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„Das mit den Büchern passiert mir einfach so“

8 Juli 2016 No Comment

Sarah Kuttner: "Ich sehe mich überhaupt nicht als Autorin" (Foto: Jane Knoll)

Sarah Kuttner im Interview über ihr Buch 180 Grad Meer, ihr Doppelleben als Autorin und Moderatorin und Privates im Social Media-Zeitalter.

unique: In einer Rezension zu deinem aktuellen Buch war zu lesen, du seiest mittlerweile zur „ernsthaften Bestseller-Autorin“ geworden. Macht dich das stolz, oder klingt’s dir zu spießig?
Sarah Kuttner: Ich glaube nicht, dass das stimmt, aber es klingt sehr schön. Ich mache mir eigentlich gar keine Gedanken darüber, ob ich „ernsthaft“ oder „eine Bestsellerautorin“ bin… ich setz’ mich einfach hin und schreib’ ein Buch, gebe es ab – fertig!

Bei Mängelexemplar ging es um Depressionen, in 180 Grad Meer dominiert das Thema Familie. Steckt in jedem deiner Bücher auch ein bisschen von dir selbst, vielleicht auch die Verarbeitung von etwas, das dir selbst widerfahren ist?
In jedem Buch steckt viel von mir drin, aber es sind eher Kleinigkeiten – beispielsweise so etwas wie Musikvorlieben, Lieblingseissorten… manchmal auch Ansichten zum Leben. Aber die großen Überthemen, die du genannt hast, sind nicht meine Themen, es ist nie autobiografisch. Die Geschichte der Jule in 180 Grad Meer ist nicht meine Geschichte; man kann nicht sagen, dass Jule viel mit mir gemeinsam hat. Ich kann manche ihrer Gedanken sehr gut nachvollziehen, andere sind mir komplett fremd.

Früher warst du ja als Moderatorin immer die Interviewende. Ist es für dich noch in irgendeiner Form seltsam, als Autorin jetzt die Gefragte zu sein?
Eigentlich mag ich beides gern und mache ja beides seit Jahren ungefähr in gleichem Maße. Ich interviewe ja beruflich immer noch wahnsinnig oft Leute, zuletzt erst bei „Kuttner plus 2“. Ich glaube, ich werde tendenziell lieber interviewt, als dass ich der bin, der Fragen stellt, denn das ist nun mal Arbeit – man muss sich konzentrieren, will keinen Mist fragen, man ist angespannt. Insofern ist es immer ein bisschen angenehmer, so wie jetzt da zu sitzen und nicht zu fragen.

Würdest du dich in Zukunft für eines dieser beiden Standbeine entscheiden wollen?
Moderatorin sein ist für mich mein Beruf; das mit den Büchern passiert mir einfach so etwa alle vier Jahre. Ich sehe mich überhaupt nicht als Autorin, vor allem nicht hauptberuflich. Ich schreibe höchstens ein halbes Jahr an einem Buch; wenn ich eine Geschichte im Kopf habe, weiß ich ziemlich genau, was ich davon will. Das Tippen geht dann schnell – danach ist das für mich durch und ich bin wieder Moderatorin.

Als Moderatorin, unter anderem bei Formaten wie Ausflug mit Kuttner oder Kuttner plus 2, hast du unglaublich viele interessante Menschen getroffen. Welcher davon ist dir am meisten im Gedächtnis geblieben, und warum?
Das ist schwer zu sagen. Aus lauter Liebe und Verbundenheit würde ich sagen: Roger Willemsen. Weil ich ihn seit inzwischen 15 Jahren kannte, und weil Roger immer ein unfassbar freundlicher Mensch war. Alle Leute hatten vor ihm beim ersten Treffen immer einen super Respekt, manche fast Angst – aber Roger hat immer jedem – selbst dem kleinsten Kabelträger – das Gefühl gegeben: Du bist total super so, wie du bist. Wir haben uns so oft getroffen in den 15 Jahren, haben viele verschiedene Dinge zusammen gemacht. Und vielleicht auch ein bisschen, weil er jetzt nicht mehr da ist, ist er von allen der tollste Typ.

Du bist ja auch durchaus umtriebig in den Sozialen Medien. Ab und an postest du auch mal ein Foto von deinem Abendessen. Was hat’s denn damit auf sich?
Ich habe das damals eher so als Protest-Bewegung zu den vielen schicken Food-Fotos gemacht. Mein Essen sieht einfach nicht spektakulär aus – da liegt halt eine Stulle auf’m Teller. Ich bin eben ein Fan davon, mit solcher Perfektion zu brechen und zu zeigen, dass jeder immer ein bisschen hässlich und nicht perfekt ist. Irgendwann hab ich dann wieder damit aufgehört…

Wo gibt es denn für dich als Person des öffentlichen Lebens eine Grenze, wo du sagst: Da lasse ich niemanden reinschauen?
Die Grenze gibt es, aber die habe ich nur im Gefühl, das kann ich nicht inhaltlich festmachen. Ich hab es bisher ganz gut hingekriegt, Sachen online so zu schreiben, dass man nicht genau weiß: Ist das jetzt privat oder nicht? Man weiß zum Beispiel nichts über mein Liebesleben oder sehr enge Freunde, alles was zu privat ist. Ich kann dir jetzt natürlich kein Beispiel nennen, denn dann würde ich ja öffentlich etwas Intimes nennen… aber manchmal verschwimmen diese Grenzen. Und es gibt ja nicht DIE eine Grenze, manchmal gebe ich auch ein bisschen das Private preis. Aber ich habe es ja selbst in der Hand. Ein gutes Beispiel dafür vielleicht: Neulich wurde mein Hund kastriert, natürlich mit Operation, Narkose und so; dazu habe ich dann auch was gepostet. Aber den Teil, wo ich unfassbare Angst hatte, dass er nicht wieder aufwacht, und beim Tierarzt heulend auf dem Fußboden saß, das teile ich natürlich nicht öffentlich bei Facebook. Ich sage es dir jetzt, also kannst du es auch schreiben. Aber da ist die Grenze. Und das ist eben eine gefühlte Grenze, die ich nicht klar definieren kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Frank.

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