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Rezension: Von Washington zu Lincoln

20 Januar 2017 No Comment
Blick über den Potomac River auf Washington Monument und Lincoln Memorial in Washington, D.C. (Foto: David Baron Palo Alto)

Blick über den Potomac River auf Washington Monument und Lincoln Memorial in Washington, D.C. (Foto: David Baron Palo Alto)

Die Heroisierung amerikanischer Präsidenten begann (naturgemäß) mit George Washington. Michael Butter zeigt anhand der 16 Amtsträger bis 1865, dass erst Abraham Lincoln neue Formen der Verehrung zuteil wurden.

von Frank

Die deutschsprachige Literatur zu den amerikanischen Präsidenten ist zwar längst nicht so umfangreich wie die englische, aber dennoch üppig; meist handelt es sich dabei aber entweder um biografische Einzelstudien oder um Überblicksdarstellungen zur Geschichte des Amtes. Einen gänzlich anderen, nämlich sprachbezogenen Zugang wählt hingegen Michael Butter, Lehrstuhlinhaber für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Uni Tübingen, in seinem Band Der »Washington-Code«, der in der Reihe „Figurationen des Heroischen“ des Wallstein-Verlags erschienenen ist.
Es sei gleich gesagt: Hier geht es keineswegs um Verschwörungstheorien; Butters „Washington-Code“ bezieht sich weder auf die Illuminati noch eine Geheimsprache der US-Hauptstadt. Stattdessen geht es um die Sprache der Verehrung, die Butter aus Gedichten und Liedern über den Kriegshelden und „Vater der Nation“ George Washington herausarbeitet.
Der Autor ist dabei überzeugt: Die Heroisierung des ersten Präsidenten, der die Amerikaner durch den Unabhängigkeitskrieg und die ersten Jahre des neuen Staates geführt hatte und bisweilen im Wortsinne als Heiliger verehrt wird – man denke nur an das Fresko The Apotheosis of Washington in der Kuppel der Rotunde des US-Kapitols – brachte ein neues Modell des republikanischen Heldentums hervor, zugeschnitten auf die (Identifikations-)Bedürfnisse des neu geschaffenen Gemeinwesens. Michael Butter bedient sich dabei einzelner Texte, die er als repräsentativ für den aus knapp 2.000 Liedern und Gedichten bestehenden Gesamtkorpus betrachtet (diese, entstanden zwischen 1770 und 1870, sind übrigens in einer Datenbank der Universitätsbibliothek Freiburg für Interessierte zugänglich).
Er identifiziert „eine spezifische ‚Sprache’ des Heroischen“, einen „Code, für den spezifische Begriffe und Leitdifferenzen zentral waren“, stark beeinflusst von den Ideen des klassischen Republikanismus, aber im Zeitverlauf durch gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen einem Wandel unterworfen. Heroisierungen anhand Washingtons Vorbild seien dabei kontinuierlich betrieben worden, spielten aber vor allem in zwei Kontexten eine Rolle: in Krisenzeiten (wie dem Krieg von 1812 oder der Rezession der späten 1830er) sowie in Wahlkämpfen. Bei letzteren wurden Kandidaten mitunter explizit zu „neuen“ Washingtons erklärt – oder ihnen wurde eben diese Eigenschaft abgesprochen.

 „…a hero, without any selfish desire for conquest“
Michael Butter macht im ersten Drittel des Buches mehrere Elemente seines „Heldenmodells Washington“ aus, darunter seine geradezu idealtypische Verkörperung republikanischer Werte sowie die doppelte „Geste des Machtverzichtes“: einerseits 1783, als Washington freiwillig die umfassenden Befugnisse seines Oberbefehl abtrat und sich auf seinen Landsitz in Mount Vernon zurückzog; und erneut 1797 mit dem Verzicht auf eine weitere Amtszeit nach acht Jahren im Präsidentenamt – letzteres ein Präzedenzfall, dem mit Ausnahme Franklin D. Roosevelts alle US-Präsidenten der Geschichte nacheiferten, bis die maximale Amtszeit 1951 durch Inkrafttreten des 22. Verfassungszusatzes festgeschrieben wurde.
Typisch für den „Washington Code“ in der Sprache der Verehrung sei ferner die Hervorhebung von Washingtons militärischem Heldentum als Dienst an der Gemeinschaft, als Handeln für das Gemeinwohl ohne persönliche Ambitionen. Oft werde er dabei als eine Art pater patriae dargestellt, was deutlich an traditionelle Muster der Herrscherverehrung in Europa anschloss, diese aber – so Butter – auch transformierte. Die Heroisierung des ersten Präsidenten sei zudem „von Beginn an auf Nachahmung angelegt“ gewesen. Butter betrachtet die daran anschließenden Rückgriffe auf Washingtons Vorbild in drei Phasen: die unmittelbaren Nachfolger im Amt (John Adams und Thomas Jefferson), die Präsidenten ab dem Krieg von 1812 gegen Großbritannien bis zu Andrew Jackson sowie schließlich die „Kandidaturen der Generäle“ der 1840er und frühen 1850er Jahre. Dabei stellt er die Modifizierungen des „Washington Codes“ über die Zeit heraus.

Von den Zeitgenossen zu „neuen“ Helden
Mit dem aufkeimenden Parteienwettbewerb der frühen Republik gewann auch an Bedeutung, dem eigenen Kandidaten als „wahren“ Nachfolger des großen Washington zu präsentieren, was die Anhänger zu entsprechenden Versen und Liedern, insbesondere im Zusammenhang mit Wahlkampagnen, inspirierte. Butters Analyse zeigt wenig überraschend, dass Jefferson in den Liedern und Gedichten deutlich häufiger ebenbürtig mit Washington dargestellt wurde als John Adams. Beide konnten zwar auf ihre zeitliche und persönliche Nähe zum ersten Präsidenten verweisen; jedoch bleibt Adams als Washingtons Vize-Präsident auch später eher im Schatten, während Jefferson zusätzlich eine eigene Heldenrolle als Verfasser der Unabhängigkeitserklärung zugeschrieben wird: „Die Rolle als Verteidiger der Freiheit geht mit dem Tod Washingtons direkt auf Jefferson über“, postuliert Butter.
Durch den Krieg gegen Großbritannien ab 1812 habe sich eine erste Modifikation des Heldenmodells ergeben: Butter sieht in der Folgezeit des Krieges eine gesteigerte Bedeutung militärischer Erfahrungen für Kandidaten bzw. Präsidenten. Dies spielte einem als Militärhelden verehrten Machtmenschen wie Andrew Jackson, der die Briten 1815 in der Schlacht von New Orleans geschlagen hatte, in die Hände. Das Ergebnis zeigt Butter anhand unzähliger Balladen, die Jackson als einen wahren Nachfolger des großen Washington darzustellen versuchten. In der Folge gab es in den zweieinhalb Jahrzehnten zwischen der Präsidentschaft Jacksons und dem 1861 ausbrechenden Bürgerkrieg mehrmals Kandidaten (und Amtsträger), die mit militärischen Errungenschaften zu überzeugen versuchten.

Abraham Lincoln – „A second Washington“?
So konsistent (und vollständig) Michael Butter die ersten Jahrzehnte nach Washingtons Amtszeit bis zum Ende der Präsidentschaft Jacksons 1837 beschreibt, so ziellos wirkt seine Auswahl danach, wenn er sich an der Nominierung von Generälen vor dem Bürgerkrieg – er spricht von „Heldenkandidaten“ – abarbeitet. Gerade in dieser Zeit entschied freilich die Stellung eines Kandidaten zur Sklavereifrage ganz wesentlich über seine Chance auf eine Nominierung, wodurch die Bedeutung seiner Persönlichkeit abnahm, wie auch Butter anmerkt. Immer wieder zeigt sich in seinem Buch: Er ist kein Historiker, aber stellt trotzdem gekonnt die zeitgenössischen politischen Umstände dar.
Zum Ende seiner Heroisierungs-Analyse erläutert er, dass sich mit Abraham Lincoln bereits zu dessen Lebzeiten eine Pluralisierung der „heroischen Muster“ abzeichnete; Lincoln wurde, so Butter, nicht mehr in der Tradition Washingtons heroisiert: „Direkte Bezüge auf George Washington kommen in den zu Lebzeiten Lincolns verfassten Gedichten praktisch nicht vor.“ Nach Lincolns Ermordung im Jahr 1865 finden sich solche Bezüge dann allerdings doch; so wird er in dem im gleichen Jahr veröffentlichten On the Death of President Lincoln explizit als „A second Washington“ bezeichnet.
Typischer seien allerdings Moses-Vergleiche in den nach Lincolns Tod entstandenen Balladen; insgesamt spiele die religiöse Komponente „für die Darstellung Lincolns eine ungleich größere Rolle, als dies bei Washington und den anderen Präsidenten der Fall war“, schreibt Butter. Er zeigt: Bisweilen wird Lincoln explizit als „martyr“ bezeichnet, oft sei der Vergleich mit Jesus in den heroisierenden Texten zumindest implizit angelegt. Welche Wirkungsmacht diese neue Form der Heldenverehrung Lincolns entfalten konnte, bleibt i Butters Analyse indes weitgehend offen. Das ist ein wenig ärgerlich, schließlich existieren zu keinem Präsidenten (außer Washington selbst) so viele Lieder und Gedichte. Insofern bleibt die Betrachtung Lincolns leider etwas knapp und stichwortartig – aber vielleicht bietet sich hier ein Anknüpfungspunkt für ein weiteres Buch.

Michael Butter:
Der »Washington-Code«
Zur Heroisierung amerikanischer Präsidenten, 1775–1865
Wallstein Verlag 2016
104 Seiten
12,90 €

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