung im Umgang mit dem Islambild. Autoren wie Udo Ulfkotte gießen allerdings mit Büchern wie „SOS Abendland“ und „Der Krieg in unseren Städten“ kräftig Öl ins Feuer. Wo liegt da die Verantwortung der Wissenschaft?

Es gibt einige studierte Islamwissenschaftler, die dann zu solchen „Pseudoexperten“ geworden sind. Ulfkotte – er war früher Journalist bei der FAZ – besitzt aus meiner Sicht keinerlei Anerkennung innerhalb der wissenschaftlichen Community. Er verkauft auf den populären Buchmärkten. Ich würde das deshalb nicht unter Verantwortung der Wissenschaft subsumieren. Bücher schreiben heißt ja nicht, dass jemand Wissenschaft betreibt. Aber in einem anderen Zusammenhang ist das interessant; ich nenne dieses Phänomen ganz gern „public intellectuals“, also jemand, der eigentlich nicht Wissenschaftler ist, aber so tut, als wäre er Experte. Die Bevölkerung merkt das nicht. Der Leser kann die Zusammenhänge und dargebrachten „Fakten“ nicht immer überprüfen.
Eines der Hauptprobleme ist, dass es eine Menge Pseudoexperten gibt, deren Echo in den Medien viel größer ist als das der meisten gestandenen Wissenschaftler. Sie bringen die Dinge plakativ und einfach auf den Punkt, fassen sie sprachlich angenehm und leicht lesbar zusammen – mit dieser Mischung packen sie sowohl die Medien als auch viele Rezipienten. Auch das ist leider eine Problematik von Mediengesellschaften: nicht Wissenschaft wird bekannt, sondern das, was Medien als Wissenschaft einstufen. Vielen Massenmedien gelingt einfach die durchaus notwendige Reduktion intellektueller Expertise nicht. So landet dann stattdessen über die „public intellectuals“ alles Mögliche in der Öffentlichkeit, bei dem sich teilweise die Nackenhaare sträuben. Irgendein Mensch, der sich Experte nennt, reicht den Massenmedien dann häufig schon völlig aus. Es gibt natürlich auch da Unterschiede, aber generell ist leider nicht jeder, der sich Experte nennt, auch anerkannter Experte ist, findet aber dennoch mindestens so viel Gehör in den Medien wie ein Wissenschaftler – oder sogar noch mehr.
Das Hauptproblem ist meines Erachtens aber die sehr einseitige, extremistische Wahrnehmung der gesellschaftlichen Mitte. Die Pauschalisierung des Islambildes von Seiten der großen Medien und der gesellschaftlichen Mitte ist Wasser auf die Mühle von Leuten wie Ulfkotte und die Radikalen dieser Gesellschaft.
Es gibt aber auch immer mehr Gruppierungen und Netzwerke in unserer Gesellschaft, die sich nicht nur gegen rechtsradikale, sondern auch gegen islamophobe Strömungen zur Wehr setzen. Teile unserer Gesellschaft sind offenbar weiter als Teile unserer Medien. Der Radiobereich schlägt sich beispielsweise gar nicht so schlecht. Auch der Buchmarkt ist anders zu charakterisieren. Die entscheidende Frage ist der Transfer dieses Wissens in die Medien.

Herr Hafez, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Frank.

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Prof. Dr. Kai Hafez hat seit 2003 den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Mediensystemen an der Universität Erfurt inne. Zudem hat er eine Lehrbefugnis für Politikwissenschaft. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Auslandsberichterstattung, Medien im Nahen Osten, Medien und Einwanderung sowie Politischer Islam und Naher Osten. Er war Mitglied in zahlreichen Beratungs- und Forschungsgremien, u.a. in der Deutschen Islamkonferenz des Bundesinnenministeriums und in der Konferenz „Medienethik im islamisch-westlichen Kontext“ beim deutschen Bundespräsidenten.

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