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Rezension: Das Südseeparadies als Konsumenten-Traum

6 Dezember 2014 No Comment
"Americans go native", späte 1950er Jahre (Foto: © Sven Kirsten/TASCHEN)

"Americans go native", späte 1950er Jahre (Foto: © Sven Kirsten/TASCHEN)

In den 1940er und 1950er Jahren herrschte in den USA der Tiki-Wahn: Sehnsüchte nach einer ‚wilden’ und ‚exotischen’ Südsee gingen in der frühen Ära des Massenkonsums auf. Ein Bildband analysiert das Phänomen.

von David

8 Teile weißer Rum, 4 Teile dunkler Rum, 3 Teile Curaçao orange, 3 Teile Zuckersirup, 2 Teile Limettensaft, ein Stück Ananas als Deko – und fertig ist der Mai Tai, ein Cocktail, der auf gängigen Getränkekarten meistens unter der Rubrik „exotische Drinks“ zu finden ist. Sein Name entspringt dem tahitianischen Ausruf „Mai tai roa ae!“ („Das ist sagenhaft!“), aber auch seine Zutaten lassen Gedanken an exotische Paradiesinseln aufkommen, wozu sicher auch der hohe Rumanteil beiträgt. Mit Tahiti hat aber dieser Cocktail nur bedingt etwas zu tun, denn tatsächlich wurde er (wahrscheinlich) vom US-amerikanischen Geschäftsmann Victor Bergeron erfunden, dem Begründer der ‚polynesisch’ ausgerichteten Themenrestaurantkette „Trader Vic’s“. Umstritten ist lediglich, ob ihn nicht doch Ernest Beaumont Gantt erfunden hat, seines Zeichens Begründer konkurrierender ‚Polynesien’-Restaurants.
Sicher ist, dass die USA sich vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre in einer Art Südsee-Wahn befanden, der in den 1950er Jahren seinen Höhepunkt in besagten Themenrestaurants, TV-Serien in Südseegefilden, der Mode privater ausgerichteter luau-Feste, Tiki-Vergnügungsparks und einer unübersichtlichen Vielfalt an kitschigen Südsee-Regalien (von Feuerzeugen bis Salzstreuer) fand. Die sogenannte Tiki-Kultur wurde in den 1950er Jahren Teil der Popkultur.
Im zweisprachigen Band Tiki Pop. America Imagines Its Own Polynesian Paradise geht Sven A. Kirsten, Medienwissenschaftler und Video-Clipregisseur, diesem Phänomen nach. Die Attraktivität eines um pseudo-polynesischen Kitsch organisierten Massenkonsums liegt für ihn auf der Hand: Tiki Pop bot eine Umgebung des Vergnügens und der Erholung für US-Amerikaner, die in urbanen Zentren feststeckten, und versprach genau dort ein polynesisches Paradies auf Erden – oder suggerierte es zumindest. Das Christentum jedoch sah das Paradies als verloren: Als europäische Seefahrer in der Neuzeit im Pazifik traumhafte tropische Inseln fanden, keimte die Hoffnung auf, dass das Paradies auf Erden doch existieren könnte. Die Aufklärung, so Kirsten, schuf die Grundlage des „polynesischen Pop“, in dem sie der angeblich verdorbenen Zivilisation den imaginierten „edlen Wilden“ Polynesiens entgegensetzte. Die Vorstellung einer ‚wilden’ und ‚exotischen’, nicht zuletzt auch ‚zivilisationsfernen’ Südsee beflügelte die Gemüter von Westeuropäern und Nordamerikanern bis weit ins 20. Jahrhundert. Reale Südsee-Erfahrungen, die künstlerisch aus euro- bzw. US-zentrischer Perspektive verarbeitet wurden, hielten die Faszination an ferne tropische Inseln am Leben, seien es Paul Gauguins Gemälde oder Jack Londons und Robert Louis Stevensons Prosa.

"The Kahiki in Columbus, Ohio, 1961" (Foto: © Sven Kirsten/TASCHEN)

In den 1930er Jahren gewann der Trend noch an Schwung – Synergieeffekte zwischen der Traumfabrik Hollywoods und dem Gastronomiegewerbe machten es möglich: Findige Geschäftemacher wie die oben genannten Victor Bergeron und Ernest Gantt schlugen aus den Erfolgen von Südseefilmen wie Die Meuterei auf der Bounty (1935) Kapital. Nicht nur ließen sie von professionellen Film-Setdesignern ihre Locations zu Themenrestaurants umgestalten, die wie kleine, bunte Südseeparadiese in grauen Metropolen wirken sollten. Vielmehr erfanden sie auch eigene Figuren. Der „Beachcomber“ (in etwa: Strandsiedler) als idealisierte Verbindung zwischen dem weißen Mittelständler und dem Inselbewohner lud dazu ein, für die Dauer eines Restaurantaufenthalts Aussteiger-Fantasien zu frönen. Das meist halbnackte „hula girl“ – ob auf Plakaten oder real als Kellnerinnen oder Tänzerinnen – bildete außerdem eine ideale Projektionsfläche für die erotischen Fantasien männlicher Konsumenten.
Der Kult um Thor Heyerdahls Kon-Tiki-Expedition gab der Südseemode dann den Namen der prägenden Figur, die auf eine Maori-Gottheit beruhte. „Tiki“, das versprach Exotik und Abenteuer – meistens in Formen trivialer Alltagsgegenstände, die der Band Tiki Pop überaus reich bebildert: Streichholzhefte, Gewürzstreuer, die mehrheitlich industriell in Japan hergestellten Tiki-Mugs für die rumbasierten Cocktails in den Tiki-Bars, Tiki-Manschettenknöpfe – der Trend kannte kaum Grenzen.
Der Bildband Tiki Pop ist auch ein Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Pariser Musée du quai Branly, die im Juni bis September 2014 zu sehen war, und in einer gewissen Weise spiegelt dies der Band wider – im Guten wie im Schlechten. Gerade der zweite und dritte Teil vermitteln den Eindruck einer eher quantitativen als qualitativen Vorgehensweise. „Und dann gab es noch die Tiki-Revues, und dann die Tiki-Motels, und dann noch die Tiki-Bowlingzentren und die luau-Feste…“ – dieser Modus wirkt auf die Dauer etwas ermüdend, zumal die Bilder bald nur noch selbstzweckhaft wirken und kaum noch kontextualisiert werden (ausführliche Bildunterschriften werden zunehmend von ironischen „one-linern“ ersetzt – „An instant Tiki cocktail: how convenient!“).
Auch Kirstens Text scheint am Ausstellungskonzept, das den Verlauf des Bands vorgab, zu scheitern: Der erste Teil brilliert mit einem kritisch-analytischen Blick. Seine Argumentationen etwa darüber, wie Weltkriegsveteranen ihre traumatischen Erfahrungen an der Pazifikfront durch Integration in den eskapistischen Südseekult verdrängen konnten (bzw. eher mussten), sind schlicht brillant. Fast schon nebenbei erzählt Kirsten zudem auch eine Kulturgeschichte von der Genese und Entwicklung urbanen Massenkonsums in den USA.
Doch solche Analysen werden im zweiten und dritten Teil von faktengesättigten Aufzählungen verdrängt. Besonders essentialistisch sind die Ausführungen zum Ende des Tiki Pop in den 1960er Jahren: Südseekult wurde Establishment, LSD wurde dem Mai Tai und der Motorradfilm dem Südseemusical vorgezogen und Marlon Brando kaufte sich eine Insel. Warum nun genau Tiki Pop in den 1990er Jahren ein Revival erlebte, kann der Band auch nicht wirklich schlüssig erklären.
Tiki Pop. America Imagines Its Own Polynesian Paradise
ist dennoch ein faszinierendes Buch über ein Massentrend, der nicht auf reale Begebenheiten beruhte, sondern auf reine künstlerische Verarbeitungen und pure Fantasie und sich darüber selbst reproduzierte. Es ist auch implizit ein Band über die Konstruktion des ‚exotischen’ Fremden, über die paradoxe Aneignung einer ‚fremden Kultur’, die in dieser Form nicht existiert – ein Prozess, der das Desinteresse an der wirklichen Inselkultur gezwungenermaßen voraussetzte.

Sven A. Kirsten:
Tiki Pop. America Imagines Its Own Polynesian Paradise / Tiki Pop. L’Amérique rêve son paradis polynésien
TASCHEN-Verlag 2014
384 Seiten
39,99 €

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