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Rezension: Eine kurze Geschichte über absoluten Bullsh*t

6 Mai 2022 No Comment

Benjamin Franklin, bekannter Gründervater der USA, nahm es mit der Wahrheit auch nicht immer so genau. Damit ist er allerdings bei weitem nicht der einzige!

‚Lügen haben kurze Beine‘ sagt man. Aber nichts könnte der Wahrheit ferner liegen, denn während sich Lügen in Windeseile verbreiten, muss die Wahrheit sehen, wo sie bleibt. Von dieser und weiteren (Lügen-)Geschichten schreibt Tom Phillips in seinem Buch Echt wahr? Die genialsten und beklopptesten Lügen der Menschheit.

von Zoe

Eins vorweg: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Lügen und Bullshit. Während Lügen Raffinesse, Geschick und vor allem das Wissen der Wahrheit voraussetzt, kann Bullshit, plump und einfältig von jedem dahergelaufenen Trottel produziert werden. Wie Phillips so schön sagt, „Lügen – ein trickreiches, detailversessenes Geschäft – ist genaugenommen nicht unser Hauptproblem. Unser Hauptproblem ist Bullshit – dummes, anmaßendes Hohlgeschwätz“.

Und wenn Sie glauben, dass allein der Mensch in der Lage ist zu lügen, dann liegen Sie falsch. Das in die Irre führen ist nicht nur der ‚Krone der Schöpfung‘ vergönnt, sondern auch Tiere haben es faustdick hinter den Ohren. Ein Delphin einer Forschungseinrichtung in den USA lernte durch fischige Belohnung, Müll aus seinem Becken zu sammeln. Die betrügerische Wendung: Er fing an, Müll unter einem Stein zu verstecken, um sich so jeder Zeit Fisch zu ergaunern.

Während diese Art und Weise des Lügens und Betrugs keinen wirklich ernst zu nehmenden Schaden anrichtet, haben die Menschen, die es in dieses Buch geschafft haben, es zu weit mehr gebracht. Im Folgenden wird auf drei ausgewählte Figuren der Lügengeschichte eingegangen. Und diese Autorin (ich) würde lügen, wenn sie sie nicht für die drei besten des Buches halten würde*.

Benjamin Franklin: und die Fake News. Bekannt ist der Mann ja für ganz andere Sachen, zum Beispiel als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, aber Franklin trug nicht nur Schalk im Nacken, sondern hatte auch seine Finger in allerhand krummen Geschäften. Hier nur eine Geschichte (im Buch können Sie mehr lesen, denn der Junge hatte einiges an Lügen und Mist verzapft): Zu Zeiten Franklins waren Jahrbücher der heiße Shit mit dem man im Verlagsgeschäft Geld machen konnte. Und auf den Zug wollte er nun aufspringen. Da das Geschäft stark umkämpft war, waren Lügen und Falschmeldungen über Konkurrenten nicht unüblich. Und so kam es, dass er Titan Leeds Todestag vorhersagte. Zwei Sachen an dieser Stelle: Titan Leeds war am Leben und fand das absolut nicht komisch, denn die Leute glaubten Franklins Fake News. Jetzt sollte jeder, der mit PR zu tun hat, aufpassen, denn als Leeds versucht sich in seinem eigenen Jahrbuch zu währen und klarzustellen, dass er nicht tot ist, managt Franklin die Lage selbstbewusst und schreibt, dass er erschüttert sei über die vielen nicht netten Dinge, die über ihn geschrieben wurden und das dies der endgültige Beweis sei, dass Leeds tot ist und nun ein andere niederträchtige Person sein Jahrbuch weiterführe. Mal ganz im Ernst: Der könnte uns auch heute noch an der Nase herumführen und in die Tasche lügen.

General Sir Gregor MacGregor: 1823. Stellen Sie sich ein Land in Wohlstand vor; mit florierender Wirtschaft, ertragreichen Böden und mildem Klima – das alles in Mittelamerika. Im Land Poyais. Wenn Sie jetzt ihre Geographiekenntnisse bemühen und sich fragen, ob Sie je von diesem Land gehört haben und erschrocken feststellen, dass es um Ihre Kenntnisse doch schlechter steht als gedacht, dann kann ich Sie beruhigen, denn dieses Land ist ausgemachter Quatsch. Quatsch erfunden von Sir Gregor MacGregor. Ein Engländer seiner Zeit und dazu ein dreister Hochstapler. Mit falschen Versprechungen, gefälschten Banknoten und einer Proklamation nutze er den britischen Kolonisationswillen aus und schaffte es sogar, dass viele Menschen in die Unternehmung Poyais investierten. Eine Investition, die sie nicht nur ihr Kaptial, sondern häufig auch das Leben kostete.

Suezkrise: Wir schreiben das Jahr 1956. Das Commonwealth ist im Inbegriff zu zerfallen und wie Phillips es so schön ausdrückt setzen sie nicht auf die altbewährte Methode (Verkriechen, Essen, Alanis Morissette) um ihren Trennungsschmerz zu verarbeiten. Hinzu kommt, dass der Suez-Kanal nicht mehr unter britisch-französischer Kontrolle ist, sondern jetzt verstaatlicht, kein Geld mehr abwirft. Also was tun? Wie wäre es damit einen Krieg zu erfinden? Und ja Sie haben richtig gelesen – das war kein Scherz. Großbritannien, Frankreich und Israel setzten zu einer „geopolitischen Farce“ vom feinsten an, erfundene feindliche Truppen, die das Gebiet rund um den Suez in Unruhe versetzen sollten und schon hatten sie wieder alles in der Hand. Sehr praktisch und noch praktischer, dass das vor den Augen der Öffentlichkeit stattfinden konnte und ihnen nur ein bisschen Argwohn entgegenwehte. Auffliegen lassen hat sie niemand anderes als Israel (also mehr oder weniger), denn die hatten ihre Kopie des Dokumentes nicht vernichtet. Da bleibt nur zu sagen: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“

Bill Gates und Steve Jobs: Die beiden haben den Jackpot der Lügner geknackt. Als Gates behauptete, dass sie für den Altair-Computer (ein Microcomputer für die breite Masse) eine funktionstüchtige Software geschrieben haben, war das eine glatte Lüge, die mit Begeisterung aufgenommen wurde. Nun da angekündigt, mussten sie innerhalb von zwei Monaten die Demoversion programmieren und wie jeder weiß, hatten sie Erfolg! Aber nicht nur Gates hatte mit dem Motto fake it until you make it Erfolg. Steve Jobs log dreist bei der Vorstellung des ersten iPhones, denn bei normaler Nutzung stürzte es ab – bei der Vorführung nutze er die einzige Abfolge von Apps, die das iPhone nicht überforderte. Aber da wir mittlerweile beim iPhone 13 sind hat auch er ganz offensichtlich mit Erfolg gelogen, das Problem gefixt und am Ende ja auch die Wahrheit gesagt oder nicht?

In 10 Kapiteln (präziser in 8 Kapiteln plus Einleitung und Schluss) nimmt uns Journalist Tom Phillips mit auf einen rasanten Trip durch die beklopptesten Lügen der Menschheit. Dabei klärt er nicht nur über den Ursprung dieser Unart auf, sondern erklärt auch, warum wir in keinem postfaktischen Zeitalter leben (Spoiler, denn dafür hätte es ein faktisches geben müssen). Unterdessen lässt er sich noch über alte Fake News – von wegen Erfindung von heute – aus und nimmt Hochstapler*innen und Politiker*innen aufs Korn. Nachdem Lügen zum ganz normalen Kollektivwahnsinn erklärt wird, gibt er natürlich auch einen Ausblick darauf, wie es für uns als Gesellschaft weitergehen könnte – vielleicht in einer wahrhaftigeren Zukunft …

*Anmerkung der Redakteurin:

Mal ganz im Ernst, es war wahrlich schwer, meine Favoriten aufzuschreiben, denn eine Geschichte ist dümmer als die Andere und bei der nächsten möchte man sich gleich noch mehr vor den Kopf schlagen. In dieser Rezension habe ich, das schwöre ich hoch und heilig, nicht gelogen, so, dass sich die Balken biegen. Dieses Buch ist absolut von vorn bis hinten ein Meisterwerk seiner Art und sollte von Wahrsagern, Lügnern und Bullshittern gleichermaßen gelesen werden.

Echt wahr? Die genialsten und beklopptesten
Lügen der Menschheit.
Goldmann 2020, 336 Seiten.

 

Über den Autor:

Tom Phillips ist Journalist und verdient seine Brötchen mit Lügengeschichten. Genauer gesagt, damit diese zu widerlegen und die Wahrheit ans Licht zu bringen – in dem er Fact Checker ist. Nebenbei war er Chefredakteur, Teil einer Comedy-Truppe und vieles mehr.

Auch zu empfehlen ist sein erstes Buch: Echt jetzt? Die beknacktesten Aktionen der Menscheit. Mit Hand-vor-den-Kopf-Schlag-Garantie.

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