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Übersetzung: Arrangierte Liebe – Vermittelte Ehe

14 April 2013 No Comment

In Ägypten heiraten Familie und Familie. (Foto: Marvin David)

In Kairos Vororten treffen sich Väter und Mütter lediger Mittzwanziger um, mit und ohne Heiratsvermittler, am Eheglück ihrer Kinder zu schmieden. Ein Blick in das ganz alltägliche Beziehungsleben der ägyptischen Gesellschaft.

von Hend Taher

Immer wieder passiert es, dass ich irgendwo entweder von einer Verwandten oder gar von einer beliebigen Frau gefragt werde: „Ich kenne jemanden, der heiraten will. Bist du interessiert?“ Oder ich werde von einem beliebigen Mann – was allerdings weniger passiert – nach der Telefonnummer meines Vaters gefragt, damit er um meine Hand anhalten kann. Der ganz normale ägyptische Alltag für junge Frauen. Trotzdem frage ich mich: Wie und warum heiraten Menschen auf diese Weise? Also mache ich mich auf die Suche nach Leuten, die mir ihre Geschichte zur traditionellen Eheanbahnung erzählen möchten.

In der ägyptischen Gesellschaft ist die Ehe sehr wichtig, einfach deshalb, weil die Religion (sowohl die islamische als auch die christliche), die Gesellschaft und das Gesetz Intimität zwischen unverheirateten Paaren verbieten. Im Normalfall muss die Familie der Ehe zustimmen und die Beziehung der Paare ist unter der Aufsicht der Familie. Die Art und Weise, in der Ehen arrangiert werden, unterscheidet sich dabei von Familie zu Familie, je nach ihren Traditionen, ihrer Religiosität und ihrem sozialen Stand. Gleich bleibt jedoch, dass in allen Fällen die traditionelle Eheanbahnung mit einem arrangierten Treffen zwischen zwei Familien, zwei Männern oder zwei Frauen beginnt.

Ahmed (24, Vertriebsleiter) verlässt sein kleines Apartment in einem Viertel der Mittelklasse. Er ist mit seiner älteren Schwester, einer Hausfrau, auf dem Weg zu einem Date in einem Jugendclub, das von Mona arrangiert wurde – einer freiwilligen Heiratsvermittlerin und Freundin von Ahmeds Schwester. Er wünscht sich ein religiöses, gebildetes Mädchen als Frau, sie sollte 3-5 Jahre jünger sein als er und ein angenehmes Äußeres haben: nicht dick, aber auch nicht zu dünn. Bei ihrer Suche hat Mona auch berücksichtigt, dass das Mädchen keine höhere Qualifikation als Ahmed hat. „In Ägypten würde eine Ärztin keinen Geringeren als einen Arzt oder Ingenieur heiraten”, kritisiert Ahmeds Schwester.

 Während des Treffens sind ebenso die Eltern der jungen Frau anwesend. Ihr Vater, ein Bankdirektor, und ihre Mutter, eine Bankangestellte, fragen Ahmed nicht nur nach seinem Beruf, sondern auch nach seinem Gehalt und wo er mit ihrer Tochter gegebenenfalls leben würde. Währenddessen schweigt die junge Frau. Dann sprechen Ahmed und sie, eine Universitätsabsolventin, privat. Nachdem die junge Frau und ihre Familie gegangen sind, fragt Mona zuerst Ahmed nach seiner Meinung und er bekundet sein Interesse. Also fragt Mona die Familie der Frau. Sie loben zwar Ahmed, aber sein finanzielles Auskommen entspricht nicht ihren Vorstellungen. Das nächste Date mit der nächsten Frau ist jedoch bereits arrangiert. Das Mädchen ist sehr hübsch und tadellos. Abgesehen von einem Kommentar ihrer Mutter, in einem privaten Gespräch mit Mona, über das Gewicht von Ahmed, stimmt die Familie einem weiteren Treffen zu. Aber dieses Mal ist es Ahmed, der ablehnt. Also geht die Suche weiter …

In einem Upperclass-Viertel von Kairo: Mona, die bereits erwähnte Heiratsvermittlerin, bittet mich hinter der Tür – sie trägt ihren Nikab nicht – in ihr luxuriöses Apartment einzutreten. Sie bietet mir einen Saft an und scherzt mit mir freundschaftlich. Sie erzählt mir, dass sie seit 15 Jahren Treffen zur Eheanbahnung arrangiert. Ihr Anliegen sei es, Muslimen, die sich an das islamische Gebot der Keuschheit halten, (und daher voreheliche Beziehungen ausschließen) dabei zu helfen, einen muslimischen Haushalt zu gründen, und vor allem junge Frauen zu unterstützen, einen Ehemann zu finden, da ihre Anzahl im Vergleich zu jener der potenziellen Männern sehr groß ist.

Sie sagt, dass rund 90 Prozent der jungen Männer arrangierte Ehen befürworten, selbst dann, wenn sie nicht besonders religiös sind und bereits viele Freudinnen hatten. Sie empfinden bei dieser Art der Ehevermittlung größeres Vertrauen und müssen nicht fürchten, später herauszufinden, dass das Mädchen aus einer zerrütteten Familie stammt, ihr Bruder ein schlechter Mann ist oder sie außereheliche Beziehungen mit Männern pflegte.

Die Meinung der Familie ist sehr wichtig

Mona berichtet weiter, dass jede Familie die Details der Kontaktaufnahme verschieden arrangiert. Das kann manchmal im Haus sein oder draußen, vielleicht trifft der Vater zuerst den Bräutigam allein bzw. die Mutter oder Schwester des Bräutigams trifft zunächst die Braut. Danach gibt es einen modernen Weg: beide können sich den anderen bereits auf seinem Facebook-Profil ansehen.

Mona hat die Erfahrung gemacht, dass Männer in erster Linie eine schöne Frau wollen, dann sollte sie eine gute Ausbildung haben und aus einer guten Gesellschaftsschicht kommen und zu guter Letzt sollte sie jung, „cool“ und nicht zu dick sein. Einige bevorzugen zudem, dass sie nicht erwerbstätig ist. Im Gegensatz dazu achten die meisten Frauen als erstes auf die finanzielle Situation des Mannes, das heißt, er muss eine Wohnung vorweisen und nicht selten wird auch ein Auto erwartet. An zweiter Stelle sollte er ebenso aus einer besseren sozialen Schicht kommen. Als drittes Kriterium kommen Alter und Aussehen. Einige Frauen sehen über den gesellschaftlichen Status hinweg, wenn der Mann finanziell gut dasteht. Andere Frauen schauen weniger auf das Geld, besonders wenn sie bereits älter als 26 sind.

 Mona erklärt, dass die Meinung der Familie sehr wichtig ist. Wenn die Familie des Mannes mit der Braut nicht einverstanden ist, werden sie ihm immer abraten und versuchen, ihn davon zu überzeugen, es sein zu lassen. Auf Seiten der Frau verhält es sich anders: Sie kann jeden Bräutigam ablehnen, auch wenn ihre Familie ihn mag. Aber auch hier gilt: Sollte ihre Familie den Bräutigam ablehnen, dann ist es vorbei. „Natürlich würde sich keine Frau wegen eines Mannes, den sie nicht einmal kennt, gegen ihre Familie stellen“, sagt Mona.

In einem traditionellen Viertel: Der 27 Jahre alte Ingenieur Muhammad verbringt derzeit seine Ferien in seinem Heimatland Ägypten auf der Suche nach dem richtigen Mädchen. Er hat gehört, dass der Imam in der nahen Moschee, in der er betet, eine Schwester hat. Er weiß, dass dies eine respektable Familie ist, also arrangiert er ein Treffen mit dem Vater der beiden, einem Lehrer. Zuvor holt sich der Vater die Erlaubnis seiner Tochter Eman ein, um Muhammad außer Haus zu treffen. „Mein Vater kann Männer besser beurteilen als ich“, sagt Eman. Die Studentin hat nie einen Mann außerhalb ihrer Familie persönlich kennengelernt, weil die Tradition dies verbietet. Ihr Traummann sollte religiös, verständnisvoll, elegant und gütig sein. Ihr Vater versichert sich, dass Muhammed ein guter Mann ist, eine Wohnung hat und bereit ist zu warten, bis Eman in zwei Jahren ihr Studium beendet hat. Danach besucht Muhammed sie mit seiner Mutter zu Hause. Eman trägt wie immer ein langes, weites Kopftuch und einen Mantel, sie hat einen natürlichen Look, ohne Make-up. „Ich fühle mich bei ihm wohl“, sagt Eman nach dem Treffen mit einem schüchternen, aber fröhlichen Lächeln.
Einigen Tage später diskutieren Muhammed und Emans Vater allein über die finanziellen Angelegenheiten. Der Vater legt nur einen Mindestbetrag als Brautgabe für Muhammed fest und verspricht ihm, bei den Vorbereitungen für die Wohnung zu helfen. Eman stimmt dieser Übereinkunft zu, aber ausgehandelt wird sie allein von ihrem Vater, denn er ist ihr Wali („Beschützer“ im islamischen Sinn) und er wird für die Einrichtung der Wohnung und die Hochzeitsfeier bezahlen. Sie könnte noch über die Details der Vereinbarung verhandeln, aber nur mit ihrem Vater persönlich, denn andernfalls würde sie das Ansehen ihres Vaters bei Muhammad schmälern.

Während dieser einen Woche besucht Muhammed Eman und ihre Familie zu Hause. Und am Ende der selbigen wird eine kleine Verlobungsfeier zu Hause veranstaltet. In ihrer Klasse an der Universität verteilt Eman Schokolade und zeigt die Fotos, auf denen ihre Freundinnen sie zum ersten Mal mit einem weniger strengen Hijab sehen, geschminkt und händchenhaltend mit ihrem Verlobten.

Die traditionelle Ehe bedeutet Ehre und Respekt gegenüber der Frau
Die Verlobung ist eine Zeit, um zu erkennen, ob beide zueinander passen. „Umso näher wir uns kommen, umso besser lerne ich ihn kennen“, findet Eman. Ich frage, ob eine Woche bis zur Verlobung nicht eine sehr kurze Zeit ist? Und ihre Antwort ist, dass unsere Gesellschaft es nicht akzeptiert, dass ein Mann sie besucht, bevor sie nicht offiziell verlobt sind.

Zwei Wochen später reist Muhammed zurück zu seiner Arbeit. Für 7 Monate bleiben sie per Skype in Kontakt, und während seines Urlaubs besucht er sie zu Hause. Für Eman bedeutet der traditionelle Weg Ehre und Respekt gegenüber der Frau, denn der Mann ist derjenige, der um die Hand der Frau bei ihrer Familie anhalten muss. Und sie kann ihn akzeptieren, oder eben nicht. Sie findet außerdem, dass der traditionelle Weg mehr Schutz biete, weil Frauen im Allgemeinen schwächer seien als Männer. Der Mann würde sich vor dem Beschützer der Frau in Acht nehmen und ihr so kein Leid antun. Andernfalls würde er vielleicht die Frau betrügen, sich mit ihrem Geld davon machen oder mit ihren Gefühlen spielen.

Eman erzählt mir eine Geschichte von einer Verwandten, die sich in einen Mann verliebte, aber ihre Familie löste die Verlobung nach 2 Monaten auf, wegen Unstimmigkeiten mit der Familie des Mannes. „Ich kann einen nicht Mann hinter dem Rücken meiner Familie lieben; meine Familie lehnt ihn ab und dann kommt es vielleicht noch zum großen Knall zwischen ihnen und mir“, sagt Eman. Ihrer Meinung nach kommt es bei der arrangierten Ehe nur dann zu Nachteilen, wenn der Vater die Meinung der Tochter nicht beachtet oder wenn das Paar sich während der Verlobungsphase nicht gut kennenlernt.

Ich treffe Belal an der Uferpromenade des Nils in Kairo. Er liest ein islamisches Buch. Ich komme mit seiner Nichte Noha, er begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln und “as-salamu ´alaikum“ – die Hand schüttelt er aber nur mit Noha, denn er lehnt es aus religiösen Gründen ab, fremde Frauen zu berühren und dazu gehört auch der Händedruck. Er bietet uns Frühstück an, dann beginnt er seine Geschichte zu erzählen:

Als Belal, Ingenieur und Masterstudent für Astronomie und Raumfahrttechnik, 30 Jahre alt und noch ledig war wohnte er in einer volkstümlichen Gegend. Es war ok für ihn eine Frau ohne Verlobung „kennenzulernen“, solange die Beziehung Scharia-konform ist, das heißt: keine Romanze, kein Berühren.

Belal findet, dass viele arrangierte Ehen erfolgreich sind, während die meisten Liebespaare sich in der ersten Phase der Verliebtheit von ihrer besten Seite zeigen, aber erst nach der Hochzeit einander wirklich erkennen und dann scheitern „Liebe macht blind“, sagt Belal. Deswegen ist es einer der Vorteile von arrangierten Ehen, dass die Liebe nach der Heirat kommt, beim alltäglichen Zusammenleben. Er findet, dass ein Schaden vor allem dann entstehen kann, wenn jemand zu verlegen ist, um eine Verlobung wieder zu lösen, aus Sorge über das Gerede der Leute, obwohl er merkt, dass diese Beziehung keine Zukunft hat. Dabei bestehe der Sinn der Verlobung ja gerade darin, herauszufinden, ob man zusammenpasse.

Die finanziellen Belange sind eine Angelegenheit der Männer

 Er sucht seit etwa 2 Jahren nach einer respektablen Familie mit einer religiösen und tugendhaften Tochter. Die Frau muss auch von seiner Familie akzeptiert werden, denn sie werden zusammen im selben Haus leben. „Ich heirate nicht in Amerika und ziehe dann mit meiner Frau fort – es ist mehr so, dass eine Familie eine Familie heiratet“, sagt Belal. Die Meinung seiner Mutter ist am wichtigsten. Früher gab es mal eine Frau, die ihm wirklich gefallen habe, aber seine Mutter war absolut gegen sie. „Das ist die Autorität der Liebe – ich liebe meine Mutter sehr und möchte sie nicht vor den Kopf stoßen.“

Einige, die Enas (27, Ärztin) gut kennen, haben sie Belal vorgeschlagen. Das gibt ihm Sicherheit und Vertrauen. Zwei Wochen lang trifft er sie und ihren Vater in ihrem Haus bis er sicher ist, dass das wichtigste für eine Ehe vorhanden ist: Übereinstimmung in Hinblick auf ihre Vorstellungen und Ziele im Leben.

Beide stimmen einer Verlobung zu. Also besprechen er und Enas‘ Vater die finanziellen Belange. Für Belal es ist selbstverständlich und angemessen, dass nur Männer über das Thema Finanzen diskutieren. „Das ist eine Angelegenheit der Männer“, sagt er. Männer seien sich der Lebenswirklichkeit bewusster, während Frauen emotionaler seien und aus einer träumerischen Perspektive sprechen. Gott sei Dank haben Enas und ihre Familie Verständnis für seine momentan bescheidenen finanziellen Verhältnisse, obwohl es nicht einfach für Enas ist. Sie ist Ärztin und möchte finanziell nicht schlechter dastehen als andere.

Sechs Monaten nach der Verlobung haben sie geheiratet und führen seitdem eine glückliche Ehe. Heute ist er 34 und sagt mit breitem Lächeln: „Ich habe meinen Schatz gefunden. Ich bin glücklich und stolz auf ihre Moral.“

Nachdem ich mein Recherchegespräch mit Mona, der Heiratsvermittlerin, beende stellt sie auch mir die obligatorische Frage, ob ich jetzt nicht auch an einem arrangierten Treffen interessiert sei.

Hend Taher (21) lebt in Kairo und studiert Germanistik an der al-Azhar-Universität. Sie arbeitet neben dem Studium als freie Journalistin und publiziert auf Arabisch, Deutsch und Englisch.
Mail: hendtaher0@gmail.com

(Foto: Marvin David)

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