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Lehren – Lernen – Kennenlernen

17 Oktober 2016 No Comment

Frauke Peisker (links) mit Thüringens Migrationsminister Lauinger (zw.v.l.) bei der Übergabe eines Zuwendungsbescheids (Foto: KSB Jena)

Der Mangel an offiziellen Integrationskursen lässt Sprachförderung zum Ehrenamt werden. Doch was können unqualifizierte Deutschlehrer leisten? Das Thüringer Sprachnetzwerk will Freiwilligen Antworten auf diese Frage bieten – und eine Anlaufstelle.

von Lara

Seit vor etwas mehr als einem Jahr die Grenzöffnung das deutsche Organisationstalent Lügen gestraft hat, sind sie überall: Sie verteilen Decken und Tipps, geben psychologische Beratung und übersetzen Mietverträge. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer haben längst das Gros der Arbeit übernommen und tragen die Infrastruktur der „Flüchtlingskrise“ – auch im Bereich der Sprachförderung. Zwar herrscht darüber Einigkeit, dass Deutschkenntnisse einen Schlüsselaspekt erfolgreicher Integration darstellen. Jedoch sind die Bedingungen für die Teilnahme an den offiziellen Integrationskursen so hoch, dass von etwa 900.000 Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, nicht einmal 125.000 zugelassen wurden. Asylbewerber, die nicht über eine Aufenthaltsgenehmigung oder sehr gute Aussichten auf eine solche verfügen, fallen durch das Raster. Während aber die Verteilung von Lebensmitteln keiner besonderen Ausbildung bedarf, mangelt es im sprachlichen Bereich an allen Enden an qualifizierten Lehrern. Und so finden sich unzählige Freiwillige ohne jede Ausbildung oder Hilfestellung mit einer Aufgabe konfrontiert, die eigentlich ein jahrelanges Studium voraussetzt.
Um diesen Helfern einen Anlaufpunkt zu bieten und Austausch zu ermöglichen, hat die Kindersprachbrücke Jena dieses Jahr das Thüringer Sprachnetzwerk ins Leben gerufen. Als Teil des wachsenden Marktes an ehrenamtlicher Hilfe für Ehrenamtliche will das Projekt freiwillige Sprachlehrer vernetzen und in ihrem Selbstverständnis schulen. „Die Motivation der Ehrenamtlichen ist sehr groß“, beschreibt Projektkoordinatorin Frauke Peisker, „doch oft neigen sie dazu, sich zu überfordern und zu hohe Erwartungen an ihre Arbeit zu stellen. Die Frustration, die die Freiwilligen dann erfahren, wollen wir mit professioneller Unterstützung auffangen.“ Hierzu bietet das Sprachnetzwerk, das vom Thüringer Ministerium für Migration, Justiz und Verbraucherschutz gefördert wird, Interessenten an zwei Samstagen im Monat kostenlose Fortbildungen an. Dabei liegt der Fokus darauf, welche Möglichkeiten und Ressourcen den Helfern offenstehen und wie man damit sinnvoll umgeht.

Integration durch Brötchen
Denn oft werden diese Möglichkeiten überschätzt: „Man muss sich, wenn man als Ehrenamtlicher mit Flüchtlingen arbeitet, darüber bewusst sein, wo die eigenen Grenzen liegen“, erklärt Patrick Grommes, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Interkulturelle Studien der Uni Jena. „Ich kann weder innerhalb weniger Wochen erreichen, dass sich jemand sprachlich völlig unabhängig bewegen kann, noch erspare ich ihm irgendwelche systematischen Sprachkurse.“ Vielmehr müsse das Ziel ehrenamtlicher Sprachvermittlung darin liegen, den natürlichen Sprach-Erwerb ein wenig zu steuern und die Alltagskommunikation zu vereinfachen. Themen wie „Wie lese ich den Busfahrplan?“ oder „Wie kaufe ich Brötchen?“ sind für die Neuankömmlinge erstmal entscheidender als das Auswendiglernen grammatikalischer Regeln – und Teil eines Lernprozesses, der auch ohne Sprachkurs stattfindet. „Die Flüchtlinge stecken gleich im Sprachbad, weil sie im Land sind und sich darin bewegen müssen“, so Grommes. „Durch den ehrenamtlichen Unterricht bekommen sie es im geschützteren Raum nochmal etwas vorsortiert.“
Wie genau diese Sortierung vorgehen soll weiß dabei allerdings keiner so richtig. Die „Flüchtlingskrise“ hat nicht nur den deutschen Bürokratieapparat, sondern auch Teile der Sprachforschung ins Chaos gestürzt. Traditionell bestand eine klare Trennung zwischen dem Erlernen von Deutsch als Fremdsprache und als Zweitsprache (siehe Infobox). Jetzt, da unzählige Menschen ohne jedwede Vorbereitung im Land leben, bröckelt diese Unterscheidung langsam, aber stetig. „Die Flüchtlinge befinden sich in der Situation eines ungesteuerten Spracherwerbs wenn sie hier im Land ankommen und mit der deutschen Sprache konfrontiert werden. Dazu kommt aber auch die eine oder andere Form von Unterricht“, beschreibt Sprachwissenschaftler Grommes die Problematik. Auch wenn sich die Flüchtlinge in einer typischen DaZ-Situation befinden, kann völlig ungesteuerter Spracherwerb die zur Integration samt Arbeitssuche notwendige Sprachkompetenz nicht bewirken. „Da besteht momentan eine Forschungsdebatte, welche Methodik nun angebracht ist bei dieser Zielgruppe, die genau dazwischen hängt.“

Deutsch als Fremd- und Zweitsprache:

Die klassische Unterscheidung zwischen dem Erlernen von Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache basiert auf dem Ausmaß, in dem der Prozess des Spracherwerbes gesteuert wird. Während DaF im Normalfall durch institutionellen Sprachunterricht im Ausland und ohne direkte Interaktion vollständig gesteuert erlernt wird, bezeichnet DaZ den ungesteuerten Lernprozess im Land durch direkte Alltagskommunikation. Ein Beispiel für diesen ungesteuerten Spracherwerb ist das Erlernen der Muttersprache. Diese strikte Trennung steht jedoch seit der „Flüchtlingskrise“ in der Diskussion.

Für Ehrenamtliche ist diese Situation besonders schwierig, da sie zwar steuernd eingreifen, einen vollwertigen Fremdsprachenunterricht jedoch keinesfalls ersetzen können. Den angemessenen Zwischenweg zu finden ist schwierig, vor allem im Umgang mit Unterrichtsmaterialien, die zum überwiegenden Teil auf den Unterricht von Deutsch als Fremdsprache ausgelegt sind.

Lernprozesse auf beiden Seiten anregen
Genau diese Aufgabe steht nun auch bei den Weiterbildungen des Thüringer Sprachnetzes auf dem Programm: Nach einer einführenden Betrachtung der Rolle als Freiwilliger geht es in den zwei Tagen um grundlegende Unterrichtsansätze und den Umgang mit vorhandenen Materialien. Letztere sollen durch einen gemeinsamen Materialpool bereitgestellt werden: Durch enge Kooperationen mit Sprachforschungseinrichtungen insbesondere der Uni Jena will die Kindersprachbrücke Sprachwissenschaftler und Ehrenamtliche vernetzen, um auf beiden Seiten Lernprozesse zu ermöglichen. Vollwertige Sprachlehrer kann man in zwei Tagen nicht ausbilden – wohl aber Helfer mit einem realistischen Bild von sich selbst und ihrer Rolle. „Sie bekommen jemanden, der sieht, was seine Aufgabe ist und warum es nichts nützt, sich mit dem Rechtschreibduden daneben zu setzen“, fasst Grommes zusammen.
Interesse an dem Angebot besteht in ganz Thüringen. „Weiterbildungen haben bisher neben Jena unter anderem auch im Saale-Holzland-Kreis, in Meiningen oder in Apolda stattgefunden“, berichtet Sprachnetzwerkkoordinatorin Peisker. In Zukunft soll das Projekt auch auf Nord- und Südthüringen ausgeweitet werden. Die Resonanz bezüglich der bislang neun Schulungen kommt von den verschiedensten Seiten: Unter den im Schnitt neun bis zwölf Teilnehmern ist von 17-jährigen Schülerinnen über den engagierten Durchschnittsstudenten bis hin zum pensionierten Deutschlehrer alles vertreten. „Die Thüringer Ehrenamtlichen sind so vielfältig wie die Geflüchteten auch“, so Peisker.

Veränderte Zielsetzung
In Zukunft soll diesen Menschen neben den Fortbildungen ein breiteres Spektrum an Hilfestellungen geboten werden. Denn mit der Zeit haben sich die Bedürfnisse und Ziele geändert: „Die Menschen sind nun nicht mehr ganz neu in Deutschland – oder auf der anderen Seite in ihrer Rolle als Ehrenamtliche“, erklärt Peisker. „Die Fragen sind nun andere und auch die Deutschbegleitung ändert sich.“ Hier soll in Zukunft durch weiterführende Workshops zu Themen wie Aussprache oder Sprachspiele angesetzt werden; auch eine individuellere Beratung und ein intensivierter Austausch sind geplant – nicht nur im sprachlichen Bereich, sondern auch mit dem Bildungs-, Arbeits- oder Wohnungsmarkt. „Da die ehrenamtlichen Deutschbegleiter oft zu Vertrauenspersonen werden, wenden sich die Geflüchteten natürlich auch mit diesen Fragen an sie“.
Lernen in einer persönlichen, ungezwungenen Beziehung – hierin liegt einer der Vorteile der ehrenamtlichen Sprachförderung und etwas, was offizielle Integrationskurse nicht so einfach leisten können. Das geht jedoch zulasten der Wissenschaftlichkeit: Weder Peisker noch Grommes können zum Erfolg ehrenamtlich betreuter Sprachkurse auf irgendwelche Zahlen oder gar Studien verweisen. Wegen der Neuartigkeit der Problematik fehlt es an einem umfangreichen Forschungshintergrund; die Tatsache, dass ehrenamtliche Arbeit über unzählige mehr oder minder organisierte Vereine völlig dezentral verläuft, tut ihr Übriges. „Da kann man nicht sagen, wie viel genau es bringt“, so Grommes. „Das sollte man aber auch nicht. Die Verantwortung für die Sprachausbildung für Schule und Beruf liegt dann bei staatlichen Stellen – und da sollte der Staat auch seiner Aufgabe gerecht werden.“

Infos zum Sprachnetz und Termine finden sich unter kindersprachbruecke.de/sprachnetz

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