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Rezension: Feldtagebuch der Fluchtrealität

20 Januar 2018 No Comment

Wo sind die Grenzen Europas – und was passiert dort? Die Comic-Reportage zweier Spanier mit dem Titel Der Riss versucht, Antworten darauf zu geben.

von Frank

Das Genre des „ernsten“ Comics ist in den letzten fünf Jahren geradezu explosionsartig gewachsen: Überall sprießen Graphic Novels und Comic-Reportagen über internationale Konflikte, bewegte Biographien oder politisch Kontroverses. Das birgt die Gefahr einer Übersättigung, sodass wirklich herausragende Titel wohlmöglich gar nicht die Beachtung finden, die sie eigentlich verdienen. Bei Der Riss war dies nicht der Fall – der Band erlebte eine breite Rezeption in den Kulturressorts und wurde Ende letzten Jahres sogar mit einer Ausstellung in Stuttgart vorgestellt – und all das sehr zu recht!
Aber der Reihe nach. Der Band beginnt quasi am „Anfang Europas“: nach dem Zweiten Weltkrieg und bei Churchills Rede im September 1946 mit der Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“. Die Jahrzehnte danach bringen für Millionen Menschen Freihandel, Reisefreiheit, auch eine Währungsunion – aber in der jüngeren Vergangenheit eben auch politische Krisen, Proteste, Flüchtlingsbewegungen. Es folgt eine Doppelseite mit Blick auf das Mittelmeer: „Im Oktober 2013 ertranken 366 Bootsflüchtlinge vor der Küste von Lampedusa…“ – mit diesem Satz endet der Prolog von Der Riss.

Fotoreportage in Form eines Comics
Die anschließenden Reportagen gehen zurück bis Anfang 2014, als der spanische Journalist Guillermo Abril im Auftrag der Zeitschrift El País Semanal über die Situation in der spanischen Exklave Mellila an der Küste Marokkos berichtet. Zusammen mit dem Dokumentarfotografen Carlos Spottorno hat er diese und weitere Stationen nun bildreich aufbereitet. Allerdings nicht in Form einer Graphic Novel im eigentlichen Sinne – denn die „Panels“, wenn man sie so nennen will, sind allesamt Fotos, bearbeitet lediglich mit Farbfiltern. Das Ergebnis ist ein Reisebericht mit authentischem Bildmaterial. Reine Fotobücher würden „es schwer haben“, wodurch sie dann kaum „ein breites Publikum erreicht hätten“, so das im Anhang eingestandene Kalkül hinter der Entscheidung für eine Comic-Umsetzung.

Die beiden Spanier erleben im Mittelmeer die Rettung von Geflüchteten auf hoher See und besuchen die berüchtigte Insel Lampedusa. Doch sie wollen nicht nur die südlichen Grenzen der EU beschreiben und reisen darum unter anderem auch in den Norden Finnlands oder in die Ukraine. „Man spürt, dass die Welt zweigeteilt ist. Entweder man ist drin oder man ist draußen“, resümiert Abril in einem sehr lesenswerten Interview im Anhang des Bandes. Die Risse, auf die der Buchtitel anspielt, seien seit Entstehung der Reportagen noch deutlicher zu Tage getreten, noch stärker aufgebrochen: das Aussetzen von Schengen, das Ja zum Brexit, Wahlerfolge rechtspopulistischer und fremdenfeindlicher Parteien in vielen Teilen Europas. So geht es in Der Riss längst nicht nur um Flucht, sondern um die große Frage, was dieses Europa eigentlich ist.
Eine der intensivsten Seiten des Bandes dreht sich dennoch um das Schicksal von Geflüchteten: Es sind Eindrücke aus einem „Museum“ auf Lampedusa, das Gegenstände zeigt, die dort über die Zeit am Strand angespült wurden. Ein nigerianischer Pass. Eine Babytrinkflasche. Eine Bibel. Diese und andere Gegenstände, ganz ohne Text. Das macht betroffen – soll es auch. Es muss sogar.

Guillermo Abril / Carlos Spottorno:
Der Riss
Avant Verlag 2017
184 Seiten
32,00 €

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