Was übrig bleibt „Tage oder Stunden“
von LuGr
Antoine (Albert Dupontel) hat seinen Job als Werbefachmann satt, seine Familie, sein ach so tolles Durchschnittsleben. Mit ein bisschen mehr Geld vielleicht schon, aber nein, es macht ihm keine Freude, der Kapitalismus ist schließlich schlecht. Der Zynismus dringt wie eine Krankheit in all seine Poren. Menschen aus seiner Umgebung, seine Frau und seine Freunde bekommen dies von einem Tag auf den anderen zu spüren, als sie ihm zu seinem 42. Geburtstag mit Geschenken überraschen, für die er nur Sarkasmus, Verachtung und Provokationen übrig hat. Antoine bricht mit seinem Leben, und das aus gutem Grund, den man als Zuschauer schon früh erahnt, der aber erst spät bestätigt wird. Bis dahin ist „Tage oder Stunden“ ein intensives Drama um den Ballast im Leben, der sich mit der Zeit anhäuft und dem nun mit Flucht begegnet werden soll. Keine Flucht in eine ungewisse Zukunft, sondern in die eigene Vergangenheit, zum Vater (Pierre Vaneck) ins ländliche Großbritannien, der vom Leben seines Sohnes ab dessen 13. Geburtstag kaum mehr Notiz genommen hatte.
Die Bitterkeit, die in diesen außergewöhnlich unaufdringlich erzählten und inszenierten Film mit behutsamen Streichern, Klaviermusik und vor allem dem großartigen Dupontel Einzug hält, überdeckt dabei elegant einige Fragen nach der Plausibilität im Handeln der Figuren. Man stellt sich selbst die Frage: Wie viel ist mein Leben wert? Wäre ein intensiver und mit vielen schönen Momenten gelebtes nicht das reichere? Am Ende von „Tage oder Stunden“ steht jedoch das Verheilen längst vernarbt geglaubter Wunden aus Antoines Vergangenheit – die Katharsis. Das ist es, was übrig bleibt.
Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:
- Film: “Die 120 Tage von Sodom“ – Regie: Pier Paolo Pasolini, Italien/Frankreich 1975, DVD-Label: Legend Films von Lutz 1975 nahm sich Italiens Skandal-Regisseur Pier Paolo Pasolini der Verfilmung von “Die 120 Tage von Sodom” vom Marquis De Sade an und verlagerte das grauenhafte Szenario um Verstümmelung, sexuelle Perversionen und Repression ins faschistische Italien des Jahres 1944,...
- Durch Europas „alte“ und Neue Musik in fünf Stunden Am Samstag (27. August) spielten beim Kunstfest in Weimar das Ensemble Avantgarde und das Klangforum Wien Uraufführungen europäischer Komponisten nebst älteren Werken der Neuen Musik und Franz Liszts. unique berichtet. von David Den Preis des erfolgreichsten Rausschmeißers gewann der...
- Was vom Leben bleibt … Die Erkenntnis der Nacht an den Grenzen einer unergründlichen Welt von Sandra Jörges Auf ihrem Nachttisch gleich neben dem Bett des kleinen Raums, den sich Frau T. mit einer Bewohnerin teilt, steht ein gerahmtes Foto. Im Zimmer riecht es so streng, dass man sofort die Fenster aufreißen möchte. Kein Sofa,...
- Und am sechsten Tage …oder: all the things she said, all the things she said Die Geschichte von Männern und Frauen ist eine Geschichte voller Missverständnisse … ja, lieber Leser, dieser Anfang sollte Dir bekannt vorkommen und ja, er stammt aus einem Werbespot für Hygieneartikel oder wie das Zeug in der offiziellen Drogerierhetorik heißt. Wobei...
- Film: Hotel Very Welcome von Luth Die Menschen, die man heute allgemein als Backpacker bezeichnet, haben das Unterwegssein zum Lebensinhalt erklärt. Ihre unverbindliche Heimatlosigkeit gilt weithin als hipp und schick. Schon immer waren Reisen aber auch eine Flucht vor und eine Suche nach sich...



Deine Meinung zählt!