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Umfrage: Wählen fern der Heimat?

19 April 2017 No Comment

(Illustration: flickr-User Prachatai)

Die Wahlentscheidung in Deutschland lebender Türken beim Referendum wird kontrovers diskutiert. Doch wie sehr interessieren sich andere Menschen, die dauerhaft im Ausland leben, für die Politik ihres Herkunftslandes? Wir haben uns umgehört.

„Für moldavische Politik interessiere ich mich wenig“
Andrei B. (27), Moldawien, Kaufmann für Tourismus und Freizeit
Lebt seit acht Jahren in Deutschland

Für die politische Situation in Moldawien interessiere ich mich wenig. Ich verfolge aber die Präsidentschaftswahlen im Internet. Hauptsächlich informiere ich mich über Internet oder aus Gesprächen mit Freunden und Familienmitgliedern im Heimatland; eher selten auch über ausländische Nachrichtenportale aus dem russisch-, deutsch- und englischsprachigen Raum. Am politischen Geschehen meines Herkunftslandes beteilige ich mich nicht.

„Die VVD ist vom populistischen Schimmel angefressen“
Rick T. (26), Niederlande, Promotionsstudent, Geschichte
Lebt seit dreieinhalb Jahren in Deutschland

Obwohl ich schon fast dreieinhalb Jahre in Deutschland bin, verfolge ich die politischen Entwicklungen in den Niederlanden fast jeden Tag. Aktiv beteilige ich mich nicht an der niederländischen Politik, ich bin z. B. kein Mitglied einer Partei, aber ich nutze immer noch mein Stimmrecht in den Niederlanden, also auch bei der letzten Wahl. Obwohl ich auch erleichtert bin, dass Wilders („Blondi“) nicht gewonnen hat, bin ich trotzdem über das Ergebnis skeptisch. Merkel hat von einem klaren „Ja“ für Europa gesprochen, aber Rutte ist überhaupt kein Freund Europas und hat vieles von Wilders übernommen, sodass auch seine Partei (VVD) mittlerweile vom populistischen Schimmel angefressen wird.

„The worst presidential elections in history“
Calvin K.* (34), USA, Sales & Marketing
Living in Germany for longer periods several times, most recently since 2012

When it comes to voting a new president I closely follow the political developments. This time around it was more a political statement then really a vote: Many voters felt that they can vote neither nor, however a choice needs to be made. Scandals, “Fake News”, Alternative Facts and the worst Presidential Elections in history is what we have seen. I do not focus on only one-sided sources. The media variety in the US and Europe help to really paint a picture. Try it. Even when in Germany or Europe in general try looking at other countries and see how they observed any situation, it sometimes is very shocking how media can react to news on different levels.

„Mein Wegzug hat nichts geändert“
Sebastian H. (25), Deutschland, Student, Internationale Beziehungen
Lebt seit zwei Jahren im Ausland

Im Grunde hat sich daran, wie genau ich die deutsche Politik verfolge, mit meinem Wegzug nichts geändert. Seit zwei Jahren wohne ich in Polen, das letzte halbe Jahr habe ich in China verbracht. Ich verfolge insbesondere den Aufstieg der AfD mit Sorge und halte mich über den NSU-Prozess auf dem Laufenden. Ich habe noch an jeder Wahl, bei der ich wahlberechtigt war, entweder vor Ort oder per Briefwahl teilgenommen. Schon als ich noch in Jena studiert habe, war ich weiterhin in meiner Heimatstadt Oberhausen wahlberechtigt; die Nutzung der Brief- und Sofortwahl bin ich daher schon gewohnt.

„Wählen gehen ist Chance und Verantwortung“
Mathilde B. (23), Frankreich, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, IWK
Lebt seit fünf Jahren abwechselnd in Deutschland und Frankreich, seit zwei Jahren vollständig in Deutschland

Da ich mir nicht so viel Zeit dafür nehme, lese ich kurz die Nachrichten und sonst gezielt bestimmte Artikel in französischen Zeitungen online. Spannend finde ich auch zu schauen, wie Medien z. B. in Deutschland über die gegenwärtige Politik in Frankreich schreiben und welche Themen sie auswählen. Ich beteilige mich noch am politischen Geschehen in Frankreich indem ich mich an den Wahlen beteilige und finde es wichtig, es zu tun. Für mich ist wählen gehen eine Chance und eine Verantwortung. Seitdem ich in Deutschland lebe, geht meine Schwester an meiner Stelle wählen (Stimmrechtsvertretung).

„I campaigned for my choice“
Hazel S. (59), United Kingdom, Teacher of English
Living abroad for about 30 Years with short periods of returning

Nowadays, the internet makes it not only possible, but almost encourages one not to integrate into the host country. When I first lived in Germany, in the 1980s, I could only buy out-of-date newspapers, so I was ‘forced’ to deal with German, local issues and so forth. I knew more about what was happening in Hamburg, where I lived at the time, than in the UK. This was even more intense when I lived in Poland. Had there been internet at that time I think I would never have learnt the local language or culture so well. As I have chosen not to take German citizenship, I can vote here only in local elections. I have a postal vote in the UK and therefore was able to participate in the recent Brexit debacle. I campaigned for my choice amongst my friends and family in the UK, most of whom probably were of the same view as me anyway, but it still wasn’t enough. I also vote by post in all local and national elections in my own country. The only time I became involved more actively was when the government began to suggest introducing an ID card for citizens. In the UK, we have only ever had ID cards during time of war, largely connected to the availability of food and consumer goods. A ‘No to ID’ campaign was established, which I enthusiastically joined.

* Name von der Redaktion geändert

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