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Wenn unsterbliche Elben über den Jordan gehen

17 April 2019 No Comment

Es gehört zu den Herausforderungen einer jeden (Fremd-)Sprache, dass man als Sprecher gerade in diesem heiklen Bereich den richtigen Ton trifft. Tod und Vergänglichkeit in der Sprache sind dabei allgemein ein Thema, bei dem eine sehr bildhafte Ausdrucksweise gegeben ist. Dass die Metaphern und Umschreibungen zu Missverständnissen und auch zu gravierenden Übersetzungsfehlern führen können, zeigt beispielsweise die französische von Der Herr der Ringe. Über die Umschreibungen des Sterbens von Menschen und Elben schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena in unserer Kolumne.

von Thomas Honegger

Tod und Sterben sind nebst Sex und anderen Körperfunktionen stark tabubehaftete Themen, weshalb es auf diesem Gebiet in allen mir bekannten Sprachen zahlreiche Umschreibungen, Euphemismen und Metaphern gibt. Nebst dem ‚sie ist gestorben‘ bzw. ‚verstorben‘ (als stilistisch gehobene und formale Variation) finden sich im Deutschen nicht nur verhüllend-umschreibende Ausdrücke wie ‘sie ist entschlafen‘, ‚er ist von uns gegangen‘, ‚sie hat den Geist aufgegeben‘, ‚er hat das Zeitliche gesegnet‘, sondern auch bildhaft-poetische Umschreibungen wie ‚sie hat ihre letzte Reise angetreten‘ bzw. ‚er ist über den Jordan gegangen‘ und eher derb-realistische Redewendungen wie ‚er hat den Löffel abgegeben‘ oder ‚er hat ins Gras gebissen‘. Es gehört zu den Herausforderungen einer jeden (Fremd-)Sprache, dass man als Sprecher gerade in diesem heiklen Bereich den richtigen Ton trifft. Ein ‚he passed away‘ ist in den meisten Situationen kein Problem, während ein ‚he kicked the bucket‘ oder ‚he bit the dust‘ nur mit Vorsicht anzuwenden sind. Letztere Redewendung zeigt, dass manche der Ausdrücke sprachübergreifend vorkommen und sich ihre genauen Entsprechungen auch in anderen Sprachen finden lassen: Englisch ‚to bite the dust‘, Französisch ‚mordre la poussière‘, Italienisch ‚mordere la polvere‘ etc. Die Idee, die dem ‚ins Gras beissen‘ zugrunde liegt, geht bis in die Antike zurück. Dort findet man ‚in die Erde beissen‘ im Zusammenhang mit dem Tod der Krieger auf dem Schlachtfeld. Die moderne Verwendung zeigt auch, dass die Redewendung in allen vier Sprachen ihre episch-heroischen Assoziationen verloren hat und heute nur noch in einem scherzhaft-derben Ton gebraucht wird.

Während ‚ins Gras beissen‘ wie ‚to be pushing up the daisies‘ (‚die Gänseblümchen von unten sehen‘, bzw. wörtlich ‚hochstossen‘) eine gewisse Bildhaftigkeit besitzen, die den Sinn auch ohne Wissen um den ursprünglichen Kontext erraten lassen, so sind Ausdrücke wie ‚den Löffel abgeben‘ und ‚über den Jordan gehen‘ mehr oder weniger rätselhaft. Ersterer bezieht sich auf den mittelalterlichen Brauch, seinen höchsteigenen Esslöffel immer mit sich zu führen und zu verwenden – und ihn beim Ableben eben ‚abzugeben‘. Letzterer ist biblischen Ursprungs und in doppelter Weise euphemistisch. In der Bibel bezieht sich der Ausdruck auf den Übergang der Israeliten nach ihren Jahren in der Wüste über den Fluss Jordan ins Gelobte Land. Dies wurde dann im Pietismus als Umschreibung für den Eintritt der Seele eines Verstorbenen ins Himmelsreich verwendet – und schließlich allgemein als ‚Übertritt ins Jenseits‘.

Dass die Metaphern und Umschreibungen zu Missverständnissen und auch zu gravierenden Übersetzungsfehlern führen können, zeigt die französische Ausgabe des Fantasy-Epos Der Herr der Ringe. Im englischen Original heißt es im Prolog über Elrond und Galadriel, zwei ‚unsterbliche‘ (Halb-)Elben, dass sie am Ende des Dritten Zeitalters ‚departed‘ (‚abgereist‘) seien. Der französische Übersetzer hat dies mit ‚fût mort‘ (‚sind gestorben‘) wiedergegeben. Nun kann ‚to depart‘ tatsächlich als Euphemismus für ‚to die‘ verwendet werden – im Falle der unsterblichen Elben aber eben nicht. Es war eine positive Überraschung für die Leser des französischen Herr der Ringe später herauszufinden, dass Galadriel doch nicht über den Jordan gegangen ist, sondern gesund und munter in den Unsterblichen Landen weiterlebte.

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