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Von einem, der auszog zu entlarven – ein Buchtipp

20 April 2011 No Comment

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Eines der Themen der letzten Monate war sicher die Veröffentlichung geheimer Regierungsdokumente durch die Internetplattform WikiLeaks. Ein Suhrkamp-Buch beleuchtet das Phänomen nun aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

von Chrime

Die Kommentare über Julian Assange, öffentlich geäußert von mächtigen US-Politikern – und nicht durch geheime Whistleblower entlarvt –  sprechen für sich. Weder Republikaner noch Demokraten nahmen ein Blatt vor den Mund: „He is an anti-American operative with blood on his hands.“ (Sarah Palin) oder „[He is a] hi-tech terrorist.“ (Joe Biden). Die Volksrepräsentanten versuchten sich nicht einmal an einem sachlichen Kommunikationsstil. Assange konterte mit Vehemenz und appellierte im Gespräch mit dem Sender MSNBC an die Vernunft: „Wenn wir in einer Zivilgesellschaft leben wollen, können nicht hochrangige Leute im nationalen Fernsehen dazu aufrufen, das Justizwesen zu umgehen und illegal Menschen zu ermorden.“ Die polarisierende Person des WikiLeaks-Gründers steht auch im Mittelpunkt vieler Beiträge des Buches „WikiLeaks und die Folgen“, erschienen bei Suhrkamp. Die Aufsatzsammlung gliedert sich in fünf Themenbereiche, welche zunächst die Hintergründe der Organisation beleuchten und sie dann mit dem Netz, den Medien, der Diplomatie und schließlich der Demokratie in Zusammenhang setzen.

Der fesselnde Soziopath
Der Einstieg gelingt durch Raffi Khatchadourians fesselnden Insider-Report, in dem er das „Porträt eines Getriebenen“ zeichnet und dabei besonders die Hintergründe des Videos „Collateral Murder“ darstellt. Die detailreiche Schilderung der Ereignisse zieht den Leser direkt ins Geschehen und vermittelt einen authentischen Eindruck über den Soziopathen Assange. Detlef Borchers Beitrag zu den Wurzeln von WikiLeaks präsentiert dem Leser interessante Tatsachen zu den sogenannten „Cypherpunks“, Computer-Nerds, die nach sicheren Daten-Verschlüsselungssystemen suchten. Weil ihnen dies so gut gelang, war es ironischerweise ursprünglich die US-Regierung, die eine Offenlegung vertraulicher Informationen durchsetzen wollte (also genau das, was WikiLeaks nun mit Regierungsdokumenten tut). Die „Anti-Crime Bill“ sollte dafür sorgen, dass der Staat das Recht hatte, jegliche Form der Kommunikation im Klartext mitlesen zu können. Ebenfalls blanke Ironie ist auch die Tatsache, dass potenzielle Spendengelder für WikiLeaks heute von PayPal, Visa und Mastercard mit exakt den Verschlüsselungssystemen blockiert werden können, die die Cypherpunks damals erfanden.

Kritische Distanz oder radikale Ablehnung?

Die SPIEGEL-Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumenstein geben sich im Interview kämpferisch. Sie sprechen von „kritischer Distanz gegenüber jedermann“ und werfen den Amerikanern vor, „elementare Regeln der Geheimhaltung“ ihrer Informationen nicht beachtet zu haben. Von den über 250.000 WikiLeaks-Dokumenten wird der Spiegel nach Beendigung der Veröffentlichung maximal 150 auf seine Website stellen. Hieran lässt sich beispielhaft die (vergleichsweise geringe) Bedeutung der Leaker für die wichtigen Medien in aller Welt ablesen.
Natürlich kommen auch überzeugte Gegenpositionen zum Phänomen WikiLeaks zu Wort. Jaron Lanier bestreitet in seinem Beitrag mit Vehemenz die These, dass absolute Offenheit automatisch zu größerer Leistungsfähigkeit und Kreativität führe. Seine Position ist die vielleicht extremste des Buches, bietet aber gerade deshalb entscheidende Anknüpfungspunkte zur Diskussion. Die Einschätzungen der Diplomaten fallen erwartungsgemäß aus. Sie fürchten weniger Transparenz und mehr Geheimdiplomatie durch die Veröffentlichungen. Dies wiederum hält der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers für unwahrscheinlich, da Organisationen ein eigenes Gedächtnis bräuchten, was zur Verschriftlichung zwinge. Das Verhältnis von WikiLeaks zur Demokratie beschreibt er als ambivalent.
WikiLeaks und die Folgen“ ist allen zu empfehlen, die sich für spannende Details zur Entstehung der Geheimdiplomatie interessieren und denen besonders eine Verbindung ganz verschiedener Perspektiven zum Thema wichtig ist.

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wikileaks-und-die-folgenWikileaks und die Folgen: Netz – Medien – Politik
(edition suhrkamp 2011)

238 Seiten 10,00 €

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