Home » LebensArt, Leitartikel

Entspannte Weltstars auf Zwischenstopp in Jena

18 Juli 2014 No Comment

Eines der musikalischen Highlights der Kulturarena 2014 zog gestern 2.200 Menschen auf den Theatervorplatz – und hunderte mehr lauschten in den umliegenden Straßen: Travis beehrten die Saalestadt.

von Robert

Ergraute Haare, ein Bart bis zum Kinn und das ganze geziert von einem Hut, der für zwei Köpfe genügen würde. Der Mann auf der Bühne hat auf den ersten Blick mehr Ähnlichkeit mit einem Landstreicher, als mit dem schelmisch grinsenden Jüngling aus früheren Musikvideos. Doch sobald Francis Healy seine unverwechselbare Stimme für ein paar Takte erklingen lässt, ist jedem klar: Travis sind zurück. Nach fast sieben Jahren musikalischer Pause haben sich die vier Schotten wieder zusammengefunden, um mit Where you stand ihr siebtes Studioalbum zu veröffentlichen. Die anschließende Tour führte die Band um den gesamten Globus – und unter anderem gestern nach Jena.
Wer bisher keine Zeit gefunden hatte, sich die aktuelle CD zu Gemüte zu führen, musste beim Konzert trotzdem nicht viel zu befürchten: Neue Song wie Reminder oder Where you stand waren eher Mangelwahre. Stattdessen ließ es sich die Band nicht nehmen, einen ihrer Radiohits nach dem anderen zu spielen: Closer, Side, Driftwood , Sing, Flowers in the Window

Dabei glänzten Travis mit einer unglaublich soliden Performance: Neil Primrose als unverwüstliches Rhythmusfundament, Dougie Payne als groovende bassmachine, Andy Dunlop als leidenschaftlicher Gitarrenvirtuose und schließlich Francis Healy als charismatischer Entertainer-Frontmann und Sänger. Der 41-jährige Wahlberliner überbrückt jeden Patzer auf der Bühne mit einem galanten Witz, erzählt Anekdoten aus seinem Leben oder wickelt das Publikum mit Glückwünschen zur WM um den Finger. Diese locker-verspielte Attitüde war ein Charakteristikum des gesamten Abends. Die vier Musiker agierten trotz permanenter Gitarrenwechsel und striktem Zeitplan unglaublich entspannt und gelassen. Dunlop und Payne schienen immer wieder einen Moment zu finden, um sich mit ihren Bieren zuzuprosten, und wenn Healey sich in einem minutenlangen Monolog über die Entstehungsgeschichte des Songs Reoffender auslässt, wirkt weder er gehetzt noch das Publikum gelangweilt.
Man konnte den Vieren einfach anmerken, dass sie sich noch immer mögen, dass sie da oben – zwischen den etlichen Mikrofonen, den Kabeln, Boxen, Scheinwerfern – auch irgendwie zu Hause sind. Und dass Healy, Dunlop, Payne und Primrose nach über 20 Jahren vielleicht in die Jahre gekommen, aber noch lange nicht alt sind.

(Fotos: © Holger John)

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Wenn Musik einfach Musik ist: Junip in Jena Bei einem der wenigen Auftritte in Deutschland diesen Sommer beehrten Junip auch die Kulturarena. Und eine Ehre war es. von Anna Zunächst ist das überlebensgroße Reh, das die Zuschauer als nahezu einzige Bühnendekoration begrüßt, ein wenig fragwürdig: Wieso wählt eine...
  2. Charles Bradley – Der Screaming Eagle of Soul beehrt Jena Mit dem Konzert des spät erweckten Urgesteins ruft die Kulturarena für einen Abend lang die Erinnerung an die großen, glamourösen Zeiten des amerikanische Funk und Soul wach. von Babs und Caro Harlem, New York, in den frühen 60er Jahren: Im...
  3. A night like this – Caro Emerald in Jena Das erste ausverkaufte Konzert der Kulturarena dieses Jahr braucht lange Zeit, um in Schwung zu kommen. von Babs Der Theatervorplatz ist voll mit Menschen. Menschen jeglichen Alters – von sieben bis siebzig Jahren sind alle vertreten, Familien, Studenten, Freundesgruppen. Alle...
  4. No Museum for Dead Jazz Die französchische Electro Deluxe Big Band eröffnete gestern jazzig die Konzertarena. Ruhe wurde dabei nicht geduldet, weder auf der Bühne, noch im Zuschauerraum. von Robert Wer spielt heute noch Jazz? Popgrößen wie Bruno Mars oder Lana del Ray lassen maximal...
  5. Ein König verirrt sich nach Jena Gestern Abend spiele Al di Meola in der Kulturarena in Jena und glänzte vor ausverkauften Plätzen mit einem zweistündigen Akustik-Set. von Robert Lässig betritt er die spartanisch ausgestattete Bühne, auf der sich nur drei Stühlen, ein Schlagzeug und wenige Mikros...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>