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Vorurteile in der Schule …ein Einblick in den Alltag an einem Jenaer Gymnasium

5 November 2003 1.345 views No Comment

Im Rahmen unseres Titelthemas stellten wir uns die Frage, wie Vorurteile entstehen und wie sie schon im Kindes- und Jugendalter genommen werden können. Also kam uns der Gedanke, eine hiesige Schule zu besuchen, um zu erfahren wie dieses Thema bereits im Unterricht behandelt und darauf eingegangen wird. Hierzu stand uns Frau Stehfest, Ethik- und Deutschlehrerin am Ernst-Abbe-Gymnasium Jena, in einem Gespräch Rede und Antwort.

UNIQUE: Frau Stehfest, in welchen Fächern werden Vorurteile behandelt?
Fr. S.: Das geschieht fächerübergreifend. Besonders natürlich in Ethik und Sozialkunde. Aber auch in Deutsch, Geschichte und Religion.

UNIQUE: Ab welcher Klassenstufe geschieht dies?
Fr. S.: Es durchzieht die Klassen fünf bis zwölf. Ab welchem Alter dies zu tun sei – darüber streiten sich viele Experten. Dies ist wohl eher eine Frage der Reife und Bewusstwerdung des Einzelnen.

UNIQUE: Auf welche Weise, methodisch gesehen, werden die Schüler damit konfrontiert?
Fr. S.: Die Methodenvielfalt ist groß. Von dem zu Unrecht verpönten Frontalunterricht, über Rollenspiele bis hin zu Diskussionen oder Schulausflügen. Das variiert von Lehrer zu Lehrer. Eine kürzlich durchgeführte Fahrt nach Polen war zum Beispiel eine hervorragende Gelegenheit für die Schüler, mit vorher bekannten Vorurteilen aufzuräumen. Diese Ausflüge müssen sie dann später selbst auswerten und die Ergebnisse werden wiederum von den Lehrern ausgewertet.

UNIQUE: Wie soll dieses heikle Thema vermittelt werden?
Fr. S.: Von der psychologischen Seite aus gesehen erst ab den höheren Jahrgangsstufen. Bei den Jüngeren größtenteils durch Fallbeispiele, die ihnen helfen sollen, sich in diese Situation hineinzuversetzen.

UNIQUE: Es gibt unzählige Arten von Vorurteilen. Welche davon werden behandelt?
Fr. S.: Mir ist aufgefallen, dass besonders bei den 17- und 18-Jährigen Vorurteile zwischen Männern und Frauen sehr gern diskutiert werden. Vergleiche der Stellung der Frau vor 100 Jahren und heute lassen bei vielen Jungs ein eher dominantes Männerbild und ein immer noch untergeordnetes Frauenbild durchblicken, was einen falschen Eindruck durch das Elternhaus vermuten lässt. Desweiteren werden Vorurteile zwischen verschiedenen Religionen, Hautfarben oder sozialen Schichten in den fünften bis zehnten Klassen behandelt.

UNIQUE: Welche Vorurteile werden in der Schule sichtbar?
Fr. S.: Außer zwischen den schon erwähnten Vorurteilen zwischen beiden Geschlechtern, trifft man bei uns eher selten auf weitere sichtbare Verhaltensweisen diesbezüglich. Einzig neue, teils ausländische Schüler werden meist von oben herab betrachtet. Das ist aber eine Integrationssache und geht schnell vorbei. Diese Klischees existieren meistens nur am Anfang.

UNIQUE: Gibt es bei ihnen am Ernst-Abbe-Gymnasium Angehörige von Minderheiten, die z.B. eine andere Religion, Hautfarbe oder eine Behinderung haben?
Fr. S.: Da wir ein staatliches und kein europäisches Gymnasium sind, gibt es bei uns kaum solche Minderheiten, die ja oft Hauptziel von Vorurteilen sind. Wir haben einige Schüler aus Russland. Aber auch mit diesen gibt es keine Probleme. Zumindest nicht wegen ihrer Herkunft. Problemkinder gibt es überall.
UNIQUE: Sie begleiteten erst neulich einen Abiturjahrgang auf seiner Abschlussfahrt nach Litauen. Gab es da bei den Schülern auffällige Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Bemerkungen etc.?
Fr. S.: Die Schüler, die an dieser Fahrt teilnahmen, waren größtenteils schon mit auf einer thematisch ähnlich gelagerten Fahrt nach Polen. Sie hatten also schon diesbezüüglich Erfahrungen in Osteuropa gesammelt. Diese Fahrt sollte als “Lernen vor Ort” dienen und die Jugendlichen mit ihren Vorurteilen konfrontieren. Aussagen wie: “Litauen? Das ist doch fast in Sibirien!”, wurden schnell revidiert als wir Wilnius besuchten. Die Hauptstadt hat sich sich zu einer modernen Großstadt entwickelt.

UNIQUE: Vielen Dank für das Gespräch.

Dank Frau Stehfest gelang es uns, einen Einblick zu bekommen, wie das Thema “Vorurteile” im Schulalltag behandelt und so schon präventiv gearbeitet wird. Trotzdem möchten wir, die UNIQUE-Redaktion, noch einmal darauf hinweisen, dass die Aussagen von Frau Stehfest nicht repräsentativ für alle Schulen in Deutschland sind. Ihre Einschätzungen beruhen auf den im Lehrplan vorgesehenen Themen und eigenen Erfahrungen.

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