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Die Unvermeidlichkeit des Weltunbehagens

8 Oktober 2014 No Comment

Ein resignierter Geisteswissenschaftler lässt sich durch Frankfurt treiben: Wilhelm Genazino liefert in seinem neuen Roman Bei Regen im Saal eine weitere Variation seines literarischen Universums.

von David

Man stelle sich einen späten Samstagmorgen vor. Keine Lust auf Verabredung zum Mittagessen in einem Imbiss, keine Lust auf den lästigen Pflichttermin mit Partner/Partnerin oder Freundeskreis, erst recht nicht auf ein Essen mit Schwiegereltern oder auf den mühseligen Wochenend-Großeinkauf. Deshalb Spazierengehen – und während man nichts Böses im Kopf hat, sich vielleicht fragt, wo man in Ruhe essen könnte, steht plötzlich eine alte Schul- oder Studiumbekanntschaft vor der Nase, mit der man dann ein Smalltalk-ähnliches Gespräch über die Bühne krampfen muss, weil es sich so irgendwie gehört. Diese Unvermeidlichkeit der Samstagmittag-Tristesse (jeder andere Wochentag tut es übrigens auch – aber der Samstag spitzt dieses Gefühl zu): Das ist die Essenz von Wilhelm Genazinos neuestem Roman Bei Regen im Saal.
Nun ist dieses Gefühl der Unvermeidlichkeit nicht gerade etwas Bahnbrechendes in einem Roman des Autors, der schon in den späten 1970er Jahren mit der Abschaffel-Trilogie eine ganz eigene literarische Welt geschaffen hatte, die er in jedem weiteren Werk stets neu variiert. Bei Genazino geht es nie um Handlung, oder um Spannung, oder um das Steckenpferd jener Leser, die auch Begriffe wie „Tiefgründigkeit“ und „gesellschaftskritisch“ nutzen, nämlich Charakterentwicklung: Genazino weiß um die Behäbigkeit der Persönlichkeitsentwicklung; und wie sollten charakterliche Umbrüche innerhalb weniger Monate bzw. 150 Romanseiten erkennbar stattfinden? Es geht immer mehr um ein Lebensgefühl. Eines, das von einem Kreislauf leiser Langeweile und wiederkehrender Routine geprägt ist, und von der Unfähigkeit, wohl auch dem Unwillen, aus diesem auszubrechen. Das Genazino-‚Feeling‘ hat auch Bei Regen im Saal voll im Griff, und wieder beweist sich, dass dieses gelangweilte, passive, resignierte Lebensgefühl kaum jemand so eloquent und charmant ausdrücken kann wie ein Genazino durch seinen Protagonisten hindurch. Dieser ist, wie so oft beim Wahlfrankfurter, ein altmodischer Tagträumer, gestrandet in der Postmoderne.
Die ‚Handlung‘ ist auch hier eher Beiwerk: Ein promovierter Philosoph um die 40, der etwas zu oft an seine Mutter und an ihre Brüste denkt, arbeitet sich von Hilfsnebenjob zu Hilfsnebenjob (mal Barkeeper, mal Hotelrezeptionist). Schließlich wird er Redakteur eines Provinz-Anzeigenblättchens, während die Beziehung mit seiner Freundin Sonja, einer aufstiegsorientierten Angestellten beim Finanzamt, aufgrund seines Hangs zum Tagträumen immer mehr in eine Krise schlittert. „Ich neigte nicht einmal dazu, mich wenigstens mit überwundenen Problemen auseinanderzusetzen, weswegen ich von Sonja zuweilen kritisiert wurde. Man sollte nicht glauben, sagte sie öfter, dass du Philosophie studiert hast! Leute wie du haben doch gelernt, sich Konflikte näher anzuschauen, oder nicht? Ich gab ihr meistens recht, fügte aber hinzu, dass der Mensch auch das, was er gelernt hat, mit der Zeit langweilig findet.“ Der Protagonist und Ich-Erzähler (der Name ist unwichtig und taucht eh erst im letzten Viertel einmal auf) steht neben allem, handelt kaum, beobachtet viel und zieht – manchmal – wenig erhebende Schlüsse: „Zwischendurch war ich dankbar, dass mich mein gewöhnliches inneres Armutsgehabe immer öfter in Ruhe ließ. Zwei Tage später freute ich mich, dass ich im Schaufenster einer Bäckerei anstelle von Vollkorn-Toast Vollkommener Trost las.“
Das klingt düster, fast schon nach Weltschmerz. Aber im Grunde leiden Genazino-Helden eher an Weltunbehagen –  zum Beispiel daran, dass heutzutage keine Radioersatzteile mehr einzeln gekauft werden können, sondern bei Radiopannen nur noch ein Neukauf hilft. Das meint der Protagonist nicht als Kulturpessimismus (obwohl dies bisweilen mitschwingt) oder Zivilisationskritik, sondern als Unzufriedenheit darüber, dass seine alten Gewohnheiten verschütt gehen müssen – die Unvermeidlichkeit eben, dass sich die Welt ändert, während man gleich bleibt.

Wilhelm Genazino:
Bei Regen im Saal
Hanser Verlag 2014
158 Seiten
17,90 €

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