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Vom Kriege

8 Mai 2015 No Comment

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Wir stellen zwei Sachbücher vor, die sich dem Thema Krieg sehr unterschiedlich nähern aber beide den Anspruch haben, unbequeme Fragen zu stellen.

von Frank

Man muss kein eingefleischter Pazifist sein, um den Titel des Buches von Ian Morris merkwürdig zu finden: Krieg – Wozu er gut ist. Die englischsprachige Originalausgabe (War – What is it good for?) lässt dank Fragezeichen die Antwort immerhin noch offen. Der aus dem gleichnamigen Antikriegssong stammenden Entgegnung („…absolutely nothing“) würde Morris jedenfalls vehement widersprechen.
Der gebürtige Brite ist Archäologe und Historiker an der renommierten Stanford University in Kalifornien. Die provokative Grundthese seines Buches: Krieg habe die Menschheit auf lange Sicht sicherer und reicher gemacht. „Krieg ist die Hölle; nur dass die Alternativen – wieder auf lange Sicht betrachtet – schlimmer gewesen wären.“ Auch wenn es schwer sei sich auf diesen Gedanken einzulassen, so Morris, hätten Kriege zu zahlenmäßig größeren, besser organisierten Gesellschaften geführt und diese wiederum zu einem verminderten Risiko für ihre Mitglieder, gewaltsam zu Tode zu kommen. Hier weiß der Autor die Erkenntnisse aus Archäologie und Anthropologie der letzten Jahrzehnte hinter sich: Schätzungen zufolge kamen in der Steinzeit 10 bis 20 Prozent aller Menschen durch die Hand anderer Menschen um.
Nun kamen aber allein durch die beiden Atombomben im August 1945 mehr Menschen um, als es vermutlich 50.000 v. Chr. auf der gesamten Welt gab. Doch Morris’ Zahlenargument für das blutige 20. Jahrhundert lautet, dass die Millionen von kriegsbedingten Toten einem wesentlich geringeren Anteil der Gesamtweltbevölkerung entsprechen – die Wahrscheinlichkeit für einen Menschen im vergangenen Jahrhundert, gewaltsam zu Tode zu kommen, sei „zehnmal geringer als für einen aus der Steinzeit“ gewesen.
Diese quantitative Entwicklung ist also zur Kenntnis zu nehmen; die Frage ist aber, welche Schlüsse man daraus ziehen kann, ziehen will. Es ist ein utilitaristisches ‚Besser’, in das der Krieg Morris zufolge die Welt geführt hat. Während für von Clausewitz der Krieg die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ war, würde Morris wohl vom Krieg als einer Vorraussetzung für effiziente Politik sprechen.

Hobbes’ Leviathan, revisited
Der gebürtige Brite ist ein Freund des Langfristigen – oder, anders gesagt, der langen Kausalketten, die er umso häufiger wiederholt: In Folge von Kriegen begannen die Sieger, ihren Gesellschaften die Besiegten ‚einzuverleiben’, sodass über die Zeit größere, stärkere Staatsgebilde entstanden – der Autor nennt sie meist „Leviathane“; er scheint ohnehin dem Denken von Thomas Hobbes ausgesprochen zugetan zu sein: „Der Normalzustand“ ohne die Produktivität des Krieges wäre laut Morris „Gewalt auf Steinzeitlevel“.
Besagten Leviathanen ist zur Sicherung ihrer Macht daran gelegen, unkontrollierte Gewaltanwendung in ihrem Einflussbereich zu unterdrücken: Gewaltmonopol und Disziplin bescheren ihnen dann Erfolge bei der Eroberung und Kontrolle weiterer Gebiete. Dadurch entstehen mit der Zeit größere Reiche und Regierungen, die über eine effiziente Bürokratie (Steuereinnahmen!) sowie ihren Bedürfnissen entsprechende Streitkräfte verfügen und so Sicherheit und Wohlstand für ihre Bewohner gewährleisten können. Das Römische Reich bildet für Morris das Musterbeispiel dieser Entwicklung.
Nun weiß er als Historiker freilich auch, dass in der Geschichte bei weitem nicht alle Staaten ihre Bürger vor Gewalt bewahrt, sondern sie oft gezielt gegen diese angewandt haben. Morris selbst nennt unter anderem Stalin, der den Tod von Millionen zu verantworten hat, doch behandelt dies eher als Ausreißer oder Zwischenstationen, die nichts an der grundlegenden – zahlenmäßigen – Tendenz ändern, dass „der Krieg für Staaten und Staaten für Frieden“ sorgen.

Allerlei An- und Ausnahmen
Entlang dieser Argumentation begegnen dem Leser allerlei Ausnahmen und Vermutungen: Teils gibt Morris am Rande seiner Beschreibungen unumwunden zu, dass man – je länger die fragliche Zeit zurückliegt – oft nur Vermutungen anstellen könne „in Ermangelung handfester Daten“, oder dass es sich bei herangezogenen Zahlen um „eine sehr grobe Schätzung mit einer Unzahl von Unwägbarkeiten“ handle. Besonders für Regionen außerhalb Europas mache die lückenhafte Datenlage die Schätzungen „ausgesprochen spekulativ“ – was ihn aber nicht daran hindert, diese oftmals als Grundlage seiner Argumentation zu nutzen, denn er ist ein ausgesprochener Freund von Statistiken.
Auch dass der Autor ein Faible für Details der Militärgeschichte hat, fällt schnell auf. Sogar die ‚Produktivität’ des Krieges verliert er darüber teils aus dem Blick und präsentiert dann eher eine Globalgeschichte mit militärhistorischem Fokus, vor allem in den ersten fünf Kapiteln, die er der Geschichte des Krieges bis zum ausgehenden 20. Jahrhundert widmet.
Die Lektüre von Krieg – Wozu er gut ist kann bei ein und demselben Leser alle möglichen Reaktionen hervorrufen. An manchen Stellen ein verärgertes Kopfschütteln, wenige Seiten später hebt man anerkennend-fasziniert die Augenbrauen darüber, was der geübte Archäologe aus Felszeichnungen alles herauslesen kann oder was – und wie – er über römische Legionen oder indische Kriegselefanten schreibt: Morris formuliert szenisch, erzählerisch ansprechend, stellenweise regelrecht mitreißend (was auch für die deutsche Übersetzung des Verlages spricht). Seine „cliffhanger“ am Ende der Einzelkapitel machen die Lektüre spannend. Morris’ Theorie, der Krieg sei, wenn nicht der Vater aller Dinge, dann doch der Urheber von Sicherheit und Wohlstand, bleibt dennoch ziemlich eindimensional, auch nach über 500 Seiten.

Helmut Schmidt und die „Kriegsscheiße“
Eine ganz andere, viel weniger ‚produktive’ Rolle als für Ian Morris nimmt Krieg im persönlichen Rückblick der meisten Beteiligten ein. Die Journalistin Sabine Pamperrien nimmt Helmut Schmidts zahlreiche Äußerungen über den „Scheißkrieg“ und die „Kriegsscheiße“, die er und seine Generation hatten erleben müssen, zum Ausgangspunkt ihrer biografischen Studie Helmut Schmidt und der Scheißkrieg. Anders als der Untertitel („Die Biografie 1918 bis 1945“) suggeriert, beschränkt sie sich aber weder auf den engen Zeitraum noch ausschließlich auf Schmidts eigenes Leben. Vielmehr zeichnet Pamperrien in den ersten Kapiteln eine Familiengeschichte über drei Generationen fast schon Genogramm-analytisch nach, beginnend mit Schmidts Großeltern, und beschreibt Arbeits- und Lebensumstände sowie gesellschaftliche Konventionen und deren Einfluss auf den Charakter des späteren Kanzlers.
Die Autorin kritisiert zu Recht, dass Schmidts Denken und Handeln vor 1945 wesentlich seltener ausführlich beleuchtet wird als die Jahre danach; sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie mit ihrem Buch da Abhilfe zu schaffen gedenkt. Ausführlich hat sie dafür die Militär- und Personalakten zu Schmidt, der es in der Wehrmacht bis zum Kompaniechef gebracht hatte, ausgewertet wie auch seine Aufzeichnungen aus der kurzen Kriegsgefangenschaft 1945. Man hat das Gefühl, dass sie auf Nummer sicher gehen will, weiß sie doch um das historisch verminte Terrain, auf dem sie sich thematisch bewegt: Geradezu detailversessen stellt sie ihre extensive Quellen- und Literaturkenntnis unter Beweis – auf den knapp 300 Seiten ballen sich über 1.300 Fußnoten.
Über weite Strecken ist Helmut Schmidt und der Scheißkrieg eigentlich auch weniger populäres Sachbuch als soziologisch-historische Studie, etwa wenn die Autorin Erinnerungen und Selbstzeugnisse in kleinsten Details und Anekdoten, ja mitunter die Wahl einzelner Wörter fast sequenzanalytisch seziert, um dahinter stehende Denkmuster Helmut Schmidts zu rekonstruieren.
Nicht selten hat man dabei den Eindruck, die These der Autorin stehe bereits so sehr fest, dass sie ausschließlich nach Belegen dafür sucht – dem in der Sache neutralen Beobachter mag das oft als argumentatives Rosinenpicken erscheinen. Mitunter verirrt sich Pamperrien gar gänzlich ins Spekulative (etwa, ob nach der Reichskristallnacht die Rauchsäule einer brennenden Synagoge von Schmidts Kaserne aus zu sehen gewesen sein müsse oder nicht) – umso bemerkenswerter, da sie sonst so auf wissenschaftlich akkurates Handwerk (Stichwort: Quellenbelege) achtet.

An der Front und in der Etappe
Helmut Schmidt und der Scheißkrieg
ist gleichzeitig Familiengeschichte, Militärhistorie und Schmidt-Biografie. Denn eigentlich widmet sich nur die zweite Hälfte Helmut Schmidts Verhältnis zum (und Rolle im) Krieg, und selbst dann liest sich vieles eher als Institutionsgeschichte des Militärs bzw. der Wehrmacht im Nationalsozialismus. Oft schließt Pamperrien dabei vom Allgemeinen auf den Einzelfall Schmidt oder legt solche Schlüsse mit schnellen Erzählschwenken, etwa beim Fronteinsatz vor Leningrad 1941, implizit nahe.
Später, zurück von der Front, erlebte Helmut Schmidt den Bombenkrieg gemeinsam mit der Zivilbevölkerung: In der Etappe mit der Optimierung von Flugabwehrwaffen betraut, wurde Schmidt, „der so gerne meckerte“, wie Sabine Pamperrien schreibt, „zum Idealtypus des produktiven Querulanten“ und betätigte sich außerdem als Ausbilder und Instrukteur. Erst im Januar 1945, fast drei Jahre nach Ende seines ersten Fronteinsatzes, wurde er nach langem Drängen wieder an die Front gelassen, diesmal im Westen als Batteriechef einer leichten Flakabteilung, die bereits in den ersten Tagen zahlreiche Abschüsse feindlicher Flieger verzeichnete. Nach der Zerschlagung der Truppe durch einen Großangriff der Amerikaner schlug sich Schmidt vier Wochen lang zu Fuß in Richtung norddeutsche Heimat durch, geriet Ende April aber doch in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er bereits Mitte August wieder entlassen wurde. „Die großen Verbrechen des Nationalsozialisten“, bescheinigt Pamperrien Schmidts Nachdenken und Aufzeichnungen in dieser Zeit, „kamen in seinen Selbstanalysen nicht vor.“

Der „Soldatenkanzler“?
Erst am Schluss des Buchs zeigt sich, dass die Autorin tatsächlich gar nicht auf Schmidts Verhältnis zum NS-Staat hinaus will, sondern auf das „Soldatische“ als prägendes Element in Schmidts Denken und (politischen) Handeln. Die Sozialisation im Krieg zeige sich an seinem Wirken in der Politik der Bundesrepublik: Nicht nur seien in seiner Selbstwahrnehmung die Begriffe Pflichterfüllung und Kameradschaft „Dreh- und Angelpunkte“; auch den Umgang mit dem RAF-Terror zieht Pamperrien in ihrem Schlusskapitel zum „Soldatenkanzler“ Helmut Schmidt heran. So habe im Großen Krisenstab zuweilen „die Atmosphäre eines Offizierskasinos geherrscht“ – außer Schmidt waren unter anderem mit Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski und CSU-Grande Franz Josef Strauß ehemalige Wehrmachtsoffiziere vertreten. Der „Krieg gegen die Terroristen“, den Sabine Pamperrien bemüht, ist freilich eine nahe liegende, wenn auch etwas wacklige Metaphorik.
Mit dem Label „Soldatenkanzler“ wolle sie Schmidt keineswegs als Militarist oder Kriegstreiber (zu dem er in der Nachrüstungsdebatte der 80er Jahre oft erklärt wurde) darstellen; seine soldatische Prägung seines Charakters sei hingegen unstrittig. So fruchtbar dies potenziell als eine Art ‚Prequel’ für später ansetzenden Schmidt-Biografien ist, bleibt die Folgerung mit etwa 20 Seiten doch eher stichwortartig, oberflächlich.
Selbst wenn man mit den Schlüssen, die Sabine Pamperrien zieht, nicht übereinstimmt: Ihre Schilderungen, gerade zur jüngeren Zeitgeschichte, sind dennoch lesenswert, besonders der im letzten Kapitel knapp beschriebene Umgang der SPD mit der sog. Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS (HIAG), die sich für eine Wahrnehmung der SS-Angehörigen als ‚normale Soldaten’ einsetzte: Der SS-Veteranenverband hatte bei Wahlen durchaus zahlenmäßiges Gewicht, sodass auch die SPD-Führung Konsultationen mit HIAG-Vertretern bereit war, wie Pamperrien schildert. Helmut Schmidt war nicht der einzige, aber der prominenteste SPD-Politiker mit Kontakten zu HIAG.
Auch ein Detail als Schmidts Lebensweg bleibt besonders im Gedächtnis: dass er nach seinem Wehrdienst, der im September 1939 beendet gewesen wäre, eigentlich als Volontär der Deutschen Shell nach Indonesien hatte gehen wollen; im Personalbüro war er bereits vorstellig geworden. An dieser Stelle der Lektüre landet man in Gedanken unweigerlich bei „Was wäre wenn…“, oder, wie Ian Morris seiner Logik nach wohl fragen würde: “War – What is it good for?“

Ian Morris:
Krieg – Wozu er gut ist
aus d. Engl. von Ulrike Bischoff, Susanne Kuhlmann-Krieg, Bernhard Josef
Campus-Verlag 2013
527 Seiten
26,99 €

Sabine Pamperrien:
Helmut Schmidt und der Scheißkrieg. Die Biografie 1918 bis 1945
Piper 2014
352 Seiten
19,99 €

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