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Mit Engagement für die eigene Heimat

17 Mai 2016 No Comment
Marie Alomba Kingombe (oben) und Pascal Ndagijimana Rwakana (unten, links im Bild) gehören zu den Stipendiaten von Studieren ohne Grenzen.

Marie Alomba Kingombe (oben) und Pascal Ndagijimana Rwakana (unten, links im Bild) gehören zu den Stipendiaten von Studieren ohne Grenzen.

Der Verein Etudes sans Frontières – Studieren ohne Grenzen unterstützt Studierende in Krisenregionen bei Aufbauprojekten. Seit Kurzem gibt es eine Lokalgruppe in Jena.

von Alexandra Engel

Kindu, Demokratische Republik Kongo: Hochmotiviert geht Marie Alomba Kingombe am Morgen in das Gesundheitszentrum „Centre Médical la Providence“. Hier arbeitet sie unter anderem zusammen mit einem Arzt und vier Krankenschwestern. Bis dato war das Versorgungsangebot für Schwangere und Mütter in Kindu sehr dürftig und noch heute mangelt es in der Region an Krankenpflegepersonal. Der Schwerpunkt der medizinischen Arbeit ist die Betreuung und Behandlung von Schwangeren sowie von Müttern und ihren Neugeborenen: Marie und ihre Kollegen möchten die Risiken der Schwangerschaft und der Entbindung soweit es geht eindämmen. Die junge Frau leitet als ‚Directrice de Nursing‘ die Schwestern an; der Aufbau der Mütterstation war ihre eigene Idee. Finanzielle Unterstützung erhält das Gesundheitszentrum von der Kirche „L’Eglise 21ème CNCA à Kindu“, die die sonntägliche Kollekte der Gesundheitseinrichtung spendet.
Marie hat bereits im Studium praktische Erfahrung und Kenntnisse für diese Arbeit gesammelt: In Kindu studierte sie zunächst Geburtshilfe und konzentrierte sich im anschließenden Master auf den Bereich „Öffentliche Gesundheit“. Ohne das Stipendium des gemeinnützigen Vereins Etudes sans Frontières – Studieren ohne Grenzen Deutschland e.V. hätte Marie ihr Studium nicht absolvieren können, da ihre Familie das Geld für Studiengebühren nicht aufbringen konnte. „Die Unterstützung war von großer Bedeutung für mich, da ich auch über das Finanzielle hinaus wichtige ideelle Förderung und Hilfe erhalten habe. Diese Unterstützung hätte mir keiner sonst in dieser Form geben können“, erklärt die ‚Directrice de Nursing‘. Der studentische Verein unterstützt Studierende in Kriegs- und Krisenregionen, die einen Beitrag zum Wiederaufbau ihrer Heimat leisten wollen: Durch die Vergabe von Stipendien werden Studierende wie Marie gefördert, die sich mit einer Projektidee im sozialen Bereich bewerben, die sie nach ihrem Studium umsetzen.

Hilfe zur Selbstständigkeit statt bloßer Finanzierung
Die Arbeit von Studieren ohne Grenzen beruht auf dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ und setzt dabei auf die Wirkung des Multiplikatoreffekts. Marie etwa hatte bereits vor ihrem Studienabschluss mit einigen Freundinnen eine Frauenorganisation gegründet. Die Mitglieder tauschen sich über Themen wie Kindererziehung und Ernährung aus. Außerdem werden regelmäßig Workshops angeboten, in denen beispielsweise vermittelt wird, wie man Brot backt oder Seife herstellt – letzteres ist besonders wichtig, denn Seife wird in Kindu sonst teuer importiert. So hat Marie einigen Frauen auch zu mehr Selbstständigkeit verholfen, da sie ihre selbstproduzierte Seife nun verkaufen können.
Mit dem gleichen Engagement geht Marie nun auch an die Arbeit in der Geburtsstation. Sie möchte den Frauen ihr Wissen aus dem Studium weitergeben und dazu beitragen, dass die hohe Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen in der Region sinkt. Doch das Mütterzentrum ist auch eine große Herausforderung für die junge Frau: Die Beschaffung von Medikamenten ist schwierig, ebenso fehlt es an medizinischen Instrumenten und Material, um die Patienten angemessen zu versorgen.

Stärkung der lokalen Landwirtschaft
Etwa 700 Kilometer nordöstlich von Kindu befindet sich die Region Kivu, die sich durch klimatisch besonders günstige Bedingungen für die Landwirtschaft auszeichnet. Trotzdem gibt es auch dort Hunger, da die Gegend durch die Zerstörungen während der Kriege in den letzten zwei Jahrzehnten in weiten Teilen brachliegt und der Bevölkerung größtenteils die Kenntnisse zur landwirtschaftlichen Nutzung fehlen. Pascal Ndagijimana Rwakana und seine inzwischen 15 Mitarbeiter bewirtschaften dort ein Feld zum Anbau von etwa 4.000 Kohlpflanzen. Der geerntete Kohl wird anschließend in der Provinzhauptstadt Mweso verkauft. Durch den Ertrag möchte Pascal die Finanzierung einer Hennen- und Kaninchenzucht sichern. Neben der Arbeit auf dem Feld gibt Pascal außerdem Lehrseminare für Schulklassen. „Durch den Handel mit Lebensmitteln und der Weitergabe von Wissen, beispielsweise über die Viehzucht, möchte ich zur Stärkung der lokalen Landwirtschaft beitragen“, erklärt er.
Auch Pascal gehört zu den bereits über 200 geförderten Stipendiaten, die mit einem Stipendium von Studieren ohne Grenzen gefördert wurden und soziale Projekte in ihrer Heimat umgesetzt haben. Ein Stipendium umfasst die Übernahme von Studiengebühren, Lehrmaterialien und Prüfungsanmeldungen. Durch die Förderung konnte Pascal sein Studium am agrarwissenschaftlichen Institut Supérieure d‘Études Agronomiques (ISEA) in Mweso erfolgreich abschließen und weiß, worauf es beim Gemüseanbau und bei der Tierhaltung ankommt. Mit den eiweißreichen Produkten der Legehennen- und Kaninchenzucht möchte er die Unterernährung der örtlichen Bevölkerung bekämpfen. Obwohl potenzieller Diebstahl und fehlende Medikamente für die Tiere eine Gefahr für die Umsetzung seines ehrgeizigen Projekts darstellen, ist Pascal fest entschlossen, seinen Beitrag zum Wiederaufbau der Region zu leisten. Als Vater von fünf Kindern profitiert Pascal auch persönlich von der Feldarbeit: „Mit dem Gewinn aus dem Gemüseanbau habe ich für mich und meine Familie ein Haus gebaut.“

Neue Lokalgruppe in Jena gegründet
Das agrarwissenschaftliche Institut, das Pascals Ausbildung ermöglicht hat, möchten Jenaer Studierende durch den Aufbau einer didaktischen Farm unterstützen, damit dort das Kursangebot erweitert und Viehzucht in der Praxis ausprobiert werden kann. Als neue Lokalgruppe von Studieren ohne Grenzen hat sich neben den anderen bundesweit 17 Lokalgruppen im Wintersemester 2015/16 auch in Jena ein Team zusammengefunden. Gemeinsam mit der Lokalgruppe München startet das Jenaer Team eine Crowdfunding-Aktion im Internet, um das benötigte Geld für die didaktische Farm zu akquirieren. Langfristig soll sich die Farm durch den Verkauf von Kälbern und Küken selbst finanzieren. So wird ebenso wie durch die Projekte von Pascal und Marie eine nachhaltige Entwicklungshilfe gewährleistet und versucht, die Bevölkerung in den Zielregionen langfristig unabhängig von Geldhilfen zu machen.

Die Autorin ist Mitglied der Lokalgruppe Jena von Etudes sans Frontières – Studieren ohne Grenzen.

Etudes sans Frontières – Studieren ohne Grenzen Deutschland e.V. wurde 2006 gegründet und hat bereits über 1.200 Mitglieder. Der gemeinnützige Verein unterstützt Studierende in den Zielregionen Demokratische Republik Kongo, Tschetschenien, Sri Lanka und Afghanistan. Zwei neue Projekte in Guatemala und Burundi werden derzeit geplant. Die vielfältigen Möglichkeiten reichen vom Aufbau einer Hühnerzucht über Lehrseminare bis hin zu Empowerment-Projekten für Vergewaltigungsopfer. Durch lokales Fundraising, Crowdfunding usw. werden auch Bildungsinfrastrukturprojekte wie der Aufbau von Solarpanels zur Stromversorgung oder die Einrichtung eines PC-Pools an den Einrichtungen in den Zielregionen ermöglicht. Zudem wird die deutsche Bevölkerung durch Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen auf die Situation der Partnerländer aufmerksam gemacht.
Aktuelle Informationen zu den wöchentlichen Treffen und Veranstaltungen in Jena sowie vieles mehr findet ihr auf facebook.com/sogjena und studieren-ohne-grenzen.org/lokalgruppen/jena.

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