Home » LebensArt, Leitartikel

Rezension: The Marvellous Age of Comic Books

12 September 2015 No Comment

Blick ins Buch: Superhelden auf satten 60 cm Breite (Foto: © MARVEL / Courtesy TASCHEN)

Hulk, Spiderman und ein Kinnhaken für Hitler: Der Bildband 75 Years of Marvel illustriert die bewegte Geschichte des populären Comicbook-Konzerns.

von Anna

Spätestens seit der Verfilmungen der X-Men und der Avengers ist Marvel auch denjenigen ein Begriff, die noch niemals ein Comic in der Hand hielten. Dass Marvel auch vor den Performances von Patrick Stewart und Robert Downey Jr. eine in der Tat ‚marvellous’ anmutende Geschichte hat, zeigt der TASCHEN-Verlag in seinem fast 800 Seiten starken Liebhaberband 75 Years of Marvel – from the Golden Age to the Silver Screen. Unter Mitarbeit von Roy Thomas, einem ehemaligen Marvel-Chefredakteur, präsentiert das Buch die facettenreiche Geschichte der erfolgreichen Superheldenschmiede.
Captain America beispielsweise entstand bereits in den frühen 1940er Jahren. Auf Papier gebannt vom Zeichner-Duo Joe Simon und Jack Kirby durfte der Captain direkt in seiner ersten Ausgabe im März 1941 Hitler einen rechten Haken verpassen. Was hartgesottenen Fans längst bekannt ist, wird mit amüsanten Anekdoten auch für Marvel-Laien ansprechend präsentiert: Der Druck von Captain America No. 1 wurde im Eilverfahren in die Wege geleitet – aus Angst, jemand könnte ‚den Fuehrer’ vor der Veröffentlichung ermorden.
Bereits seit Mai 1941 ist der legendäre Zeichner Stan Lee Teil des Marvel-Universums. Sein Lebensweg, der untrennbar verbunden ist mit der Geschichte des Comicbook-Konzerns, wird auf vielen Seiten liebevoll bebildert geschildert. Er bleibt jedoch nicht der einzige Autor, dem Tribut gezollt wird: Zum Ende des Buches findet sich eine alphabetische Liste mit Informationen zu Comiczeichnern und -autoren, die im Laufe der Zeit für Marvel die Feder führten.
Die Lebensgeschichten einzelner Helden werden im Laufe von Marvels Bestehen immer wieder aufgegriffen. Doch auch mittlerweile vergessene Charaktere haben ihren Weg in die Anthologie gefunden. Die Amazing Mysteries der 1940er Jahre füllen Seiten ebenso wie Titelbilder des Miss America-Magazins.

Vom Konkurrenten lernen
Auch die Dekade der Atlas-Comics in den 1950er Jahren wird gebührend bedacht, aus denen sich später das heute bekannte Marvel-Universum entwickelte: War man anfangs noch auf Horrorstories spezialisiert, kam die Wende 1961 mit dem ersten Auftritt des Teams der Fantastic Four. Inspiriert vom Erfolg der Justice League of America von Konkurrent DC Comics, entwarf Stan Lee die Fantastic Four – echte Superhelden, deren persönliche Beziehungen zueinander den Leser ansprechen würden. Schon bald folgten diesem neuen Heldenschlag The Amazing Spiderman und X-Men, sowie im Jahr 1963 die heute so erfolgreichen The Avengers.
Die Seiten des Mammutbandes sind gespickt mit Abbildungen der Originalcover, Fotos der Autoren und Zeichner und den zugehörigen Hintergrundinformationen. Dabei sind selbst kleinste Sprechblasen der abgedruckten Comicstrips in dem Großformatband mit satten 60 cm Seitenbreite noch zu erkennen. Gleichzeitig wird die Entwicklung des Marvel-Universums beleuchtet: Zu Anfang kämpften die Helden allein, oder auch in kleinen Teams mit- und gegeneinander. Ende der 1960er Jahre entdeckte Marvel jedoch sein Potenzial, Charaktere titel- und serienübergreifend miteinander interagieren zu lassen. Hulk und die Fantastic Four wurden Gaststars bei den Avengers, und Spiderman strebte eine Mitgliedschaft bei den Fantastic Four an. Mit der zunehmenden Komplexität der Geschichten wuchs auch das Interesse in der breiten Bevölkerung: Der Comic verlor sein Image als Kinderunterhaltung.

Superhelden im Großformat
Fast könnte man vermuten, dass der TASCHEN-Verlag sich in 75 Years of Marvel den Anspruch des Objekts zu eigen macht, nämlich ständig mit Neuem aufzuwarten. Wenige Seiten nach dem Eintrag zu S.H.I.E.L.D.-Agent Nick Fury findet sich eine auffaltbare Doppelseite, die Jim Sterankos eigens kreierten Zeichenstil „Zap Art“ aus dem Heft Nick Fury No. 1 in ihrer Vielfalt aufzeigt. „Marvel Phase Two“ wird erneut eingeleitet von einer Glanzdoppelseite. Die popkulturelle Omnipräsenz des Konzerns mit dem charakteristischen roten Logo ist unbestritten, nicht zuletzt dank der Verfilmung des Marvel Cinematic Universe, die ihren Anfang 2008 mit der Kinofassung von Iron Man nahm.
Diesem und übrigen Filmen widmet das Buch ebenso seine Aufmerksamkeit wie kleineren Fernsehserien. Und wem nach Durchblättern dieses gewaltigen Werks dann doch der Durchblick fehlt, dem wird mit einer 1,20 Meter langen Faltkarte wieder auf die Sprünge geholfen: Hier werden reale Geschichtsdaten der Entwicklung von Marvel gegenüber stellt. Als Zugeständnis insbesondere an Leser, die des Englischen weniger mächtig sind, hat TASCHEN ein 130-seitiges Heft in deutscher Sprache beigelegt. In Comicbuchoptik gehalten, werden hier im Handtaschenformat die wichtigsten Informationen der englischsprachigen Originalversion aufbereitet.
Freilich ist dieses Gesamtpaket ein teures Vergnügen, das deswegen wohl nur eingefleischte Fans zum Kauf bewegen wird. TASCHEN beweist allerdings eindrucksvoll, dass Marvels wundervolle Welt nicht nur auf der großen Leinwand oder als Comic, sondern auch in gebundenem Großformat restlos zu begeistern vermag.

in Deutschland erhältlich als
Roy Thomas / Josh Baker:
75 Jahre Marvel – Von den Anfängen bis ins 3. Jahrtausend
TASCHEN 2014
Hardcover, 712 Seiten
150,00 €

(Cover: © MARVEL / Courtesy TASCHEN)

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Awesome Mix Vol. 2 Kann aus einem Haufen Kleinkrimineller das ‚next best thing’ der Marvel Studios werden? – Es kann: Guardians of the Galaxy besticht durch außerirdisches Tempo und galaktisch gute Story. von Anna Neue Gauner im Marvel Cinematic Universe – oder neue Helden?...
  2. Rezension: Das Südseeparadies als Konsumenten-Traum In den 1940er und 1950er Jahren herrschte in den USA der Tiki-Wahn: Sehnsüchte nach einer ‚wilden’ und ‚exotischen’ Südsee gingen in der frühen Ära des Massenkonsums auf. Ein Bildband analysiert das Phänomen. von David 8 Teile weißer Rum, 4 Teile...
  3. Rezension: Familiengeschichten auf Irrwegen Inzwischen sind TV-Serien bei Erzählweise, Budgets und hochkarätigen Schauspielern auf dem Niveau von Kinofilmen angekommen. Doch wie „funktionieren“ die besten TV-Serien der letzten 25 Jahre und was haben sie gemeinsam? von LuGr Es ist der ganz normale Wahnsinn, der sich...
  4. Rezension: Nationalistisch verblendet, oder: Die „monkey hangers“ Der Comic Der Affe von Hartlepool erzählt eine Geschichte von aberwitziger Lynch-Justiz, wie sie Nationalismus und Fremdenhass hervorbringen können. Eine Lese-Empfehlung. von Frank Wir sind im Jahr des großen Jubiläums: Im Oktober vor nunmehr 200 Jahren schlugen die Truppen...
  5. Rezension: Zwischen Auflehnung und Resignation Ein Reportage-Comic beleuchtet das Privat- und Liebesleben iranischer Zwanzig- bis Dreißigjähriger. Ein Porträt der iranischen Jugend gelingt dabei aber nur bedingt. von Frank Zwar wird Irans Präsident Hassan Rohani häufig als Reformer betitelt, doch ist die Jugend Irans heute...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>