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Übersetzung: Enfim em casa… não? (Endlich zu Hause… oder?)

18 April 2011 One Comment

laurenco_tassen

Ein Brasilianer in Deutschland, der sich beim jährlichen Besuch in der Heimat plötzlich in der Fremde wiederfindet -  hier in deutscher Übersetzung.

von Lourenço Madeira de Medeiros

Etwa einmal im Jahr ereignet sich in meinem Leben eine besondere Situation: Ich fahre heim. Seit einigen Jahren lebe ich in Deutschland, habe hier bereits mein halbes Leben verbracht. Dennoch bin ich nach wie vor durch und durch Brasilianer, geboren und aufgewachsen in Rio de Janeiro. So kann man sich das flaue Gefühl in meinem Magen vorstellen, kurz bevor der Flieger auf dem „Galeão“, dem Flughafen Rios, landet.

In Gedanken liege ich bereits in einer Hängematte, schlürfe Kokoswasser, genieße die Wärme der Sonne und die der Leute hier. In meinen Brasilienaufenthalten lege ich es immer darauf an, soviel Zeit wie möglich barfuß zu verbringen – weg mit den Socken!-, ich höre Bossa Nova und lese, ähm, Thomas Mann.

Wie ich also ankomme, nutze ich erst einmal die Gelegenheit, mir ein Pão de Queijo[1] und einen Kaffee zu gönnen. Naja, der Pão de Queijo am Flughafen war schon immer recht schwach und der Kaffee, nun, der Kaffee wird in einem Tässchen in der Größe eines halbierten Tischtennisballs serviert, eine dieser Tassen mit Mikro-Henkel, in die kein Finger passt – aber gut. Ich werde in den Schoß meiner Familie aufgenommen, Küsse, Umarmungen und wir fahren heim, schließlich bin ich ganz schön erschöpft von der Reise. Besser gesagt, würden wir fahren, wäre da nicht der Verkehr in Rio. Als ob das nicht genüge, taucht immer wieder irgendeiner auf, der sich wie eine Wildsau durch den Stau hupt. Aber ich beruhige mich – schließlich bin ich nicht hier, um mich zu ärgern.

Die Tage verstreichen und ich genieße in vollen Zügen den Strand direkt neben der Wohnung. An einem dieser Tage sonne ich mich an der Copacabana, als mich plötzlich ein Ball erwischt. Ich halte Ausschau nach dem Besitzer, einige Kinder spielen in der Nähe, und ich bin gerade dabei, den Ball bereitwillig zurückzuwerfen, als ich die Worte „Schieß rüber, tio[2]!“ vernehme. Also bitte! Ich weiß nicht, ob du schon mitbekommen hast, dass ich gerade dabei bin. Und hör mal, du Knirps, ICH BIN NICHT DEIN ONKEL! Ich habe nicht einmal das Alter dafür. Naja, vielleicht doch, aber das tut nichts zur Sache.

Später an dem Tag ging ich mit meinem Vater zu der Geburtstagsfeier einer Bekannten. „Es wird nett, Pizza-Rodízio[3]!“ Kaum kamen wir in besagtem Restaurant an, wäre ich beinahe sofort wieder nachhause gegangen. Erst die obligatorische Begrüßungsrunde, noch mehr Küsschen und Umarmungen, ein „Na, Deutscher!“, das ich alsbald aus meinem Geächtnis strich, und ein „Lourenço! Mensch, wie lange ist es her!? Ich habe dich so vermisst, ich mag dich doch sooo gern!“ Ach, was für ein Gegaukel, wir sehen uns zum zweiten Mal im Leben Leben und, um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht einmal an deinen Namen erinnern…

Das Restaurant war rappelvoll, mir gegenüber ein überdimensional großer Fernseher mit leise gestelltem Ton, schreiend-schreckliche Hintergrundmusik und etwa hundert ungebremste Brasilianer, die sich unterhielten, als wäre es das letzte Gespräch ihres Lebens.

Und ich dachte immer, der Gedanke beim Essen gehen wäre, sich ein wenig zu entspannen!?

Da brauchte ich erst einmal dringend einen Kaffee. „Einen Cafézinho[4] also?“ NEIN! ICH WILL EINEN KAFFEE. EINEN RICHTIGEN. OHNE VERNIEDLICHUNG. EINEN RIESENKAFFEE! EINEN KAFFEE, DEN ICH AUCH TRINKEN UND GENIESSEN KANN, UND DAS, IN EINER TASSE, DIE ICH HALTEN KANN!

Warum versteht mich denn hier keiner???

lourenco

1 brasilianisches Käsegebäck

2 port. “Onkel”, verwendet wie dt. “Alter!”

3 eine Art „all you can eat“, bei dem am Tisch serviert wird

4 Verniedlichungsform von Kaffee, “Käffchen”

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