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Zweitausend Jahre Kulturgeschichte in den Händen

15 Dezember 2020 No Comment

Foto von Luriko Yamaguchi von Pexels

Von Bäumen und Büchern, von digitalen und analogen Buchstaben und der Geschichte einer der größten kulturellen Errungenschaften aller Zeiten.von Thomas Honegger

Wer heute noch ein Buch in Papierform liest, hat beinahe zweitausend Jahre Kultur- und Technologiegeschichte in der Hand. Und obwohl die Erfindung des Papiers ihren Ursprung um die Zeitenwende in China hatte, ist das Vokabular, das wir für die Buchproduktion verwenden, europäisch geprägt. So wird das Wort ‚Buch‘ selbst mit dem Namen des Baumes ‚Buche‘ (germ. *bôkôs) in Verbindung gebracht, der in den ältesten germanischen Sprachstufen gleichlautend mit der Bezeichnung für ‚Buch‘ ist (ahd. buoh, aengl. bôc, got. bôka < germ. *bôks). Laut dieser Theorie sollen die ersten ‚Protobücher‘ im germanischen Kulturkreis aus Baumrindenstreifen bestanden haben. Als weiterer Beleg für den hölzernen Ursprung des Buchs (im weitesten Sinne des Wortes) bei den Germanen wird auch die bei Tacitus (Germania, Kapitel 10) erwähnte Praktik des Losorakels angeführt. Der römische Autor beschreibt, wie die Germanen Holzstückchen, auf denen Schriftzeichen –wahrscheinlich Runen – eingeritzt waren, als Orakel benutzen und somit Schrift und Holzstück verknüpfen. Was immer der Wahrheitsgehalt dieser These sein mag, die Verbindung zwischen Buch und Baum beim lateinischen ‚Kodex‘ kann als gesichert gelten. Das lateinische Wort codex bedeutete ursprünglich einfach ‚gespaltenes Holz‘ und wurde dann auch für die Zusammenstellung von einzelnen Schreibtäfelchen (aus gespaltenem Holz) verwendet – woraus sich dann unser Kodex im Sinne einer Gesetzestextsammlung ableitete. Auch das meistverwendete Schreibmaterial der Antike war pflanzlichen Ursprungs: der Papyrus wurde aus den Fasern der gleichnamigen Staude hergestellt und weist ähnliche Eigenschaften wie das spätere Papier auf, das von ihm auch gleich den Namen übernahm.

Die auf pflanzlichen Rohstoffen basierte Buchproduktion erlebte durch den Siegeszug des aus Tierhäuten hergestellten Pergaments im europäischen Mittelalter einen Rückschlag. Erst mit der Übernahme der Papierherstellung aus dem islamischen Kulturkreis fand man wieder zu den pflanzlichen Fasern zurück. Hauptbestandteil für das neue Material waren Stofflumpen, d.h. abgetragene Kleidungsstücke, die zum größten Teil aus Leinen (Flachs) hergestellt wurden. Damit hatten die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Papierbücher im eigentlichen Sinne des Wortes eine ‚textile‘ Grundlage. Der Begriff für den gedruckten oder handschriftlichen Text selbst geht auf die gleiche Wurzel zurück. ‚Text‘ ist vom lateinischen textus ‚Gewebe, Geflecht‘ abgeleitet und bezeichnet das Geflecht der Worte auf einer Seite. Somit könnte man sagen, dass die Frühdrucke in jeder Hinsicht ‚textile Gesamtkunstwerke‘ waren. Erst im 18. und 19. Jahrhundert kamen die auch heute noch verwendeten Holzfasern zum Einsatz – womit sich der Kreis von Baum und Buch wieder schließt.

Hat die vielgenannte Digitalisierung dem nun ein Ende gesetzt? Ich nehme an, dass viele diesen Text nicht mehr auf Papier gedruckt lesen, sondern auf ihrem Handy oder Tablett. Aber selbst in einem solchen hochtechnisierten Umfeld bewahrt die Sprache die Erinnerung an die ursprüngliche Materialität. So verweist das Wort ‚Tablett‘ zurück auf die mit Wachs überzogenen Schreibtäfelchen aus Holz, die in der Antike und auch im Mittelalter verwendet wurden – selbst wenn wir unsere Tabletts nicht mehr zu Kodizes zusammenbinden.

Den Weg von den pflanzlichen und textilen Anfängen bis hin zur digitalen Realität der Bücher beschreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena.

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