Warum hört man eigentlich … nichts Schlechtes über die Rütli-Schule?
von Frank
Im Frühjahr 2006 erregte eine Hauptschule im Berliner Stadtteil Neukölln bundesweite Aufmerksamkeit: „Wir sind ratlos!“ hieß es in einem Brandbrief der Schulleitung an den Senat der Hauptstadt, angesichts eines Migrantenanteils von über 80 Prozent, von Sprachbarrieren und Gewalt sei ein normaler Unterricht unmöglich geworden. Journalistenteams pilgerten zum „Pausenhof der Vorhölle“, die Behörden reagierten mit einem Polizeieinsatz und eine landesweite Debatte um den Zustand unseres Schulsystems begann.
Heute sind die Kameras verschwunden, ebenso wie die damalige Schulleiterin und einige Lehrer. Der neue Rektor heißt Aleksander Dzembritzk, der bundesweit einzige Interessent für die Stelle. Seither hat sich eine Menge getan. Dzembritzki sagt: „Die Stimmung in der Schule ist heute eine ganz andere als damals.“ Einen Wachschutz an den Eingängen gibt es zwar bis heute, zum Kollegium gehören mittlerweile aber auch türkische und arabische Lehrer. Es gibt interkulturelle Moderatoren, die Kontakt zu den (meist türkischen und arabischen) Eltern vermitteln, Lehrer bei Hausbesuchen begleiten und ggf. dolmetschen. Außerdem gibt es Schulsozialarbeiter, Boxtrainer, eine Berufs- und Bewerbungsberatung sowie Ansprechpartner bei, wie es heißt, „Problemen mit dem Strafgesetzbuch“. Zu den zahlreichen weiteren Projekten zählen eine Schulpartnerschaft mit einer indischen Highschool und eine Initiative zur Reintegration von Schulverweigerern. Im Kunst- und Arbeitslehreunterricht entwerfen die Schüler T-Shirts mit eigenen Grafiken und vermarkten diese unter dem Label „Rütli Wear“. „Das Signal, das von Rütli ausgeht, ist: Eine Wende ist möglich!“ sagt Dzembritzki.
Eigentlich möchte man nur in Ruhe den Schulalltag bestreiten, auch wenn die Berliner Presse noch oft vorbeischaut. Mit einer Real- und einer Grundschule bildet die Rütli-Hauptschule heute eine Gemeinschaftsschule. Mit dem „Campus Rütli“ ist momentan ein Projekt im Entstehen, das auf 48.000 Quadratmetern in den nächsten Jahren ein komplettes Betreuungs- und Bildungsangebot anbieten will. Geplant sind Kindergärten, Spiel-, Sport- und Freizeitangebote – ganztags.
Auch Reisegruppen kommen immer noch in die Rütlistraße, um sich die berühmt-berüchtigte Schule anzuschauen. Zur 100-Jahr-Feier im Juli werden auch wieder Medienvertreter erwartet. Die Bilder und Schlagzeilen werden vermutlich andere sein. Der Ausländeranteil der Schule ist heute übrigens durch die Fusion mit der Realschule noch höher als Anfang 2006.
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