Rosa oder Blau ..oder: was die 68er nicht wußten
Es gibt wohl kaum ein Phänomen, welches so kulturübergreifend verbreitet ist wie geschlechterspezifisches Verhalten. Doch wo liegen die Gründe? Dieser ebenso spannenden wie oft gestellten Frage nahm sich der englische Psychologe Simon Baron-Cohen an. Er vermutete, dass die unterschiedlichen Wege von Männern und Frauen mit ihrer Umwelt umzugehen nicht allein auf Sozialisationsprozesse zurückzuführen waren. Baron-Cohen glaubte, dass die Verhaltensmuster Neugeborener und Kleinkinder bei der Suche nach den Ursachen geschlechterspezifischen Verhaltens vernachlässigt wurden. Untersuchungen von Kleinkindern, die ja noch keinem dauerhaften Erziehungs- und Lernprozess ausgesetzt waren, wiesen schon in den frühesten Kindheitstagen geschlechterspezifisches Verhalten nach. Folglich musste Baron-Cohen den Zeitraum der Entwicklung basaler Verhaltensmerkmale schon vor der Geburt ansetzten. Er suchte also nach einer pränatalen geschlechterspezifischen Prägung des menschlichen Gehirns. Grundsätzlich ging der englische Psychologe nicht von der Untersuchung einzelner Individuen aus, sondern untersuchte statistische Werte. Dass statistisch nachweisbare Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen bestehen, nutzt Baron-Cohen zu der Bildung seines Erklärungsmodells für geschlechterspezifisches Verhalten. Er entwickelt die Vorstellung eines männlichen “S-Gehirns”, welches in Systemen denkt und einem weiblichen “E-Gehirn”, das die Welt durch Empathie erschließt. Der Wunsch die Welt zu begreifen hat hier also unterschiedliche Ausgangspunkte. Männer fragen, wie sie funktioniert, Frauen fragen, wie sie sich anfühlt. Dieses Modell erklärt dann zum Beispiel warum Männer statistisch gesehen ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen besitzen, Frauen hingegen mehr Talent für Sprache. Doch Baron-Cohen suchte auch nach biologischen Ursachen der frühkindlichen Geschlechterprägung und konnte eine statistisch signifikante Beziehung zwischen klassisch geschlechterspezifischen Verhaltensmustern von Kleinstkindern und dem Testosterongehalt im Fruchtwasser der jeweiligen Mütter nachweisen. Die Intensität des Verhaltens korrelierte mit der Konzentration des Sexualhormons im Fruchtwasser. Ein Beispiel aus den Untersuchungen: Je stärker die Testosteronkonzentration im Mutterleib war – logischerweise ist sie bei Jungen stärker als bei Mädchen – desto seltener suchten die Kinder in den ersten Tagen nach der Geburt Augenkontakt zur Mutter und desto kleiner war ihr frühkindliches Vokabular. Weitere Experimente und Untersuchungen brachten den englischen Psychologen, der im Zentrum für Autismusstudien des Trinity College der University of Cambridge arbeitet schließlich zu dem oben beschriebenen Modell der unterschiedlichen, schon im Mutterleib vorgeprägten Gehirnstrukturen.
Als ein weiteres Indiz für das Erklärungspotential des Modells sieht Baron-Cohen seine Ergebnisse aus der Autismusforschung. Die Ursache des Asperger-Syndroms, einer abgeschwächten Form des Autismus, sieht der Forscher in einer extremen Ausprägung typisch männlicher Denkstrukturen: die Betroffenen sind oft hervorragende Systematisierer, haben gute bis besondere Fähigkeiten im Lösen Logik-basierter Problemstellungen, sind manchmal sogar brillante Wissenschaftler, jedoch fehlt ihnen ein großes Maß an sozialer Kompetenz. Manche wissen zum Beispiel kaum Spaß von Ernst zu unterscheiden. Das Einfühlungsvermögen ist reduziert und so tun sie sich schwer, das Verhalten ihrer Mitmenschen zu deuten und sich dementsprechend “normal” zu verhalten. Doch auch ein Beispiel aus der mittlerweile wissenschaftlichen Historie bietet einen Hinweis auf die pränatalen Ursachen eschlechterspezifischen Verhaltens: Basierend auf der Annahme, dass das Rollenverhalten deutscher Kinder ein Produkt der autoritären, die Rollenmuster vermittelnden Erziehungsmaßnahmen früherer Generationen war, versuchten einige Eltern im Zuge der 68er-Bewegung, die geschlechtsspezifischen Erziehungsmuster der traditionellen Kindergärten, also Puppen für Mädchen und Autos für Jungen, aufzubrechen. Eine anti-autoritäre, auf Aggressionslosigkeit und Gleichbehandlung basierende Erziehung in sogenannten “Kinderläden” sollte das Rollenverhalten der Kinder beenden. Dieser Versuch wurde durch die Psychologen Nickel und Schmidt-Deuter wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Die Ergebnisse standen, zur Überraschung der Forscher, in krassem Gegensatz zu den gesetzten Zielvorstellungen der alternativen Kinderläden. Das Spielverhalten war zwar konfliktärmer, aber nur weil die Mädchen im Streitfall fast immer nachgaben. Im Endeffekt brachte die Untersuchung zu Tage, dass die Kinder aus traditionellen Kindergärten weit weniger geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede zeigten als die Jungen und Mädchen in den Kinderläden. Die Ergebnisse der beiden Untersuchungen geben deutliche Hinweise auf eine geschlechterspezifische Prägung der menschlichen Denkstrukturen, die sich dem Einfluss von Sozialisationsprozessen entzieht. Dies zu verleugnen ist angesichts der Tatsachen schwierig, daraus pauschale Diskriminierungen der einen oder anderen Seite abzuleiten, wäre aber auf jeden Fall unsinnig.
Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:
- Denken macht Frauen krank Männersicht anno 1900 Was heute nur noch an Stamm-tischen geäußert wird, war 1900 für JederMann schwarz auf weiss “Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes” nachzulesen. Geschrieben von dem Nervenarzt Paul Julius Möbius nach dem “Frauen ein naturgegebenes Problem sind”. Für Möbius war klar:...
- Gleichberechtigung im 21. Jahrhundert – Ein Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten der FSU Jena Sicherlich, es lassen sich endlos viele amüsante Anekdoten über “das schwache Geschlecht” und “wahre Manneskraft” erzählen. Leider sieht es in der Realität oft ganz anders aus. Da werden Frauen misshandelt und unterdrückt, Mädchen wie Dienstpersonal herum kommandiert, Jungen zu (lebens-)...
- lyrique – die erde ist blau wie eine orange Die lyrique ist leider schon vorbei. Wann die nächste Lesung stattfindet, erfahrt ihr über unseren Newsletter. Dazu einfach eine Email mit dem Betreff “Newsletter” an unique-magazin@live.de senden. Die UNIQUE lud ein zu einer Lesung mit Lyrik in Original und...
- Frauen unter sich Erzähl mir vom Leben “Frauen unter sich” – so kann man das neueste Projekt von Ilse Thoma beschreiben. Die 66-jährige Modefotografin verfolgte in ihrer Arbeit das Thema “Die Frau in ihrer gesellschaftlichen Rolle”. “Ich suchte nicht das Spektakuläre, das Ungewöhnliche, sondern wollte das, was...
- Sozial Aktiv: Besser sammeln als gammeln! „Ich habe einen Pottwal gefunden!“ – „Ich kann Dir dafür Sumpfschildkröten geben!“ – „Hat hier jemand Kegelrobben??“ An einem großen Tisch im Winzerlaer Freizeitladen tummeln sich etwa 10 Kinder und geben lauthals ihre Gebote ab. Allerdings findet hier kein...



Deine Meinung zählt!