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Rezension: Ohne Gott, Sinn und Menschlichkeit

2 Juni 2015 No Comment
(Illustration: Anastasiia Slobodianiuk)

(Illustration: Anastasiia Slobodianiuk)

Das literarische Werk des Marquis de Sade ist von Darstellungen exzessiver sexueller Gewalt geprägt und dafür berüchtigt. Volker Reinhardt befasst sich mit Leben und Werk des kontroversen Autors und bietet spannende Interpretationsansätze.

von David

Proto-Feminist, antihumanistischer Vordenker moderner Massenmorde, Pionier sexueller Toleranz, Schutzpatron des Surrealismus, schwarzhumoriger Satiriker, göttlicher Marquis – die Wege der Sade-Rezeption sind vielfältig. Kein Wunder, denn Sades provokante Schriften sind so abstoßend wie faszinierend, voller irritierender Paradoxien. Für Gegner und Befürworter seiner literarischen Werke bot der Marquis eine ideale Projektionsflache, denn sein Leben ist kaum bekannt. Dieses stellt nun der Frühneuzeithistoriker Volker Reinhardt biografisch in Kontext zu seinen Schriften.
Donatien Alphonse François de Sade war, so Reinhardt, ein typischer Erbadeliger des Ancien Régime: standesbewusst und arrogant. Seine sexuellen Ausschweifungen unterschieden sich zunächst kaum von den in seinen Kreisen üblichen Eskapaden. Doch die Heuchelei im Umgang mit ihnen widerte Sade an, insbesondere jene im frommen Gewand. Deshalb inszenierte er gerne Orgien als schwarze Messen, in denen die Schändung religiöser Reliquien im Vordergrund stand. Ein militanter, aggressiver Atheismus bilde den Kern des Sade’schen Werks so sein Biograf: ein Atheismus, der durch leidenschaftlichen Hass auf das Christentum doch untrennbar mit ihm verbunden war. Als kleiner Junge im Jesuiteninternat sah der Marquis Theateraufführungen mit Nachstellungen von Heiligen-Passionen, in denen Qualen im Mittelpunkt standen. Die 120 Tage von Sodom, Sades Reigen der Gewaltexzesse, sieht Reinhardt als „makabre Wiederauferstehung“ des Jesuitentheaters.
1777 wurde Sade auf Grundlage eines Königserlasses inhaftiert. Die Französische Revolution bescherte dem verfemten Autoren wieder kurzfristig die Freiheit und prägte dessen Prosa: besonders der Doppelroman Die neue Justine, oder: Das Unglück der Tugend und die Geschichte der Juliette, ihrer Schwester war in seinen Schilderungen massenhafter Folterungen und Morde ein grausiges Echo auf den Revolutionsterror. Zentral in Sades Werk, so sein Biograf, sei auch die Auseinandersetzung mit dem Naturrechtsdenken seiner Zeit: Der radikale Rousseau-Gegner sah den Menschen als von Natur aus böse. Rohe Gewalt würde stets siegen und die Tugend – schwach, feige und heuchlerisch – müsse immer untergehen. Die pedantisch beschriebenen Gräueltaten werden von Ausführungen der Täter unterbrochen, die dem Leser wiederholt einhämmern, dass Gewalt die treibende Kraft der Menschheit sei. Reinhardt erkennt viele Paradoxien: Opfer, die sich allzu gerne zu heiligen Märtyrern machen lassen (so die Titelfigur in Justine), Folterer, die sich vor Schmerzen fürchten (so die Protagonistin von Juliette). Sade verweigere dem Leser eine eindeutige Identifikation mit Opfern oder Tätern. Er biete nur Denkanstöße durch die Darstellung einer Welt ohne Gott, ohne Sinn, ohne Menschlichkeit. „Wahre Tugend heißt laut de Sade, den Mut zu seinen Lastern zu haben.“ Einen Lebensweg zwischen selbstgerechter Tugend und verbrecherischen Lastern zeige er nicht auf: „Ihn muss der Leser selbst finden“, resümiert Reinhardt.
Dem Historiker gelingt eine starke Biografie, die sich ihrem Subjekt nüchtern und ernsthaft nähert. Seine Deutungen, von vielen Werkzitaten flankiert, sind stets aufschlussreich – wenngleich die Linie zwischen Paraphrasierung und Interpretation bisweilen unkenntlich ist. Vor allem scheut er sich nicht, grundsätzliche Fragen über Kunstinterpretation und biografisches Schreiben zu stellen – wofür sich transgressive Künstler besonders gut eignen: Wie sehr können ein Autor und der „blanke“ Inhalt seines Textes eins gesetzt werden? Reinhardt gibt auf diese implizite Leitfrage keine einfachen Antworten, sondern plädiert trotz schlüssig argumentierter Thesen in erster Linie für ein komplexes, diskussions- und ergebnisoffenes Dechiffrieren von Literatur und von Kunst überhaupt.
Was ist also Sade? Eine provokante Einladung, in die eigenen Abgründe zu blicken? Vor allem ein Rätsel, das jeder auf eigene Weise lösen muss.

 

Volker Reinhardt:
De Sade, oder: Die Vermessung des Bösen. Eine Biographie
Verlag C.H. Beck 2014
464 Seiten
26,95 €

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