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Die guten und die schlechten Flüchtlinge

14 März 2016 No Comment
Ungarische "56er"-Flüchtlinge besteigen einen Zug Richtung Schweiz

Ungarische "56er"-Flüchtlinge besteigen einen Zug Richtung Schweiz

Die ungarischen Flüchtlinge wurden 1956 vom Westen mit offenen Armen empfangen. Heute wenden sich unter anderem genau diese Ungarn vom Leid Flüchtender ab.

von Szaffi

Die seit Monaten andauernde Debatte über die Flüchtlingssituation verdrängt in Deutschland fast alle anderen Themen aus der Tagesordnung in Politik und Gesellschaft. In dieser Situation versuchen viele, ihre Meinung mit historischen Parallelen und Erfahrungen zu untermauern, um die Ähnlichkeiten oder eben die Unterschiede hervorzuheben – je nach Bedarf. Die ungarische Revolution gegen das kommunistische Regime im Jahre 1956 ist solch eine historische Erfahrung: Nach der Niederschlagung des Aufstandes und den darauf folgenden Repressalien waren es gut 500.000 Ungarn, die die grüne Grenze in Richtung Österreich passierten. Damals wurden sie von den westlichen Ländern aufgenommen und konnten ein neues Leben beginnen.
Wenn Ungarns Ministerpräsident Orbán in der Flüchtlingsfrage nach wie vor seine Hardliner-Meinung vertritt und nicht bereit ist, Ungarns Grenzen für die Asylsuchenden zu öffnen, ist es umso wichtiger zu beleuchten, wie sich die ehemaligen „56er“ durch ihre Erfahrung mit der Flucht und Repression in der Debatte über die heutigen Geflüchteten aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan positionieren.
István Lovas, Journalist der rechts-konservativen Tageszeitung Magyar Hírlap, schreibt in einem Artikel, es sei eine schlichte Lüge, die heutige Situation mit 1956 zu vergleichen: Die westlichen Staaten seien damals deswegen so hilfsbereit gegenüber den ungarischen Dissidenten gewesen, weil sie ein schlechtes Gewissen gehabt hätten; schließlich leistete der Westen den ungarischen Revolutionären keine Unterstützung im Kampf um die Freiheit. Andererseits hatte das gewährte Asyl für die ungarischen Flüchtlinge eine symbolische Bedeutung: die Fortsetzung des Kampfes gegen den Kommunismus auf politischer Ebene. Auch der ungarische Botschafter in Österreich, János Perényi, bezeichnet in einem TV-Interview den Vergleich der „56er“ mit den heutigen Asylsuchenden als falsch und ahistorisch.

Identitätsbewahrung vs. Parallelgesellschaft?
Der „Bund der 56er“, eine Organisation, die von ehemaligen ungarischen Dissidenten gegründet wurde und die Erinnerung an 1956 wach hält, ist der Meinung, dass den Flüchtlingen, die aus ihrem Land flüchteten, weil ihr Haus zerstört oder weil sie wegen ihres Glaubens oder ihrer Überzeugung verfolgt werden, genauso wie den „56ern“, Asyl gewährt werden sollte, wie Ferenc Kanter im Namen des Bundes erklärt. Die Attitüde der damaligen ungarischen Flüchtlinge sei allerdings ganz anders gewesen. Sie seien ihren Aufnahmeländern gegenüber dankbar gewesen und versuchten, sich schnell zu integrieren. Viele bereicherten mit ihrer Arbeit und ihrem Schaffen ihr neues Land. „Diejenigen, die aus den islamischen Ländern kommen, versuchen angesichts der Kultur ihres Aufnahmelandes eine Parallelgesellschaft aufzubauen, sie haben die Integration nicht als Ziel. Während die „56er“ aus der religiösen Perspektive im jeweiligen Aufnahmeland kein Problem darstellten, ist die Lage jetzt anders“, so Kanter. Die meisten, die seit dem Sommer nach Europa kommen, seien allerdings gemäß Stellungnahme des „56er Bundes“ keine Flüchtlinge: Diese „Menschenschar“ habe die nationalen Grenzen und die internationalen Abkommen nicht respektiert. Die Migranten wären einfach nur gekommen und hätten auf ihrer Route Müllberge hinterlassen sowie Angst und Schrecken verbreitet. Sie hätten ihre Ausweise weggeschmissen, nur, um ihre wahre Identität zu verbergen und sich als syrische Flüchtlinge auszugeben. „Nur wer blind war, wollte das nicht sehen“, heißt es in der Antwort auf unsere Anfrage. Der Bund steht deswegen vollkommen hinter der Orbán-Regierung. „Die ungarische Politik erkannte und behandelte die Situation richtig“ so Kanter.
István Zöld, ein ehemaliger „56er“, der an der Forstwirschaftlichen Universität im nordwestungarischen Sopron lehrte, ist der Meinung, dass die damaligen ungarischen Dissidenten im Allgemeinen gut ausgebildete Leute waren, die nichts geschenkt bekommen wollten. Sie waren sich ihrer Qualifikationen bewusst und wollten wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden – jedoch ihre ungarische Identität behalten und frei leben. Als die ungarischen Studenten in geschlossenen Gruppen das österreichische Flüchtlingslager verließen, wurde die ungarische Hymne gesungen; das sei ein emotionaler und rührender Moment gewesen. Man könne das nicht mit dem jetzigen Flüchtlingsstrom vergleichen, so der 85-Jährige. Er verließ Ungarn unmittelbar nach der gescheiterten Revolution, sieht sich selbst jedoch nicht als Flüchtling, sondern als Mensch, der die kommunistische Diktatur nicht hinnahm und sich für die Emigration entschied. In Österreich schloss er sich einer ungarischen Gruppe der Universität für Forstwirtschaft von Sopron an.
Der Rektor dieser Hochschule, Kálmán Roller, war auch unter den Dissidenten. Er und drei Studenten konnten erreichen, dass die ganze Fakultät von der University of British Columbia in Vancouver aufgenommen wurde: Die Studenten durften an dieser Universität an einer eigenen Fakultät, der „Sopron Division“, ihr Studium fortsetzen und wurden dabei von ihren Professoren, die genauso geflüchtet waren, auf Ungarisch unterrichtet.
Auch István Zöld, der auf eigene Wege ein paar Tage nach der Niederschlagung der Revolution in einem österreichischen Flüchtlingslager eingetroffen war, wurde von Roller eingeladen. Er nahm diese Gelegenheit jedoch nicht wahr: „Ich konnte mich entscheiden: Entweder schwimme ich mit dem Strom und fahre nach Kanada, oder ich nehme mein Schicksal selbst in die Hand – mit all seinen Konsequenzen. Das war eine vollkommen persönliche Entscheidung nach den Gesetzen des Kapitalismus.” Er erkundigte sich an mehreren Botschaften und entschied sich für das Land, in dem er die beste Chance sah, eine Zukunft aufzubauen. So kam er nach Schweden. Heute würde Ministerpräsident Orbán, wenn er konsequent sein wollte, wohl sagen: als Wirtschaftsmigrant. In Schweden bekam er einen so genannten Fremdenpass und 200 Kronen Kredit, den er in 20 Kronen-Raten zurück zahlen konnte und arbeitete schon zwei Wochen nach seiner Ankunft. Nach vier Jahren erhielt er dann die schwedische Staatsbürgerschaft. Bis heute lebt er in seiner Wahlheimat. Von vier Kindern, die in verschiedenen Ländern leben, kehrte eins nach Ungarn zurück.

Auswandern nach Australien? Aushang in einem österreichischen Flüchtlingslager für Asylsuchende aus Ungarn, 1956

Revolution + Hilfsbereitschaft = gute Flüchtlinge?
Als die sowjetischen Streitkräfte die ungarische Revolution blutig niederschlugen und eine Massenflucht auslösten, kam die 1950 gegründete UNHCR zu ihrem ersten Hilfseinsatz. Die damalige Flüchtlingssituation ist schwer mit der jetzigen Flüchtlings- und Migrationsbewegung gleichzusetzen; der historische und politische Kontext ist ein anderer. Aus mehreren Gründen war Österreich 1956 in einer schwierigeren Lage als heute, weil es in viel größeren Mengen und binnen kürzerer Zeit von Flüchtlingen überrumpelt wurde und es gab damals auch keine europäische Staatengemeinschaft, um Hilfe zu leisten. Laut der Statistik der UNHCR von 1957 wurden im Revolutionsjahr 173.000 ungarische Asylsuchende im Erstaufnahmeland Österreich registriert, und bis April des nächsten Jahres über zwei Drittel von ihnen in andere Länder (die meisten in die USA) verteilt. Im Vergleich dazu berichtet das ungarische Statistische Zentralamt, dass bis Oktober 2015 176.000 Asylsuchende Asyl beantragt haben, während die Zahl der illegalen Grenzübertritte nach Ungarn, die sich nur schätzen lässt, wohl viel größer war. Die meisten Flüchtlinge wollten nur durchreisen ohne Registrierung – wegen des umstrittenen Dublin-Abkommens. Asyl oder einen vergleichbaren Status erhielten bis November 2015 laut des Amtes für Einwanderung und Staatsbürgerschaft nur 455 Personen.
Die ungarischen Geflüchteten von damals waren in einer besseren Situation als heutige Asylsuchende aus Syrien, Afghanistan oder anderen Staaten, da die ganze westliche Staatengemeinschaft mit ihnen sympathisierte. Die westliche Öffentlichkeit beobachtete besorgt und mit Sympathie den Kampf der ungarischen Aufständischen und war schockiert über das brutale militärische Eingreifen der UdSSR. So wurden die ungarischen Flüchtlinge in den westlichen Ländern überall mit Mitgefühl und Offenheit erwartet sowie als Helden empfangen – auch wenn einige von ihnen keine waren – und bekamen die Chance, sich eine Zukunft ohne Angst aufzubauen.

(Fotos: © UNHCR)

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