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You are sick in your brain – Der Irak-Krieg in den Medien

12 Mai 2003 827 views No Comment

In einer Zeitung kritisch über die Medien von heute zu berichten ist genauso, als würde man sich ins eigene Knie schießen. Da uns aber dieser riesige Apparat schon mit jeder weiteren Sendeminute unterschwellig dem Suizid nahe bringt, sehe ich mich hier mehr in der “Opferrolle” anstatt auf der Seite des Anklägers. Dies ist also so etwas wie ein Klagelied. Da aber das Wetter schöner wird und bald Sommer und überhaupt alles besser ist, möchte ich nicht jammern sondern mich kurz fassen, um meine Lieblings-Seifenoper nicht zu verpassen. Jedoch ließ mich die Berichterstattung während des zweiten Irak-Krieges dramatische Schritte gehen.
Alles fing mit der “Befreiung” des von Hussein geleiteten Staates durch unsere amerikanischen Freunde an. Ich saß vor meinem Fernseher und starrte machtlos in die Röhre. Ich konnte nichts tun. Meine Fernbedienung war schon zu Zeiten von George Bush Senior, während des ersten Irak-Krieges, verloren gegangen. Jedesmal musste ich zum Umschalten aufstehen. ARD und ZDF sendeten sowieso das Gleiche (den Himmel über Bagdad aus verschiedenen Kameraeinstellungen). Der MDR hatte noch keine Bilder vorliegen, aber kurz darauf erkannte ich auf meinem 20 mal 30 Zentimeter großen Bildschirm ein kleines Fenster neben dem Moderator welches was zeigte? Genau. Den Himmel über Bagdad. Wow! Hin und wieder aufleuchtende Blitze seien Raketeneinschläge, aber nichts Genaues wusste man. Die “Space Night” auf Bayern alpha zeigt normalerweise ähnliche Bilder, nur nicht durch ein Nachtsichtgerät.
Täglich kam der Krieg immer mehr ins Rollen (nach amerikanischen Angaben) und die Vorstöße der GI’s immer mehr ins Stoppen (laut dem irakischen Informationsminister). Jede Minute wurde berichtet. Jedes Wort eines Korrespondenten, der sich südlich der Türkei aufhielt wurde live gesendet und das stündlich. Kurz gesagt: Ich hatte nach zwei Tagen die Schnauze voll. Nicht das mich das Ganze nicht interessierte. Im Gegenteil. Aber mir reichten ein oder zwei Nachrichtensendungen am Tag völlig aus, um mir aus der Vielzahl von Fehlmeldungen, Prognosen und Vermutungen das heraus zu filtern, was ich für richtig hielt, denn darum ging es jawohl für jeden Einzelnen. Das war das eigentlich Interessante.
Aufgrund meiner zunehmenden Depressionen durch das mehr als ausreichende Kriegs-TV, fasste ich letztendlich den Entschluss meine Zimmerantenne im Regal verstauben und meinen Fernseher freischalten zu lassen. Nach nur drei weiteren Tagen war ich stolzer Konsument jeglicher kostenfreier Privatsender. Endlich konnte ich nachts wieder lächelnd einschlafen. Ich konsumierte alles. Alles außer den sich schon merklich gelegten Berichten über die “Befreiung der arabischen Welt”, wie es jetzt schon hieß. Das Leben hatte wieder einen Sinn. Der Krieg konnte nicht aufgehalten werden, aber Friedensproteste jeglicher Art setzten Zeichen, besonders diejenigen in Südamerika, welche blutig endeten. Dafür überzeugten mich von ihrer politischen Meinung die ‘zig tausend Schulkinder, die lachend “Peace”-Fähnchen zu der Zeit schwenkten, in der sie eigentlich pauken müssten.
In den USA hingegen steigerte sich die Kriegsbegeisterung durch das vom Pentagon gegründete “Office of Strategic Influence”, einer Propaganda-Einheit, welche durch Desinformation auch die letzten Friedenspfeifen der “Neuen Welt” patriotisch auf den Kriegspfad bringen sollte. So wurde Saddam Hussein angeklagt, John F. Kennedy, James Dean, Marilyn Monroe und Martin Luther King Jr., gemeinsam mit seinem besten Freund Osama bin Laden, um die Ecke gebracht zu haben. Bei solchen Feinden kann Amerika froh, dass der Bush-Befürworter Arnold Schwarzenegger in diesem Jahr zum zweiten Mal als Terminator “back” ist.
Nach mehreren Wochen der Ungewissheit, Bildern von getöteten Zivilisten und Gefangenen, setzten sich die Amerikaner aber nach und nach durch. Bagdad wurde eingenommen. Ein Riesendenkmal des Diktators wurde theatralisch niedergerissen, das irakische Volk feierte seine Befreiung und das neue Chaos mit Plünderungen. Von Saddam Hussein oder Osama bin Laden indes weiterhin keine Spur. Nicht mal der irakische Informationsminister mit seinen flammenden Erzählungen vom nationalen Widerstand und der Abweisung jeglicher Kritik (frei nach Harald Schmidt: “You are sick in your brain.”) war zu finden. Jedoch wurden täglich neue Mitarbeiter aus Saddams Stab verhaftet die mit Sicherheit Informationen über den Aufenthalt des irakischen Übervaters geben könnten. Kurz gesagt: Es hatte sich “ausberichtet”.
Die Korrespondenten aus dem Irak fanden sich nicht mehr an der Spitze der Nachrichten, maximal in der Mitte, kurz vor dem Sport und Wetter. Wenn überhaupt. Durch die Schnelllebigkeit unserer (Medien-) Gesellschaft richtete sich das Interesse, also wenig später wie es bei mir der Fall war, auf neue Themen. Ostern, zum Beispiel. Und das ist gut so.

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