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Übersetzung: Tea-Time, Whiskey und Revolutionen

12 Januar 2012 No Comment

Während des Ersten Weltkriegs entdeckt ein Franzose seine Liebe zu einer exotischen und bizarren Spezies: den Briten. Ein klassiquer.

von David

Franzosen sind absolut unfähig, Tee zu kochen und ordentliches Bier können sie auch nicht brauen. Daher müssen Oberst Bramble und seine schottische Brigade im Kampf gegen die Truppen des Kaisers einige Widrigkeiten hinnehmen. Ihr französischer Verbindungsoffizier und Übersetzer Aurelle hingegen kann sich nicht so richtig für das Lamm mit Minzsauce begeistern. Bei der Wahl starker Getränke finden die Briten und „ihr“ Franzose jedoch Kompromisse: Ob Whiskey, Brandy, Wein, Champagner, Portwein, Sherry oder Grog – das können alle Soldaten trinken, egal, von welcher Seite des Ärmelkanals sie kommen.
Aurelle ist das Alter Ego des französischen Schriftstellers André Maurois (1885-1967). Berühmt wurde dieser vor allem für sein psychologisch ausgeklügeltes Liebesdrama Climats („Wandlungen der Liebe“) wie auch für seine zahlreichen Biographien von Schriftstellern (u. a. Hugo, Byron) und politischen Persönlichkeiten (u. a. Napoleon, Edward VII,). In seinem Debütroman Les silences du colonel Bramble („Das Schweigen des Oberst Bramble“) hingegen verarbeitete er seine Erlebnisse als Verbindungsoffizier bei der britischen Armee im Ersten Weltkrieg. Dank seines subtilen Humors und seiner leichtfüßigen Sprache wurde der kurze Roman nach seiner Veröffentlichung 1918 ein großer Erfolg, sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien. 1922 erschien die Fortsetzung Les discours du docteur O‘Grady („Die Gespräche des Doktor O‘Grady“), die den anekdotisch-episodischen Erzählfluss ihres Vorgängers fortsetzte.
Beide Bücher sind kaum als Kriegsromane zu lesen. Maurois schildert vielmehr die Annäherung zweier sehr unterschiedlicher Kulturen. Nicht die Kriegsgrauen stehen im Vordergrund, sondern die Erkenntnis, dass Franzosen und Briten trotz Konflikte zu einem respektvollen Umgang miteinander finden können. Homogen sind beide Kulturen sowieso nicht: Aurelle entdeckt mit genauso viel Verblüffung und Verwunderung wie seine britischen Kollegen das asketische Bauernleben in nordfranzösischen Dörfern. „Maurois“, der Name eines solchen Dorfes, diente dem gebürtigen Émile Herzog ab 1918 als Autoren-Pseudonym. Auch die Erzählungen der schottischen Soldaten und Offiziere zeichnen ein vielfältiges, oft widersprüchliches Bild des englischen Lebens.
Erzählungen, Anekdoten und philosophische Betrachtungen machen den großen Teil von Les silences du colonel Bramble und von Les discours du docteur O‘Grady aus. In vielen kurzen Kapiteln folgen wir den hitzigen Debatten der Figuren. In der Politik tut sich etwa ein Graben zwischen den reformistisch-parlamentarischen Briten und den revolutionär-demokratischen Franzosen auf. Major Parker teilt Aurelle offen sein Unverständnis für den „egalitären Neid“ der Franzosen mit: „Well, das gibt mir Lust, in goldbestickten purpurnen Satin gekleidet auf der Concorde spazieren zu gehen.“ Doktor O‘Grady sieht neben dem Stilton-Käse und gemütlichen Sesseln den Parlamentarismus als größtes Geschenk Englands an die Welt. Das hindert ihn aber nicht daran, in seiner Eigenschaft als Psychiater die Mehrheit der britischen Parlamentarier für verrückt zu erklären. Was die britischen Figuren hingegen über Irland und das Empire äußern, würde heutzutage kaum noch als zeitgemäß oder angemessen erscheinen, und macht die Romane zu historischen Dokumenten: Sie halten es für selbstverständlich, dass Irland niemals unabhängig wird und das Britische Weltreich bis in alle Ewigkeiten existieren wird.
Für wichtiger halten die Briten jedoch, Aurelle über die Bedeutung von Sport für ihr nationales Selbstverständnis aufzuklären: Wenn die Neuseeländer die Engländer, die Iren und die Schotten beim Fußball schlagen, so ist der Weltuntergang nahe. Welch Glück, wenn die Waliser schließlich die Neuseeländer schlagen und damit die britische Ehre wieder herstellen. Da Aurelle nicht sehr sportbegeistert ist, streitet er sich lieber mit Major Parker über die Qualität englischer und französischer Literatur und Dichtung. Aurelle verteidigt Baudelaire und setzt sich für Dickens ein, den Parker wiederum zu plebejisch findet. In seiner freien Zeit überträgt er auch englische Gedichte ins Französische. Aurelles (also Maurois‘) Übersetzung von Rudyard Kiplings If gilt in Frankreich noch heute als die beste.
Die Debatten zwischen Briten und Franzosen enden manchmal mit einer lustigen oder überraschenden Pointe, oftmals aber völlig ergebnislos. Das macht aber nichts: Die Diskussionen sind in Les silences du colonel Bramble und in Les discours du docteur O‘Grady immer auch das Ziel selbst. Schließlich adelt auch Major Parker den Übersetzer Aurelle: „Sie werden selbst zum Engländer: Sie pfeifen beim Baden, trinken Whiskey und Sie fangen an, Diskussionen zu mögen; wenn Sie noch dazu kämen, Tomaten und rohe Koteletten zum Frühstück zu essen, wären Sie perfekt.“

André Maurois’ Les silences du colonel Bramble
und Les discours du docteur O‘Grady
im französischen Original und in Übersetzungen antiquarisch erhältlich

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