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Von der Maschine zum Menschen – Sherlock Holmes im Wandel der Zeit

4 November 2019 No Comment

Vor 133 Jahren schrieb ein junger Brite über einen kriegsversehrten Arzt, der zum einzigen beratenden Detektiv der Welt zieht und ihm hilft ein Verbrechen aufzuklären, an dem sich Scotland Yard die Zähne ausgebissen hatte. Heute kennt die beiden jeder: Sherlock Holmes und sein Watson. A Study In Scarlet, die ein Jahr später in Beeton’s Christmas Annual von 1887 veröffentlicht wurde, sollte unverhofft zum Anfang einer Detektiv-Reihe werden, welche sich wie kaum ein anderes Werk ins Gedächtnis der Popkultur einbrennen würde.

von Ella

Die vier Romane und 56 Kurzgeschichten über die Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. John H. Watson inspirierten nicht nur unzählige Bücher und Dramen anderer Autoren, sondern wurden auch über 250 Mal verfilmt. Nach Graf Dracula ist Sherlock Holmes damit die meistverfilmte literarische Figur aller Zeiten. Selbst sein Name ist in unsere Alltagssprache gesickert: Sherlock als Meister der genauen Beobachtung und logischen Schlussfolgerung wird (wenn auch oft ironisch) synonym zu Genie verwendet, während Watson als Inbegriff des Sidekicks, als Verkörperung des treuen Freunds und stets bereiten Helfers gilt.

Fans heute wie vor hundert Jahren

Wer denkt, die Fans der BBC-Serie Sherlock (2010-2017) seien sehr enthusiastisch, macht sich keine Vorstellungen davon, wie es zu Doyles Lebzeiten war. Die Sherlock-Holmes-Geschichten waren nicht einfach nur beliebt, sie weckten eine Teilnahme der Öffentlichkeit, wie man sie zuvor nur von Sportereignissen kannte. Es entstand sozusagen das erste Fandom. Dabei erhielt Doyle für seine erste Geschichte nur mickrige 25 Pfund, welche dann auch noch ein Jahr lang in einer Schublade lag. Der Durchbruch kam erst mit der regelmäßigen Veröffentlichung seiner Werke im Strand Magazine. Doch obwohl sie ihn reich und berühmt machten, hielt Doyle die Geschichten stets nur für einfache Unterhaltung. Ihm erschienen historische Romane als die eigentliche hohe Kunst, mit der er sich ein hohes Ansehen verschaffen wollte. 1893, als er seines Detektivs endgültig überdrüssig war, ließ er ihn in einem tödlichen Kampf mit seinem Erzfeind in den Reichenbachfall stürzen. Das haben ihm die Fans nicht ungestraft durchgehen lassen. Über 20.000 Leser des Strand Magazines waren so erbost, dass sie ihr Abonnement kündigten. Dies brachte das Magazin an den Rande des Ruins. Viele schrieben außerdem wütende Briefe an den Autor. Selbst Clubs wurden gegründet, um den geliebten Charakter am Leben zu erhalten, nachdem Doyle seiner Erfindung mit „The Final Problem“ ein jähes Ende bereitet hatte – zumindest bis er acht Jahre später eine Detektivfigur für seinen neuen Roman („The Hound of the Baskervilles“) brauchte und Holmes in folgenden Geschichten wieder von den Totgeglaubten zurückholte.

Ursprünge des Detektivduos

Will man die literarischen Inspirationen hinter den Sherlock-Holmes-Geschichten erfahren, so braucht man nur die erste zu lesen. Darin vergleicht Watson seinen analytischen Freund mit Auguste Dupin und Monsieur Lecoq aus den jeweiligen Werken von Edgar Allan Poe und Émile Gaboriau, was Holmes zu einem hochtrabenden Vortrag über seine weit überlegenen Fähigkeiten anstachelt. Beide Ermittler lösen Fälle durch genaue Beobachtung und Logik und haben einen hilfreichen Begleiter an ihrer Seite. Poes dreiteilige Reihe ist wahrscheinlich die erste Detektivfiktion überhaupt – erschienen in den frühen 1840ern, als es die Berufsbezeichnung Detektiv noch gar nicht gab. Sie muss Doyle stark beeinflusst haben, denn nicht nur ist Dupin ein exzentrischer Denker, der in seiner Freizeit Kriminalfälle löst, er wohnt auch mit dem Erzähler in einer Wohnung und wird ständig von der unfähigen Polizei zurate gezogen. Gaboriaus Einfluss zeigt sich dagegen in der damals neuen Verwendung von wissenschaftlichen Methoden bei der Verbrechensaufklärung – wir würden es heute Forensik nennen.

Dupin und Lecoq sind also klare Vorbilder, aber sie haben wenig von den Eigenschaften, die wir sofort mit Holmes verbinden: Die große, schlanke Statur, Pfeife, Mantel, Deerstalker-Mütze, sowie die Eigenart, mit einem Blick detaillierte Informationen über eine Person erfassen zu können. Wo kommen diese also her? Nun, es ist kein Zufall, dass Sherlock einem gewissen Dr. Joseph Bell recht ähnlich sieht. Dieser war Professor für Medizin an der Universität Edinburgh, wo ihn der 18-jährige Doyle 1877 kennenlernte und bald darauf sein Assistent wurde. Bell sensibilisierte seine Schüler für genaues Beobachten und Kombinieren von Symptomen, um die korrekte Diagnose zu stellen. Dabei verblüffte er sie gerne mit einer Demonstration seiner Fähigkeiten: Herkunft, Beruf und Gewohnheiten von Fremden konnte er ermitteln, indem er etwa deren Akzent, Kleidung, Hände und Verhalten studierte. Er war auch ein Pionier der Forensik, da er sich für wissenschaftliche Methoden in Kriminalermittlungen einsetzte. Und als Jack the Ripper London in Terror versetzte, suchte und fand Scotland Yard angeblich Rat bei ihm. Ähnlich klar wie die Parallelen zwischen Dr. Bell und Holmes sind jene zwischen Doyle und seinem Ich-Erzähler Watson: Beide junge, abenteuerliche Ärzte, die einer bewundernswerten Persönlichkeit zur Seite standen und von ihr lernten.

Sherlock als Archetyp

Die Figur des Holmes ist allerdings keine rein idealisierte Version von Bell, denn er ist bei Weitem nicht perfekt. So sehr wir den Meisterdetektiv für seinen schnellen Geist, seine schier grenzenlose Auffassungsgabe und sein exaktes Wissen auch bewundern, er ist kein attraktiver, allseits beliebter Superheld, dem alles in den Schoß fällt und dessen Moral unfehlbar ist. Ganz im Gegenteil: Sherlock Holmes ist ein hoch gewachsener, aber knochig dürrer Mann, der Kokain und Morphium missbraucht. Arbeitet er an einem interessanten Fall, so legt er manisches Verhalten und den ernsten Umständen unangemessene Begeisterung an den Tag, während er sonst zuweilen tagelang stumm und antriebslos auf dem Sofa liegt. Er ist der Beste in seinem Feld, doch aufgrund seiner unverhüllten Überheblichkeit bei Vielen unbeliebt. Kaum eine Methode ist ihm zu unethisch oder gefährlich, um an nützliche Informationen zu gelangen, aber gegenüber allem außerhalb seiner Interessensphäre bleibt er willentlich ignorant. Geigenspielen ist sein einziges Hobby, er lebt nur für seine Arbeit, hat kein Liebesleben und Watson ist sein einziger Freund.

Der Charakter von Sherlock passt haargenau in die Kategorien des verrückten Wissenschaftlers und des leidenden Künstlers, welche omnipräsent in den heutigen Unterhaltungsmedien sind. Er ist ein Chemiker, der ohne Rücksicht auf seine Gesundheit an sich selbst experimentiert; er ist ein Anatom, der auf Leichen einprügelt, um Blutergüsse post mortem zu studieren; und er freut sich über rätselhafte Mordfälle, als wäre es ein Spiel. Wäre er nicht so erfolgreich bei der Verbrechensaufklärung, würde man ihn glatt von der Gesellschaft ausschließen. Gleichzeitig belustigen uns seine Eigenheiten aber, und seine Aufopferung für die Wissenschaft ist durchaus nobel. Der Preis für seine hohe intellektuelle Neugier ist jedoch nicht nur das Unverständnis seiner Mitmenschen, sondern auch die innere Qual einer Seele, die rastlos auf der Suche nach neuen mentalen Herausforderungen ist. Wird Sherlocks Geist nicht stetig stimuliert, ist er unproduktiv, melancholisch und (selbst)zerstörerisch. Seine antisozialen Eigenschaften erscheinen damit so prominent und bedeutsam wie seine einnehmenden – wie ein Negativ seiner Genialität.

Und dieses Charakter-Konzept funktioniert so gut, dass Sherlock Holmes sowohl in der Literatur, als auch in der Film- und Serienlandschaft zu einer Art Archetyp geworden ist. Beispiele für diesen Charaktertyp wären in der Literatur Agatha Christies Hercule Poirot oder Rex Stouts Nero Wolfe, in TV-Serien Patrick Jane aus The Mentalist, Monk oder Dr. House. Letzterer ist stark an Holmes angelehnt und schließt mit der medizinischen Anwendung seiner Fähigkeiten den Kreis zu dessen Ursprüngen in Dr. Joseph Bell. Aber auch Spock, der Halb-Vulkanier aus Star Trek, ähnelt dem Detektiv mit seiner kühlen, logischen und emotional unterdrückten Art sehr.

Von der Maschine zum Menschen

Die Glorifizierung hoher Intelligenz beschränkt sich übrigens nicht nur auf Doyles Protagonisten. So ist es interessant, dass die Figuren des Professor Moriarty und der Irene Adler, denen in den ursprünglichen Werken jeweils nur eine Geschichte gewidmet ist, in späteren Verarbeitungen und in der Popkultur generell vergleichsweise große Präsenz haben. Dass beide Antagonisten sich so hoher Beliebtheit erfreuen, ließe sich durch einen Fakt erklären: Sie sind Sherlock in Intellekt und in Fähigkeiten ebenbürtig. Viel mehr als die Moralität ihrer Handlungen scheint also außergewöhnliches Talent eine lesens- uns sehenswerte Figur auszumachen. Es scheint so, als sei sowohl in Zeiten der Industrialisierung als auch im Zeitalter des Internets derjenige, der wie eine Maschine denken kann, Gott.

Ein in jeder Hinsicht tadelloser Charakter, der nur durch äußere Ereignisse in Konflikte gerät, ist aber schon lange nicht mehr ansprechend. Ein Charakter mit gravierenden Fehlern, die ihn an die Grenze zum Dysfunktionalen und Unsympathischen treiben, der aber dennoch gewitzt, einsichtig, hilfsbereit und aufopfernd sein kann, der in seltenen Momenten Demut und Verletzlichkeit zeigt – das ist die Figur, mit der wir heute mitfühlen. Somit ist es beinahe zur Regel geworden, dass eine Figur, die brillant auf einem Gebiet ist, einen ebenso starken charakterlichen Fehler haben muss. Es ist eine sichtbare Abkehr von antiken Heldenrollen zugunsten eines etwas realistischeren Porträts von tief problembehafteten großen Köpfen der Menschheit. Das zeigt sich auch in der Evolution der Filmadaptionen: Ältere Filme zeigen noch einen recht beherrschten und gentlemanhaften Holmes, wohingegen neuere Adaptionen wie die BBC-Serie in die entgegengesetzte Richtung rennen und ihn primär als infantilen, drogenabhängigen Soziopathen darstellen. Denn erst, wenn wir ihn verabscheut und bemitleidet haben, ist er keine Maschine mehr, sondern ein Mensch.

Zusätzlich humanisiert wird Sherlock durch Watson. Dieser ist nämlich kein bloßer Handlanger, sondern die Identifikationsfigur, durch deren Augen wir Holmes kennenlernen, von ihm fasziniert und in Abenteuer verwickelt werden. Durch ihn empfinden wir Sorge um Sherlocks Wohlbefinden, wir werden enttäuscht, wenn er hinter Watsons Rücken arbeitet, oder überrascht, wenn er plötzlich auftaucht, nachdem er ihn drei Jahre lang in dem Glauben ließ, er sei tot. Watson verköpert die emotionale Komponente, die Sherlock in seinem Wahn um exakte Wissenschaft nicht zulassen will. Durch seine beständige Freundschaft und seine Bemühungen schafft er es aber, ihn ein wenig auftauen zu lassen, und erhält im Gegenzug Sherlocks Loyalität, Wertschätzung und Vertrauen. Sherlock mag uns als der Grund vorkommen, warum wir die Geschichten lesen, aber ohne Watson wären sie leblos und kalt. Holmes wäre bloß ein selbstgefälliger Angeber, versunken in seine Arbeit, die ihn nie dauerhaft befriedigen kann. Nein, jeder Holmes braucht seinen Watson!

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